Struktur und Funktionsweise

der Hierarchie






                                Ernst-W. Möbius

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                        Inhaltsverzeichnis

                

            1.0    Struktur und Funktionsweise

                                 1.0.0  Zielsetzung und Übersicht

                            1.0.1 Allgemeine Aspekte des Begriffs

                            1.0.2 von der Anweisung zur Ausführung

                            1.0.3 Formung durch die Form

 

                   1.1    Herkunft des Wortes

                            1.1.1 Wertung des Begriffs

                            1.1.2 Folgen der Wertung

 

                   1.2    Hierarchie und Hackordnung

                            1.2.1 Die Unterschiede

                            1.2.2 Die Verkettung der Dominanzen

                            1.2.3 Die emotionale Seite

 

                   1.3    Formen der Hierarchie

                            1.3.1 Das “Enthaltensein im Enthaltensein”

                            1.3.2 Zwischenbemerkung zur Moral

                            1.3.3 Hierarchie der Werte

                            1.3.4 Hierarchie der Genese

                            1.3.5 Die Funktionshierarchie

                            1.3.6 Heterarchie

                            1.3.7 Von der einstufigen zur

                                      mehrstufigen Hierarchie


 

                   1.4    Hierarchie und Funktion

                            1.4.1 Form und Funktion

 

                   1.5    Hierarchie und Herrschaft

 

                   1.6    Hierarchie und die abstrahierten Werte

                            1.6.1 Die Ungleichverteilung als

                                      Voraussetzung des Wertes

 

         2.0    Die Norm

                   2.1    Begriff

                   2.2    Norm, allgemein

                   2.3    Momente des Könnens

                   2.4    Die Ringe der Normdichte 

                            2.4.1 Organisatoren und Märtyrer

2.4.2Streuung und Differenz zum Umfeld

2.4.3Die Funktion der Kreise

verschiedener Normdichte

2.4.4Die Radikalisierung

                                      und der kleinste Nenner

                            2.4.5 Gottsuche und Mission


 

         3.0    Die Selbstverstärkung der Hierarchie

                   oder die hierarchiebildenden Kräfte

3.1Ist Hierarchie meßbar?

3.1.1Der Gini-Koeffizient

3.2Von der Ungleichheit zum Terror

3.3Die Notwendigkeit des Wachstums

                   3.4    Die Ordnungsmacht des Nutzlosen

                   3.5    Verzicht auf Geld?

                   3.6    Die hierarchiebildenden Kräfte

 


 


 

        1.0.0        Zielsetzung und Übersicht

 

 

Die Häufigkeit des Begriffsgebrauchs von “Hierarchie” steht in einem seltsamen Kontrast zu seiner Bestimmtheit. Meist wird darunter das Ritual ihrer Ausübung verstanden, was zur Folge hat, daß mit dem Verschwinden der Rituale auch die Abwesenheit von Hierarchie verkündet wird. Ohne Kniefall und Prachtvermummung bleibt dadurch offenbar die Struktur verborgen. Ähnlich in der Wissenschaft, wo man sich meist damit begnügt, die statische Anordnung von Dingen oder Begriffen zu verstehen, aber die dynamischen Aspekte zu vernachlässigen. Sind sie aber nicht zu übersehen, wird der gesellschaftliche Hauptaspekt, die dynamische Steuerung und die Steuerungsmacht unter die Kriterien von Gut und Böse gestellt, was ein drittes Mal den Blick auf die Struktur verstellt.

 

Zu diesen allgemeineren Irrtümern und Mißdeutungen kommt bis in die höchsten Etagen wissenschaftlichen Etablissements eine erstaunliche Mißachtung der sehr einfachen Unterscheidungsmöglichkeiten z.B. der Hierarchie von Rangung und Enthaltensein, von Dominanz und Heterarchie, von statischer und dynamischer, von Formal- und Funktionshierarchie usw. Mit diesen anfänglich geringen Mißweisungen wird dann ausschweifend geschlußfolgert und entsprechend weit in die Irre gelaufen. Natürlich werden die Stellen in der Literatur, an denen dies geschieht, hier angegeben. Man sollte aber wissen, daß das Verzeichnis derselben leicht zu Mißdeutungen führen kann, da es nicht um die großen Systeme der großen Soziologen geht, auch nicht um das Bekenntnis zu einer ihrer Schulen, sondern um ihre kleinen aber lehrreichen Nachlässigkeiten.


 

 

Hierarchie ist neben Norm, Interdependenz und Tradierung das gewichtigste Moment der Ordnung bzw. des Organisationsgrades einer Gesellschaft. (Z.B. Riedl [10] S. 74 ff) Sie ermöglicht einer Gesellschaft alles, was gemeinsame, auf ein Ziel gerichtete Bemühung erfordert. Dies beginnt beim Bewegen einer Last durch die einfache Ausrichtung und vektorielle Addition der individuellen Kräfte und es endet noch nicht bei den komplexesten Produkten und Ergebnissen, wo jede(r) Beteiligte etwas anderes, aber dem gleichen Ziel Verpflichtetes auszuführen hat. Neben dieser meist positiv bewerteten Eigenschaft kann Hierarchie alles blockieren, was zu einer gerechten Verteilung von Gütern führt. Und, da kleine Irrtümer in einer absoluten Hierarchie nicht mehr abgepuffert und durch Widerspruch korrigiert werden, können sie sich zu großen Katastrophen auswachsen.

 

Überhaupt wird die Macht der reinen Struktur immer noch verkannt. Sie drückt sich kurz und vorläufig gesagt darin aus, daß Diedaunten nicht gegen die Hierarchie und Diedaoben nicht gegen die Norm ankommen.

 

Mit der Hierarchie wird die Steuerung von Gruppen eingeführt. In der einstufigen Form bestimmt der Hordenführer beispielsweise über den Zeitpunkt des Aufbruchs aller Mitglieder. Dieser Vorgang muß unterschieden werden von der Unterwerfung Einzelner, der Dominanz, die eher ein persönliches Verhältnis bezeichnet. Populärerweise werden oft die Rituale seiner Ausführung mit Hierarchie verwechselt. Was das irdische Alter dieser Struktur anbetrifft, muß man die Reihe der Wirbeltiere bis zu den Fischen zurückschreiten, um sie allmählich verschwimmen zu sehen.


 

 

Der technische, gesellschaftliche und psychische Organisatonsgrad ermöglicht es den Menschen, ihre Versorgung zu sichern, ja zu überleben; er gewährleistet die Steuerung und die Fehlsteuerung, die Versorgung und die Ausbeutung. Sobald mehr als ein Individuum zu versorgen ist, muß das Verhalten aller aufeinander bezogen, gemeinsam und gesteuert sein. Von einer bestimmten Individuenzahl an separieren sich zusätzlich einzelne Stufen voneinander, die sich in charakteristischer Weise (durch Information, Anweisung, Ausführung) gegenseitig beeinflussen, so daß man den Organisationsgrad stark mit der Verdichtung ansteigen sieht. Wo er ihr nicht folgen kann, sorgen Mord und Totschlag, Seuchen und Hunger für einen Stop der Verdichtung. Der Zusammenhang ist so eng, daß jegliche Disparitäten zwischen Dichte und Organisation mit gewaltigen Ausschlägen über Krieg und Frieden, über Wohl und Wehe einer Gesellschaft entscheiden.

 

 

Mit dem Phänomen der Überorganisation und dem Risiko der hierarchischen Fehlsteuerung destruieren Bereiche von einer bestimmten Dichte an sich selbst, ohne daß schon Ressourcenschwund, der finale Spielverderber, erscheinen muß.

 


 

1.0.1Aspekte des Begriffs “Hierarchie”

 

Vorab geht es um die Abgrenzung zu ähnlich gebrauchten und häufig damit verwechselten Begriffen; es geht dann um die Struktur hierarchisch geordneter Bereiche und um ihre Funktionsweise und schließlich um Wechselwirkungen mit der Psyche der sie bildenden Individuen. Zum Schluß soll eine Eigendynamik solcher Bereiche dargestellt werden, die bisher als “Ungerechtigkeit der Welt” fast nur unter moralisierenden Gesichtspunkten behandelt wurde. Es handelt sich um eine Art der Selbstkonturierung mit dem Ergebnis von wachsender Ungleichheit.

Von Soziologen wird man dies(hierarchie-)bezüglich meist an den Begriff der Herrschaft oder der Schichtung verwiesen. Nun haben aber Form und Funktionsweise der Hierarchie spezielle Implikationen, von denen “Schichtung” und “Herrschaft” nur Teilbereiche umfassen.

 

Der Aufbau und die Bewegungsweise von Bereichen oder Systemen, sofern sie sich aus Individuen oder Untersystemen zusammensetzen, haben beispielsweise zur Voraussetzung eine Art Gleichrichtung dieser Individuen, eine gegenseitige Entsprechung zwischen verschiedenen Ebenen, wie Steuerung und Steuerbarkeit - “Folgebereitschaft” - und eine besondere Art der Wechselwirkung, wie Befehl und Ausführung. Erst diese ermöglicht den für hierarchisch organisierte Systeme charakteristischen Informations- und Ressourcenfluß. Einen Fluß übrigens, der sich absetzt vom „Prozessieren der Systeme“ weil er vertikal vom Gedanken zur Tat, von der Information zur Aktion, von der Kommando- zur Ausführungsebene und nicht nur horizontal zwischen den Bereichen / Systemen verläuft. Die Ressourcen dagegen fließen horizontal innerhalb der Ebenen, wobei die rein materiellen sich in der untersten bewegen.

 

Die Weber’schen Herrschaftsformen umfassen nicht ganz diese strukturellen und dynamischen Eigenschaften. “Legitimität” und “Charisma” können auch als Zweier-Beziehung zwischen Herrscher und dem Beherrschtem existieren. Mit ihnen ist nicht der pyramidenförmige Aufbau von Bereichen erfaßt, der die Lenkung stufenweise zunehmender Ebenen erlaubt.

 

Allerdings offenbart der Schritt von der patriarchalen zur patrimonialen Herrschaft durch die Einschaltung der Beauftragten eins der wichtigsten Merkmale der sich geschichtlich entwickelnden Hierarchie - die Mehrstufigkeit, die sich offenbar im Laufe des Neolithikums etablierte. Bei Weber entsteht sie mit dem „Beauftragten“ zunächst temporär und dann permanent. ([12] Seite 134:) „Vom primären Patriarchalismus scheidet (der Patrimonialismus) ... die Existenz des persönlichen Verwaltungsstabes.“ Dieser wird zunächst nach Willkür und von Fall zu Fall eingerichtet und später institutionalisiert. Im Tierreich findet man die Mehrstufigkeit nicht. (Oder nur in ersten Ansätzen, als Verkettung von Dominanzen - ein gesondertes aber interessantes Thema). Der Verwaltungsstab bzw. der Beauftragte stellt die erste Zwischenstufe dar zwischen dem Herren und den Beherrschten bzw. Ausführenden. Die Einführung der mehrstufigen Hierarchie war Voraussetzung für die Bildung der Großreiche, ja sie war der Beginn der Zivilisation. (Ein Ausrufezeichen wurde erwogen aber wieder verworfen, nicht um die Aussage zu entschärfen, sondern um dem Begriff der Zivilisation keinen Anschein einer positiven Wertung zu verleihen.)

 

 


 

         1.02  Information - Ausführung

 

Man findet leicht, daß das Walten der Hierarchie mit einem Informationsfluß, beispielsweise der Ausgabe von Anweisungen und deren materieller Umsetzung, genauer: mit der Wandlung von Information in Aktion zu tun hat. Sie übersetzt beispielsweise über mehrere Stufen den Wortschall eines Befehls in den Tritt von Marschkolonnen, die Bauanleitung in die Errichtung eines Hauses, die (platonischen) Ideen in die Dinge oder den Lichteindruck eines Signals in die tausende von Pferdestärken einer Lokomotive. Hierarchie und Information zeigen sich derart miteinander verwoben, daß Information als funktionierende Hierarchie und Hierarchie als Voraussetzung der Information zu diagnostizieren sind. [In 3.0, Buch_2 unter www.hierarchie-und-macht.de wird eine diesbezügliche Klärung des Informationsbegriffes gegeben. ] Agassi zeigt in “Between Micro and Macro”, Mind, wie die Welt der Elementarteilchen auf diese Weise über Kaskaden zunehmender Energie auf die Makro-Welt einwirkt. Damit kann die prinzipielle Unvorhersagbarkeit des Elementarteilchen-Verhaltens als echter (Makro-) Zufall in unserer Welt erscheinen.

         

Sehr plastisch werden bereits die mächtigen psychischen Implikationen von “Hierarchie” dargestellt - bei Foucault [3] mit dem Schwerpunkt auf “Dominanz” (Herrschen, Dienen), bei Adorno [1] auf “Norm” (Folgebereitschaft (wiederum nach Weber), gemeinsame Emotionen und Glaubenssätze); beides soll hier noch enger mit der hierarchischen Struktur sowie ihren materiellen und organisatorischen Bedingungen verknüpft werden.

 

Die vielfach beschriebenen Rituale der Hierarchie-Exekution sind nicht das Thema. Immerhin ist es interessant, den Weg von der homerischen Selbstanpreisung bis zur mehr oder weniger heimlichen Darstellung der feinen Unterschiede in der Gegenwart zu verfolgen. Die Komik des Verbergens kumuliert in Wahlkämpfen, wo man lauthals seine Bescheidenheit preist.

 

 

 

 

 

 

         1.03  Die Selbstverstärkung oder Überkonturierung der Hierarchie; die Formung durch die Form

 

Darüber hinaus hat die Hierarchie in allen Systemen eine eigenartige, aber offenbar unwiderstehliche Tendenz zur Selbstverstärkung, die als Globalisierung das Problem der Gegenwart darstellt. Mit Selbstverstärkung ist gemeint, daß zB in der Gesellschaft Einfluß, Lenkungsvollmacht, Ressourcen oder Lebensqualität immer ungleicher verteilt werden. Die graphische Darstellung der Güterverteilung auf verschiedene Schichten (Abszisse: Zahl der Individuen gleicher Teilhabe; Ordinate: Menge der Güter pro Individuum) die zunächst als Pyramide oder Spindel dargestellt werden kann, wächst mit der Zeit spitz in die Höhe (des Reichtums), verbreitet seine Basis (der Armut) und schnürt die Mitte (des Mittelstands) ein. Diese Tendenz, hier vorläufig etwas umständlich als “hierarchiebildende oder -konturierende Kraft” bezeichnet, soll ebenfalls in den Gesamtzusammenhang von Ressourcenstrom und Verdichtung gestellt und genauer untersucht werden.

 

Eine seit kurzem nicht mehr herrschende Ideologie hat für diese Art der Überkonturierung verwerfliche psychische Eigenarten der Individuen ausgemacht. Indessen gibt es auch - ohne diese Eigenarten zu leugnen - rein strukturelle und logische Gründe dafür. Der einfachste besagt, daß die Steuerungsvollmacht erstens oben und zweitens eben die Macht ist. Oder daß nach Brecht der große Löffel mehr Suppe faßt als der kleine, was ökonomisch bedeutet, daß kriegt, wer hat und daß mehr kriegt, wer mehr hat. Als Konzentration und Zentralisation hatte Marx diese Erscheinung untersucht; empirisch hatte der Volksmund schon lange erkannt, daß der Teufel immer den größten Haufen bedenkt.

 

Die bereits erwähnte Verdichtung ist - über die letzten 10.000 Jahre gesehen - sicher der universelle Treiber des Ressourcenstromes. Sie könnte diese Rolle aber niemals spielen, ohne eine entsprechende Steigerung des Organisationsgrades, wozu auch die Hierarchisierung gehört. Mehr Menschen brauchen mehr Ressourcen und mehr Ressourcen erfordern verbesserte Förderung, also Land- und Bergbau, das Rad und die Straße usw. dazu alles, was an Ausbildung, Disziplinierung, Wissen und Folgebereitschaft vorausgesetzt werden muß. Keine Großstadt würde einen Monat überstehen ohne Maschinen, Anlagen, abgestufte Zuständigkeiten, Vorratsverwaltung, Ausbildung usw. Besonders der „innere“ Organisationsgrad in Form der Disziplinierung und Ausbildung folgt der Verdichtung, weil erst sie die Alternativen beschneidet, die andernfalls ein Ausweichen vor der Schule, der Kaserne, der Lehre, der Arbeit ermöglichen.

 

Umgekehrt: solange aus ihren Zelten keine Städte werden, brauchen Nomaden weder Autobahnen, Rundfunk noch Schulwesen. Bei Abwanderung zeigt sichtbarer Verfall, wie der Organisationsgrad abwärts in gleicher Weise der Verdünnung folgt. Mit den Fesseln fallen auch die Kanalisierungen und mit ihnen der Ressourcenstrom. Es ist nicht die Dichte allein, sondern der enge Zusammenhang und die Differenz zwischen Dichte und angemessenem Organisationsgrad, die für Elend oder Wohlstand verantwortlich sind. Vergleicht man Afrika und Europa, dann findet man, wie der Organisationsgrad hier auch höchstverdichtete Populationen noch versorgen kann; es zeigt sich aber auch innerhalb der Hochorganisation ein zunehmendes Maß an Verelendung als Folge der hierarchiebildenden Kräfte.

Wir finden im Ergebnis, daß eine Dreiheit von Einflußfaktoren, nämlich Dichte, Organisationsgrad und Ressourcenstrom, im gegenseitigen Wechselspiel den Fortschritt oder das Prozessieren (vertikal und horizontal) der Menschheit bestimmt. Die Art und Weise dieser Wechselwirkung ist zu zeigen.

 

Eine für den heutigen Menschen fast perverse Eigenschaft von “Ordnung” besteht in der Tatsache, daß eine in keiner Weise auf den Ressourcenstrom bezogene Ordnung, also eine “... an sich” dem Bereichserhalt dienen kann. Es geht um die meist völlig verkannte (konstruktive und destruktive) Macht der Ordnung. So ordnet beispielsweise eine rein religiöse Schicht, die nur als Verbraucher auftritt, zunächst den Bereich auf sich hin. Damit ordnet sie ihn aber schon als Gesamtbereich, sie ordnet ihn überhaupt und erleichtert, kanalisiert, beschleunigt, ja ermöglicht den Fluß der Ressourcen. Dies ist kein Plädoyer für die Ordnung an sich, denn der durch sie beschleunigte Ressourcenstrom hat nichts mit gerechter Verteilung zu tun - er ermöglicht nur die Verdichtung mit den dazugehörigen Risiken. M.a.W. die Zwänge der Ordnung erlauben Verdichtung und generieren damit die Zwänge höherer Ordnung. Nostalgie verrät uns dann, was wir verloren haben: den Ausweg in die Zukunft.

 

Überschreitet sie (die Organisation) zudem ein bestimmtes Maß, schlägt die Beschleunigung um - in die Chaotisierung. Die Kosten der Ordnung und Verteilung übersteigen dann den durch sie getriebenen Ressourcenstrom. Dies trifft besonders auf den Ausbau der mehrstufigen Hierarchie sowie ihren Schutz- und Erhaltungsaufwand zu.


 

 

 

 

 

 

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1.1    Die Herkunft des Wortes “Hierarchie”

 

eirarcia aus hieros und arche, heilig und Herrschaft (Philosophisches Wörterbuch, Schmidt/Schischkoff, 1972 bei Kröner) bezieht sich zunächst auf den Teil des Begriffes, der die obere Etage der Herrschaft meint: Die Herren sind heilig und stehen im Licht; was darunter, ist weniger heilig und zur Zeit des frühen Wortgebrauchs nicht erwähnt. Das Abstraktum Herrschaft, eigentlich eine Beziehung, eine mehrwertige Relation, konkretisiert sich zunächst nur in den Herren. Das funktionale Verhältnis von Befehl und Gehorsam, der soziale Bezug zwischen den Ebenen, die Zweiwertigkeit des Begriffes findet erst mit dem Aufbau der christlichen Kirchenorganisation seinen Ausdruck. Dort werden alle Stufen abwärts gezählt bis zur Laienschaft.

 

Übersetzt man arche oder arché mit Ursprung (Metzler, “Philosophie Lexikon”, 1996, S. 39 “... auch verstanden als determinierender Ursprung”), so hätte man die “genetische” Hierarchie oder die Rangfolge nach der Abkunft, auch die Emanation / Hervorbringung. Das höchste Prinzip setzt die Formen und bringt das Geformte hervor, als Muster schon bei Plato absteigend von der Idee zu den Dingen. Es handelt sich, weil eine Rangfolge gilt, dabei um eine Hierarchie der Werte. Deren Stufenfolge durch hohe Bewertung eines Zustandes der Ruhe - die Unveränderlichkeit / Unvergänglichkeit der Ideen beim einen, der Unbewegte Beweger beim anderen - begründet wurde. Das Höchste und Erste, von dem alles ausgeht, zeigt selbst keine Veränderung. Die Steuerungsfunktion, die darin bei der Materialisierung der Formen auftritt, wird als dynamische Form der Hierarchie (auch im Historischen Wörterbuch der Philosophie, Bd. 3, 1974) noch nicht explizit angesprochen. Ihr dynamischer Charakter im Sinne eines Tuns / Wirkens verschwindet bei Plato noch hinter der “Teilhabe”.

 

 

 

Als soziale Erscheinungsform von Hierarchie gelten zunächst Priesterschaft und Kirche. Von Anfang an bis in die Neuzeit ist der Begriff gemäß seinem Wortsinn mit der Religion verknüpft. Ältere Lexika, wie die "Encyklopädie der Wissenschaften und Künste", Brockhaus 1831, behandeln "Hierarchie" über 20 Seiten hinweg fast ausschließlich als kirchengeschichtliches Phänomen.

 

Porphyrius’ Begriffspyramide mag eine der Quellen gewesen sein, die die Form der Hierarchiepyramide vorgab. Diese wird implizit fast überall vorausgesetzt, jedoch offenbar mehr aus einer Wert- als einer Funktionsbetrachtung. Das Wertvolle ist seltener und das Minderwertige eben häufiger. Tatsächlich erweist sich aber die Pyramiden- (Birnen-, Spindel-) Form als eine Voraussetzung ihres Funktionierens, d.h. der Steuerung. Sie ist für fast jede Form gesellschaftlicher Bewegung verantwortlich und in jeder Gesellschaft allgegenwärtig. Das ist offenbar der Grund dafür, sie auf manchem Feld der Sozialwissenschaft zu ignorieren.

 

 

[Nicht enthalten als Stichwort ist “Hierarchie” zB in so umfangreichen Werken wie:

            1.        Wörterbuch der Soziologie 

                         Hg. Wilhelm Bernsdorf (1 Bd.)

                         ENKE, Stgt. 1969

            2.         Encyclopedia of Sociology 

                         Hg. Borgatta / Borgatta (4 Bde.) 

                         Macmillan 1992

            3.         Handwörterbuch der Sozialwissenschaften 

                         Hg. Beckerath u.v.a. (12 Bde.) 

                         J.C.B. Mohr u.v.a., Göttingen 1956

            4.         International Encyclopedia of the SOCIAL SCIENCES

                         David L. Sills (18 Bde.)

                         Macmillan 1968

 

Dies angesichts der Tatsache, daß Hierarchie der Steuerungsmechanismus

aller gesellschaftlicher Bewegungen ist. Wir haben hier den Einfluß einer Ideo-

logie, die den Begriff durch pejorative Wertung zu eliminieren versuchte.]

 


 

 

         1.1.1 Die Wertung des Begriffs

 

Durch die kirchengeschichtliche Gewichtung bedingt, setzt mit der Aufklärung eine moralische Wertung des Begriffes im negativen Sinne ein. Hierarchie behält bis in die Gegenwart eine Anmutung von Autorität und Reaktion. Natürlicherweise, könnte man sagen, denn die Steuerung von oben als Synonym der Hierarchie dient dem Bestehenden. Der Ursprung als "heilige Herrschaft" war zweifellos eine unwiderstehliche Versuchung für Diedaoben, Autorität jeglicher Form zu stützen. Auch neuere Autoren zeigen diese “autoritäre” Tendenz. Sowohl Dombois, in “Hierarchie, Grund und Grenze...”, 1971, als auch Weippert in “Das Prinzip der Hierarchie”, 1932, entpuppen sich in den Resümees ihrer Werke als Panegyriker dessen, was sie als Hierarchie definieren - der rangmäßigen Über- und Unterordnung. Es gibt sozusagen eine Hierarchiestufe, die dem Individuum zukommt und in der es seinen Frieden findet. Sein Sosein, meist aus seiner sozialen Lage abgeleitet, definiert seinen Rang in der Welt. Populär hat Laurence J. Peter dies in dem nach ihm benannten Prinzip ausgesprochen. Dies wurde von den Antiautoritären umgekehrt und durch Verschweigen des Begriffes bestraft.

 

Heute zeigt sich dort, wo Autorität abgelehnt wird, eine Tendenz, den Begriff Hierarchie nach Möglichkeit zu umgehen, bzw. seine einfache funktionale Bedeutung nicht wahrzunehmen. Er wird auf die Registrierung schichtspezifischer Verhaltenseigenarten reduziert. Mit psychologischem Feingefühl werden die verborgenen Reste der alten Rituale (besonders interessant bei Bourdieu: „Die feinen Unterschiede“ oder überaus plastisch bei Foucault: “Überwachen und Strafen”) herausgearbeitet. Die hierarchiebildenden Eigenschaften “Führungskraft” und “Gehorsam” sind, weil sie in verheerenden Kriegen kulminierten, zu - nichtsdestoweniger in allen Organisationen maßgebenden, begehrten und gepflegten - Untugenden geworden. Dies hat auch dem Strukturbegriff eine negative Wertung beschert. Allerdings sind die Untugenden gerade im Felde der schärfsten Ablehnung der Struktur als Rang-Privilegien, z.B. denen der Meinungsäußerung, besonders virulent. So ist seine Majestät zum ersten Sekretär, die Priesterschaft zur Kommandoebene, der Chef zum Partner geworden, aber die Steuerungsvollmachten haben durch den (anfänglichen) Wegfall der Rituale an Effektivität eher gewonnen.

 

 

         1.1.2 Folgen der Wertung

 

Sogar in den exakten Wissenschaften werden sie vernachlässigt. ZB das "fachlexikon abc biologie", Harry Deutsch, Leipzig 1986, führt gerade "hierarchisches System" mit dem Hinweis "Taxonomie" also nur die Seite der statischen Ordnung, auf. Die zahllosen Beispiele dynamischer hierarchischer Steuerungssysteme bei der Bewegung, Vererbung, den Hormonwirkungen, den Nervenfunktionen, der Gruppenlenkung usw. werden dort nicht einbezogen.

 

Erst die 7. Auflage des Staats-Lexikons, Schwabe & Co., Basel, bringt über 6 Spalten hinweg (ab Seite 1273) eine politisch-philosophische, eine theologisch-kanonische und eine soziologische Erklärung. Es findet sich darin bereits die Darstellung der organisatorisch-strukturellen Bedeutung, die der dynamischen jedoch nur in Ansätzen: (S. 1278) ” ‘Bürokratie’ und ‘Hierarchie’ wurden vielfach zu negativ besetzten, emotional aufgeladenen Stereotypen, gegen die in den Erörterungen oftmals ein breiter Konsens mobilisiert werden konnte. Inzwischen hat hier wie auch andernorts eine Ernüchterung eingesetzt. ‘Hierarchie’ kann - bei der Bemühung um eine Bewertung - als ein Basismerkmal gesellschaftlicher Gestaltung begriffen werden, das als solches unabdingbar ist, das jedoch hochgradig plastisch ist und das insofern auch mit vielfältigen übergreifenden Zielsetzungen vermittelt werden kann.” Ob es unabdingbar ist und wofür, das mag noch einige Schritte lang dahingestellt bleiben. Als ein reiner Strukturbegriff wie zB „Höhe“, “Anzahl” oder „Komplexität“ wird „Hierarchie“ trotz Ernüchterung immer noch nicht gesehen. Denn o.g. Konsens konnte ja bereits gegen die Erörterung selbst mobilisiert werden, weswegen die Versuchung groß ist, den Begriff umzuwerten, ihn gewissermaßen zu rehabilitieren.

 

Er darf allerdings nicht in einem Atemzug mit der Bürokratie genannt werden. Bürokratie ist eine Mischung aus Hierarchie, Ritual und Kanalisierung, in der die beiden letzteren Momente ein solches Übergewicht gewinnen können, daß durch sie Ressourcenströme bis zum Stillstand gestaut werden. Struktur und Wirkungsweise all dieser Begriffe aber sollten unbeeinflußt von allen Wertungen untersucht werden.

 


 

 

1.2 Hierarchie und Hackordnung

 

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1.2.1 Die Unterschiede zwischen Hierarchie und Hackordnung

 

Der Terminus “Hackordnung” ist bekanntgeworden durch die Dissertation von Schjelderup-Ebbe (u.a. wieder abgedruckt in “Social Hierarchy and Dominance”, Halsted Press, ISBN 0-470-75855-4) über das Dominanzverhalten von Hühnern. Sie stellt einen Markstein in der Beobachtung und Deutung sozialer Verhaltensweisen dar. Im Titel des o. a. Sammelwerkes sind allerdings die beiden Begriffe miteinander vermengt, da hauptsächlich Dominanz und Hackordnung gemeint sind, nicht aber Hierarchie im hier definierten Sinne, d.h. in ihrer Lenkungsfunktion für Gruppen. In Abb. 1 sind die Schemata von Hierarchie und Hackordnung einander graphisch gegenübergestellt.

 

Die Abbildung zeigt im oberen der zwei Teile die Dominanz in einer beliebigen Sozietät, im Unteren die Hierarchie. Dominanz heißt, daß ein Individuum in Richtung der dargestellten Pfeile auf ein anderes einwirkt und dieses im Sinne seiner Absichten bewegen kann. Die Absichten können sein, das dominierte Individuum zur Flucht zu bewegen, vom Futter zu trennen, es einen Satz oder das Einmaleins sprechen, aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit heraustreten oder Maschinenteile gemäß einer Vorgabe zusammenfügen zu lassen. Die Pfeile gehen auf der (oberen) Abbildung gewissermaßen durcheinander - obwohl ein Individuum mehrere andere dominieren kann, veranlaßt es sie nicht zu gemeinsamer, durch seine Absichten geregelter Bewegung. Auch ist die Verkettung von Dominanzen nicht transitiv: wenn A B dominiert und B C lenken kann, heißt das nicht, daß A über C bestimmt. C kann nämlich durchaus nach dem Motto “...hat den Alten in der Hand” über A bestimmen.

 

Anders die Hierarchie. Hier spricht die (zweite) Abbildung für sich; das Leit-Individuum veranlaßt beispielsweise alle anderen gleichzeitig zum Aufbruch. D.h. es bewegt alle Mitglieder “seiner” Gruppe in einem, seinem Sinne. Auch das Zusammenfügen von Maschinenteilen kann unter “Hierarchie” subsumiert werden. Dabei mag jeder der Beteiligten zwar etwas anderes tun; der Zweck und das Ergebnis entspringen jedoch einer - gleichtültig wessen - Absicht, die von allen erfüllt wird. Sie findet ihren Ausdruck in einem Produkt vieler Hände und Köpfe, einer Ortsveränderung auf verschiedenen Wegen, einem vielstimmigen Chorgesang, einem Kriegszug usw. Was wäre aber das gemeinnützige Ergebnis egoistischer Anstrengung? Sicher kein Ergebnis hierarchischer Steuerung; es liegt zwar eine Norm in Form jener adam-smith’schen Moral vor, aber keine Anweisung, sie ab einem bestimmten Termin zu verfolgen.

 

Man kann hier die Frage diskutieren, ob Hierarchie ohne Dominanz möglich ist. Rein funktional bestimmt zum Beispiel ein Versammlungsleiter oder ein Ausguck über das Verhalten eines Bereichs. Die Versammlungsteilnehmer oder das Schiff werden natürlich von ganz anderen Personen gelenkt. Aber für Augenblicke haben jene das Sagen und alle richten sich nach ihnen. Sind sie deswegen dominant? Nach mehrheitlichem Verständnis wohl nicht, jedenfalls nicht persönlich.

 

 

         1.2.2 Verkettung der Dominanzen

 

Hackordnung beschreibt die Herrschaft oder Dominanz eines Individuums über das andere und, sofern es sich um mehr als zwei Individuen handelt, die Verkettung der Dominanzen. Die Tatsache, daß dabei ein Individuum seine Herrschaft auf mehrere (Unter-) Individuen ausdehnen kann, hat offenbar zur Vermengung der Begriffe geführt; diese Verkettung hat aber noch nichts mit Hierarchie zu tun. Es fehlt die gemeinsame Ausrichtung der Individuen auf ein von oben vorgegebenes oder von unten durch Abstimmung definiertes (und dann zwecks Exekution wieder nach oben delegiertes) Ziel. Ebensowenig hat die Verkettung etwas mit mehrstufiger Hierarchie zu tun. Wenn jemand einen zwingt, einen dritten zu zwingen, dann ist das Dominanz, es sei denn der erste zwingt mehrere, von denen jeder wieder eine Gruppe lenkt, so daß die Zahl der Gezwungenen oder Gelenkten in jeder Ebene (nach unten) gleichgerichtet zunimmt.

 

Ein anderer Punkt wäre die damit verbundene Frage des Zusammenhalts. Deutlich ebd. [11] in “Problems in biopsychology of social organisation”, S. 133, wo Dominanz als ein Faktor gesehen wird, der die Wesen voneinander isolieren kann und mehr oder weniger destruktiv auf den Gruppenzusammenhalt wirkt. Jein, würde auf die Frage wohl der Psychologe antworten, da Dominanz sowohl sadistisch als auch karitativ sein kann, manchmal beides zugleich. Dagegen ist Hierarchie gerade der Gruppenbildner (im Zusammenspiel mit der dabei unverzichtbaren Norm und) im Hinblick auf gemeinsame Bewegung und Wirksamkeit. Gleichrichtung (d.h. die Etablierung einer zur Steuerung unentbehrlichen Norm) gleicht Individuen einander an und macht sie damit per definitionem zu Angehörigen einer Gruppe.

 

Hackordnung oder Dominanz allein können diese Rolle nicht übernehmen. Denn erstens kann auch das Individuum, welches nach den Regeln der Hackordnung die meisten anderen unter sich hat, immer noch von einem der übrigen dominiert werden (Abb. 1, roter Pfeil, “...hat den Alten in der Hand”) und zweitens muß seine Dominanz nicht alle Individuen des Bereichs umfassen.

 

Dominanz geht in Hierarchie über, wenn sie über mehrere Individuen in der gleichen Weise wirkt, d.h. mit der Lenkungsfunktion über sie ausgestattet ist. Die Individuen des ganzen Bereichs oder wenigstens der nächstgrößeren darunterliegenden Ebene müssen auf eine von oben ausgehende Information in gleichem Sinne reagieren. Sie müssen zum Wahrnehmen und Befolgen der Lenkung / Anweisung genormt sein. Im Rudel bestimmt das Leittier beispielsweise die Richtung, die alle Mitglieder einzuschlagen haben. Die Norm besteht hier in der Anerkennung der Hierarchie, in der Fähigkeit, die Signale des Leittiers richtig und in gleicher Weise zu deuten und in der Fähigkeit und dem Willen, sie zu befolgen.

 

Auch vom Standpunkt des Lenkenden gesehen ist Dominanz etwas ganz anderes als Hierarchie. Einem Mitglied der Gruppe das Futter wegzunehmen, ist der Ausdruck von Dominanz und ist nur auf ein Individuum bezogen. Der Ruf an eine Futterstelle oder das Zeichen zum Aufbruch haben eine ganz andere Qualität. Sie sind auf alle Mitglieder der Gruppe bezogen und fordern vom Signalgeber, sie als ein Ganzes zu sehen.

 

 

         1.2.3 Die emotionale Seite der Dominanz

 

ist sicher kaum zu überschätzen. Man findet sie in aller Schärfe bei Foucault [3]: liest man ihn, glaubt man ständig “Die Zofen” von Genet zu hören - der beleidigte Souverän rächt sich fürchterlich, der Aufseher weiß alles, der Delinquent kniet demütig. Die Bedeutung der mit “Dominanz” verbundenen Emotionen tritt im Alltag hervor beim Wechsel von Hierarchieebenen, den das Individuum nach oben anstrebt und nach unten erleidet. Hierarchie ist zwar keine Dominanz, aber sie verleiht welche. Der Gewinn an Dominanz beim Aufstieg wird gefeiert, der Verlust beim Abstieg kann Nervenkrisen und Selbstmord zur Folge haben. (s. u. “Aufstieg und Abstieg”, Abb. 5) Hier sehen wir psychische Eigenarten wie Verlustangst und Herrschsucht, die entscheidend auf Strukturbildung und -erhalt wirken.

 

                                                                                                               

 

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Die Inhaber der Lenkungsvollmacht stabilisieren den Bereich durch ihr Hierarchiebewußtsein, die Angehörigen des doing-levels tun dies durch ihr Sicherheitsbedürfnis. Die Bedeutung der mit Hierarchie und Verdichtung verbundenen Emotionen rechtfertigt eine eigene Abbildung, da sie den Treibstoff für die gewaltigsten gesellschaftlichen Bewegungen liefern.

 

Genau besehen besteht die Ordnungswirksamkeit der o.g. Emotionen vor allem in einer Stabilisierung der Hierarchie. Ihre Bedeutung ist kaum zu überschätzen. Den Schrecken des Abstiegs wird vorgebeugt durch die Festschreibung von Privilegien. Die Privilegien sorgen dafür, daß dem Aufstieg keine adäquater Abstieg gegenübersteht. Damit wächst der Wasserkopf, wenn unten nicht nachgefüllt wird; m.a.W. der Beamtenüberfluß wird zum Personalmangel; ein Reich muß immer wachsen, eine Wirtschaft ebenso. Und der Wachstumszwang wächst mit der Dichte.

 

Noch brachialer induziert der Abstieg gesellschaftliche Bewegung. Eine allmähliche Verdichtung in Form sich langsam verschlechternder Lebensbedingungen kann spontane Aufstände provozieren, die in regelrechten Explosionen die Ordnung zertrümmern. Oft gibt es dann keinen niederen Organisationsgrad, der den Ressourcenstrom (vermindert) aufrecht erhält, so daß die Produktion gänzlich zusammenbricht. Wie erwähnt: wenn die Bildschirme dunkel bleiben, fehlt uns der Bollerwagen zum Hamstern.

 

Trotzdem bleibt den Individuen im Umbruch ein stärkeres Lebensgefühl, weil die Erstarrung einen (da unten) nicht mehr im Griff hält. Die gemeinsame Tat bringt ein unglaubliches Gefühl der Befreiung, weil die bewußten und unbewußten Fesseln des Alltags, der Disziplinierung und Selbstdisziplinierung auf einen Schlag weggesprengt werden. Um so ernüchternder ist dann die Erkenntnis von der Notwendigkeit der Ordnung, die als Rebürokratisierung allen Schwung erstarren läßt. (s. Majakowskis “Wanze” unten und die Anm. dazu)

 

 

 

1.3    Formen der Hierarchie;

 

         1.3.1          Das “Enthaltensein im Enthaltensein”

 

Abb. 2: Grundsätzlich sind zwei statische und eine dynamische Form der Hierarchie voneinander zu unterscheiden. Die statische, die eine Anordnung beschreibt, kann zunächst die Form des “Enthaltenseins im Enthaltensein” ([5], zB S. 38) haben. Sie entspricht am anschaulichsten der Form, in der Begriffe die Vorstellungen und Oberbegriffe die Begriffe zusammenfassen und umfassen. Der Begriff Mensch umfaßt alle Menschen, der Begriff Lebewesen alle Menschen, Tiere und Pflanzen. Das Gleiche gilt topologisch für die Sachen selbst: Das Haus ist in der Stadt, die Stadt im Land, das Land im Kontinent.

 

In der Abbildung 2 stellt die erste (oben: 2a) von drei Darstellungen die Form des Enthaltenseins im Enthaltensein dar. Die Individuen oder Normteile einer Schicht, hier als Rechtecke einer Größe, sind in beliebiger Zahl von größeren Rechtecken oder Kästchen umfaßt und diese wieder von den Nächstgrößeren usw. Das ist das Muster Haus-Stadt-Land (topologisch: viele Häuser sind in der Stadt, viele Städte im Land) oder Baum-Pflanze-Lebewesen (begrifflich). Die Schicht selbst kommt in dieser Form nicht vor, weil die dritte Dimension in Form der Über- und Unterordnung im Enthaltensein... fehlt.

 

Der mittlere Teil (2b) zeigt die Hierarchie der Werte. Oben ist Gold oder, wenn wir die Ideen werten, nach Plato das Heilige; darunter finden wir Silber bzw. das Gute, dann Kupfer oder das Wahre und unten Blei oder die Schönheit. Wir haben die Ebenen und implizit ihre Verbreiterung nach unten, weil das Wertvollere als seltener vorausgesetzt wird. Auch die Ideen und ihre Materialisationen verhalten sich zahlenmäßig wie Stempel und Münze. In diesem Beispiel trifft sich die Hierarchie der Werte mit der Hierarchie der Genese oder der der Abkunft.


 

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Das Enthaltensein kennt eine Über- oder Unterordnung begrifflich nur dadurch, daß der “Ober”begriff viele Individuen zusammenfaßt und damit höher bewertet wird und topologisch dadurch, daß das Enthaltende (Stadt oder Baum) größer ist als das Enthaltene (Haus oder Linde). Dies hat nichts mit einem “darüber” oder “darunter” im Sinne der dritten Dimension zu tun, sondern spielt sich als ein Umfassen nur in ein- und derselben Ebene ab. Eine Steuerungsfunktion ist damit erst recht nicht verbunden und eine Rangung höchstens bezogen auf die genannten Größen. D.h. daß man dem “Land” einen höheren Rang zusprechen würde als der “Stadt”, nur weil es sie auf Grund seiner größeren Ausdehnung umfaßt. Die Bewertung, zB „Groß gilt mehr als Klein“ muß erst hinzugefügt werden. Dem Enthaltensein fehlt das Oben und Unten, aus dem erst der Rang hervorgeht. Noch weniger verweist es auf eine Funktion, die erst durch eine Wechselwirkung der Ränge zustandekäme.

 

Die Hauptproblematik bei dieser Hierarchieform (des Enthaltenseins) liegt für Simon [9] in der genetischen Frage, wie sich der umfassende Bereich, das Neue, so aus seinen bestehenden Teilen konstituiert, daß schließlich das Ganze mehr ist als diese seine Teile. Wir sehen Teile / Normteile sich vermehren, wir sehen, wie sie im Laufe der Verdichtung sich zusammenschließen und können endlich beobachten wie dieser Zusammenschluß sich hierarchisch organisiert zur Möglichkeit gesteuerter Bewegung. Zellen bilden Zellhaufen und Zellhaufen erhalten eine Form und mit dieser eine Eigenschaft, nämlich die der Steuerung, die ihre Geißeln so arbeiten läßt, daß die Volvox als Ganzes sich fortbewegen kann. Individuen bilden Rudel, Herden und Horden und erhalten schon auf erstaunlich frühen Stufen der Evolution einen Steuermechanismus in Form von Führung und Folge. Die funktionale Bedeutung der Steuerung äußert sich bald in überbordender Ritualisierung der sie ermöglichenden Hierarchie.

 

Die hierarchisch gesteuerte Bewegung macht die von ihr erfaßten Individuen bereits durch das erreichte Ergebnis (hier die gerichtete gemeinsame Ortsveränderung) zu einer Einheit. Wie wird aber das durch bloßes Enthaltensein Zusammengefaßte zu einer Einheit? Simon [9] sieht dabei, vom Bild der chinesischen (geschachtelten) Kästchen ausgehend, den Erklärungsweg in der Darlegung der Verbindungsweise zwischen den Elementen. Die Bindung ist so stark, daß die Elemente einerseits ihre Selbständigkeit verlieren aber zugleich so schwach, daß sie andererseits einen eigenen Bewegungsspielraum und eine erkennbare Identität behalten. Er nennt sie “near decomposible”.

 

Dies ist zunächst eine mechanisch-statische Betrachtungsweise, die den Zusammenhalt der Elemente gegen eine mögliche Trennung meint. Die notwendige soziale Gleichheit oder Gemeinsamkeit (um als “Enthaltenes” oder Zugehöriges gelten zu können) im Sinne der Weberschen Folgebereitschaft bzw. der Riedl’schen Norm (“Strategie der Genesis”), eine Voraussetzung für die hierarchische Steuerung, ist damit nicht erfaßt. Folgebereitschaft ist auch ohne Zusammenhalt möglich. Die Elemente können sich sogar untereinander abstoßen und trotzdem folgen. Hier zeigt die mechanische Betrachtungsweise ihre Schwäche: die Möglichkeit der Steuerung ist aus der Konzeption des Enthaltenseins - auch unter Zufügung des Zusammenhalts - nicht zu gewinnen.

 

Auf menschliche Gesellschaften bezogen, betrifft dies eher das gegenseitige und das durch die Norm kanalisierte Verhalten als jene elastische Bindung. D.h. Folgebereitschaft oder Steuerbarkeit erwächst nicht aus dem Zusammenhalt bzw. der gegenseitigen Anziehung der Individuen, sondern aus der Zustimmung und der Disziplinierung, am Ende vielleicht nur aus der Disziplinierung - im Notfall tue ich das was ich kann, auch gegen meinen Willen. Im Extremfall können sich die Normteile oder Individuen untereinander abstoßen und trotzdem folgen. Man kann “elf Freunde” zusammenschmieden oder man kann die Spieler aufeinanderhetzen, bis sie sich nicht mehr riechen können - empirisch hat sich noch keines der beiden Konzepte erfolgreicher als das andere erwiesen.

 

Es würde hier zB auch nach Freud die “Massenpsychologie” greifen. Er spricht von der Liebe zum Führer, nicht von der Liebe der Gesteuerten untereinander. Freud sieht die Masse gesteuert vom Unbewußten. Ohne dies zu bestreiten, kann man zeigen, daß es auch eine rein logische Notwendigkeit gibt, “...weder Zweifel noch Ungewißheit” ([4], S. 17) zu kennen. Zweifel verhindern jegliche gemeinsame Bewegung, wie in 2.4.4 “Der kleinste Nenner” gezeigt. Die “magische Macht von Worten” (ebd.) ist dann nichts als die Beschwörung der Gewißheiten, die gemeinsame Bewegung erlauben. Sie werden aufgesogen von den Individuen als die Dammbrecher entgegenstehender Moralen, Interessen, Sprachen, Gewohnheiten, Individualitäten usw. zur Freisetzung der in ihnen aufgestauten Emotionen. Oder, rein auf die Bewegungsmöglichkeit bezogen, selektieren und präferieren Individuen die Worte, die ihnen die einzig wirksame, nämlich die gemeinsame Aktion versprechen. Die frustrierende Erfahrung der Vergeblichkeit individueller Bemühung hat sich bis dahin meist zu einem kollektiven Trauma ausgewachsen, das explosionsartig in die gemeinsame Tat mündet. Auch dazu bedarf es weder Sympathie noch einer gegenseitigen Anziehung der Individuen, sondern nur der Übereinstimmung bezüglich der Befolgung von Steuerinformationen.

 

 


 

 

 

 

 

            1.3.2          Zur Moral, eine vorläufige Anmerkung

(Ausführlich s. Pkt. 4.7, Buch 3, www.hierarchie-und-macht.de)

 

Vielleicht gibt es ja so etwas wie eine ganz eigene, individuelle und von allen anderen unabhängige Moral. Im Allgemeinen wird es sich aber um eine gemeinsame Einstellung / Absicht / Handlungsanleitung handeln, die auf den Erhalt eines wie immer aufgefaßten Ganzen gerichtet ist. Insofern hat sie den Charakter einer Norm, in der aber die Folgebereitschaft zu allgemein formuliert ist. Norm und Moral begrenzen beide das Handeln; die Norm richtet es auf einen Punkt, die Moral verwehrt die unmoralischen Richtungen.

 

Nur wenn es sich um die Norm der Hierarchie, also die des absoluten Gehorsams handelt, wird die Folgebereitschaft an sich, die Unbedingte gefordert. Andernfalls kann Moral die temporäre Bereichsbewegung beträchtlich stören und muß gelegentlich den Überlebenszielen geopfert werden. Norm dient der direkten Steuerung; Moral wird zwar häufig für diesen Zweck aktiviert, kanalisiert aber eher das individuelle Verhalten.

 

Ob die Aktion der Masse nun sittlich und genial oder brutal, sadistisch und von viehischer Dummheit genannt wird, wirkt allerdings nicht auf die Dynamik gesellschaftlicher Bewegungen. Berücksichtigt man in diesem Zusammenhang, daß von den Sachwaltern der Liebe auf Erden die Lebendverbrennung eingeführt wurde, daß die Brüderlichkeit durch die Guillotine und die proletarische Solidarität mit Hilfe des Gulag durchgesetzt wurden, dann darf gefolgert werden, daß die Bereichsbewegungen gleichgültig gegen die sie begleitenden moralischen Ansprüche sind, gleichgültig jedenfalls, solange die Ansprüche nicht die Schubkraft der Bewegungen beeinflussen.

 

 

Daß auch die brutalsten und rechtgläubigsten Regime immer etwas zu verbergen haben, deutet auf eine Moral, die über allen Glaubenssätzen liegt. Sie nützt nur den Individuen nichts, weil sie immer den Notwendigkeiten der Bewegung zum Opfer gebracht wird. Moral grundiert die Norm oft mit dem schlechten Gewissen. Erst im Nachgang kann man Denkmäler setzen und Schuld zumessen.

 

 

 

Während Norm die Steuerungsfähigkeit von Gruppen begründet, hat Moral Erhaltungsfunktionen. Was bedeutet das? Man sehe sich die Rechtfertigungsmuster fragwürdigen Tuns an. Wer beim Stehlen erwischt wird, hat es nicht für sich, sondern für die Familie getan. Wer Kaufhäuser in Brand setzt, hat es nicht für seine Genossen, sondern für die Arbeiterklasse getan. Ein Krieg wird nicht für die Armee, sondern für die Nation geführt. Gemordet wird nicht zum Selbstzweck, sondern für Gott oder die Gemeinschaft der Gläubigen. Eine Tat ist um so moralischer, je größer im Sinne des Enthaltenseins der Bereich ist, dem sie dient. Für die Familie tätig sein, zählt mehr als für das Individuum; für die Polis mehr als für die Familie, für die Gemeinschaft der Rechtgläubigen mehr als für die Polis und für die Menschheit mehr als für die Gläubigen.

 

Werten wir jetzt die Biosphäre höher als die Menschheit, weil sie letztere umfaßt, dann könnte die Opferung der Menschheit, die wir zur Zeit betreiben, uns als Erhalt der Biosphäre hoch angerechnet werden. Also: Moral ist das Erhaltungsgesetz des umfassenderen Bereichs. Sie ist insofern relativ, als “umfassender” sich immer auf den Betrachteten bezieht. Das Opfer der Familie für die Polis gilt als wervoll; nimmt die Polis vom Land, gilt sie als eigensüchtig. Die Worte “Eigennutz” und “Gemeinnutz” bilden genau diese Bewertung des Enthaltenen und des Umfassenden ab.

 

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         1.3.3 Hierarchie der Werte

 

Von jener Hierarchie des Enthaltenseins ist die Über- oder Unterordnung qualitativ gänzlich verschieden. Da ist zunächst die “Hierarchie der Werte”, die aber auch noch keine Wirkung der durch sie geordneten Schichten aufeinander beinhaltet. Gold zählt mehr als Silber, Mut ist höher zu bewerten als die Tugend der Sparsamkeit, aber das Gold bestimmt nicht über das Silber, die Sparsamkeit wird nicht vom Mut befehligt. Ebensowenig kennen die Werte ein Enthaltensein.

 

Wichtig ist dabei eigentlich nur, daß das “oberhalb” mit einem “höheren” Wert verbunden ist. Wir sehen dies graphisch dargestellt in Abb. 2.2. (Mittleres Bild) Eine Verbreiterung der Basis ergibt sich zunächst nur empirisch. Das Häufige ist von geringerem Wert, weil es ohne Mühe erlangt werden kann. Logisch ist auch erschließbar, daß nur Seltenes aus Handhabungsgründen als Wertmaß vereinbart oder als Steuerglied gebraucht wird. Hinkelsteine haben sich nicht als Währung durchgesetzt. Die Rangung selbst ergibt endlich die Struktur, geschieht aber aus strukturfremden Gesichtspunkten. D.h. die stufenweise Abstraktion in Geld, Aktien, Optionen und höhere Derivate geschieht um der Konzentration und der Steuerung willen.

 

Was die Rangung der Tugenden bei Plato anbetrifft, kann zB die Gemeinschaftsdienlichkeit oder das Maß der moralischen Anstrengung herangezogen werden, aber auch der Beitrag zum Bereichserhalt oder die später ausführlich behandelten Notwendigkeiten der hierarchischen Steuerungsfunktionen. Die pyramidenförmige Struktur der Rangung ist eine Voraussetzung der hierarchischen Steuerung (da der Chor kaum den Dirigenten steuern kann), ist aber zunächst als eine Wertzumessung nach Seltenheit ins Bewußtsein gedrungen.

 

 


 

Ihr ähnlich, aber von der Zeit strukturiert, ist die

 

1.3.4          Hierarchie der Genese:

 

Von Schöpfern, von Ideen, von Prinzipien oder vom Ganzen ausgehend werden die Abkömmlinge erschaffen und geformt und von diesen wieder die Teile der Teile bzw. die abgeleiteten Formen. Von den Eltern kommen die Kinder, vom Meister das Werk, von den Ideen die Individuen usw. Die Konzentration der Essenz, die gestaltbildende Kraft wird im Abstieg zu den Dingen immer schwächer, so daß diese (Plato gefolgt) im Rang weit unter den Ideen / Eltern / Meistern... stehen, denen sie ihr Sein verdanken.

 

Auch das Samenkorn könnte diese Betrachtungsweise gestützt haben, obwohl es eher eine ruhende Konservierung von Ordnung bedeutet. Es hat keine Formen, Funktionen und Rhythmen, es enthält nur die Choreographie. Es enthält den Plan, den die Evolution scheinbar planlos gewonnen hat. Im Samenkorn rettet sie ihn über schlechte Zeiten (auch die Schwierigkeiten der Vermehrung) hinweg, konserviert die Information gegen mangelnden Kontext (fehlende Feuchte, Beleuchtung, Nahrung...), ja würde sie in der Leere des Raumes überdauern lassen. Wie die Information muß das Samenkorn auf Verständnis treffen, d.h. auf die Umgebung in der es sich entfalten kann. Insofern können wir es nicht in die Hierarchie der Abkunft einordnen, sondern müssen es als eine Technik der Konservierung ansehen.

 

Im Gegensatz zur Gestaltwerdung der Ideen findet die Naturwissenschaft eigentlich den umgekehrten Vorgang verwirklicht: das Kleinste, das Einzelne, das Normteil baut durch Zusammenschluß die größeren Einheiten. Aus Atomen werden die Sterne, aus Zellen die Tiere usw. und die Selektion gibt davon weiter bzw. läßt durch, was in die Umwelt hineinpaßt.

Obwohl dieser Aufbau sozusagen “von unten” geschieht, haben wir die Neigung, ihm im Sinne der Hierarchie der Genese einen Plan vorzuordnen, der wenigstens die resultierenden Formen einmal gesehen, geahnt, gedacht... hat und derart wieder die uns sympathischer erscheinende platonische Sicht stützt.

So wie die resultierende Aktion bei einem Heer oder einer Demonstration der Marsch ist, der gemäß den Befehlen oder Empfehlungen stattfindet, so ist in der Pflanze der Marsch der Säfte und Photonen die Aktion, die gemäß den Erbanweisungen als Formung des Blattes vor sich geht und als Ergebnis dessen Form hat.

 

Wir haben damit die Hierarchie der Genese auf die dynamische Hierarchie zurückgeführt und sehen, daß bei dieser der Vorgang und bei jener das Geformte sich ergibt. Eine philosophische Analogie ist mit der Rückführung der Seinsursache auf Wirkursachen gegeben, wodurch leider der Plan der Schöpfung entbehrlich wird. Oder sind die Anfangsbedingungen, wenn es sie denn gab, doch auf das gegenwärtige Ergebnis abgestimmt worden. Die Anziehungskraft dieser Vorstellung läßt nicht nach.

 

Befehlsfluß oder die Verwandlung von Information in Aktion geschieht erst in der dritten, der Form der dynamischen oder Funktions-Hierarchie. Voraussetzung für ihr Funktionieren ist allerdings die zweite Form der statischen Hierarchie, die Über- und Unterordnung. Sie bestimmt die Richtung - von oben nach unten - in welcher Information zu Aktion wird. Ihre sozialen Prototypen sind in Militär, Kirche und Mafia ideal verwirklicht.

 

 


 

 

         1.3.5          Die Funktionshierarchie

 

als das Prinzip, das in allen Lebewesen und Gesellschaftsformen wirkt, ist das eigentliche Thema dieser Arbeit. Da ihre Wirkungsweise in der Wandlung von Information in bereichserhaltende Aktion, von Anregung in Ausführung, vom Plan ins Werk besteht, stellt sie auch das Grundmuster dauerhaften Prozessierens in der organischen Welt dar. (“Prozessieren” ist ein Terminus der Systemtheorie; er wird hier mit der Betonung auf den “vertikalen” Tausch von Energie (, Information) und Materie beim Weg vom Signal zur Aktion gemeint, nicht so sehr als Informationsfluß zwischen den Systemen) Ihr enger Zusammenhang mit dem Ablauf von Information wird durch eine Analyse des Informationsvorganges in 2.0 unterstrichen (Buch _2 in www.hierarchie-und-macht.de).

 

Die Wandlung von Information in Aktion läßt sich vorläufig und kurz gesagt veranschaulichen durch den Weg vom Signal, beispielsweise einer auf Grün springenden Ampel über die verständige Umsetzung bei / vor Betätigung des Gaspedals und schließlich in die Lösung der im Kraftstoff gestauten Arbeitsenergie. Wir konstatieren in diesen drei Stufen eine Kaskade zunehmender Energie. Was das Licht energetisch auf dem Augenhintergrund bewirkt, ist (zB in cal) kaum meßbar; die Umsetzung im Hirn ist immerhin (wenn auch durch beträchtliche Verstärkung) bildlich als eine Änderung von Wärmekonzentrationen darstellbar; die Beinmuskeln verbrauchen schon einige Watt bei der Betätigung des Gaspedals und der Motor setzt schließlich eine Energie frei, der keine menschliche Kraft mehr gewachsen ist.

 

Analog dazu wirkt die soziale Hierarchie auf Kaskaden zunehmender Individuenzahlen und mit ihnen auch wieder zunehmender Energie. Der Befehlshaber, Führer, Agitator, Stifter, Sprecher, erste Sekretär usw. beauftragt seine Organisatoren; diese instruieren die Unterführer und diese wieder setzen die Massen in Marsch. Unter Berücksichtigung der Fragen von Verständnis, Zustimmung und Norm hat sich dann der flatus vocis des Obersten über die Pläne, Tagesbefehle und Signale des Managements in die freigesetzte Energie ganzer Heere, Firmen und Demonstranten gewandelt.

 

Daß die Norm in Form der Folgebereitschaft nur die andere Seite der Hierarchie ist (so wie eine Kraft sich erst aus der Gegenkraft erhebt), hat man erst viel später zur Kenntnis genommen. Sie muß in allen Individuen in gleicher Weise implementiert sein. Dies sagt, daß der Schimmel weiß sein muß. Norm verlangt ja per definitionem, daß eine Mannigfaltigkeit gleichgerichtet wurde. Hierarchie offenbart sich dadurch, daß mehrere Individuen durch sie in gleicher Weise verändert / bewegt werden. Das könnte ohne Normung nicht geschehen, m.a.W. Hierarchie ist ohne Norm nicht möglich.

 

Zunächst aber zu einem Begriff, der immer häufiger im Zusammenhang mit der Globalisierung, oder besser der Theorie der Globalisierung auftaucht.

 

                  1.3.6        Heterarchie

 

soll die Nachteile der Hierarchie, die komplexe Systeme letzten Endes unsteuerbar machen würde, vermeiden. Im Gegensatz zur pyramidalen Weisungshierarchie mit ihrer absolutistischen Spitze ist unter Heterarchie ein polyzentrisches Netz mit gleichberechtigten Knoten zu verstehen. Aus dieser Art von Gleichberechtigung erwächst die ideologische Schubkraft des Begriffes. Er suggeriert in der Folge eine Partizipation aller an Entscheidungen und Ressourcen, sofern sie imstande sind, sich das Wissen der Wissensgesellschaft anzueignen.

In der Heterarchie kommunizieren die Bereiche - zunächst im Gegensatz zur eben untersuchten vertikalen Kaskade - untereinander von Ebene zu etwa gleicher Ebene. Scheinbar unterliegen sie keiner Anweisung, wenigstens nicht dem Schema von Befehl und Gehorsam. Soll dann aber eine materielle Wirkung hervorgebracht werden, muß wie bei der mehrfach erläuterten Wirkungs-Kaskade die Information (innerhalb eines Systems / Bereichs) die Ebenen wechseln und im Absteigen immer größere Energien lösen, immer größere Individuenzahlen erfassen. Ohne eine mögliche Reaktion behält die Information ja lediglich Gedanken- oder Traumcharakter.

 

Der reine Austausch wäre l’art pour l’art und ist von Roald Dahl beschrieben worden: Ein Gehirn mit Auge liegt in einer Nährlösung und ist den Provokationen seiner Umwelt ohne jede Reaktionsmöglichkeit ausgeliefert. Das wäre “reine” Information ohne darauffolgende Aktion. (Oder da wir die bereichserhaltende Reaktion, wie in 3.0 in www.hierarchie-und-globalisierung erläutert, als Bestandteil von “Information” sehen, wäre es “halbe” oder unvollständige Information) Also bloße Resonanz in Form der Erkenntnis: „Aha, das ist Anton“ ”...das ärgert mich” oder „...das hat was!“ ohne weitere Folgen, ohne weitere Verarbeitung oder Verwendung.

 

Auch das „Fassen unter einen Begriff“ („...ein Planet“) und die Einordnung ins Weltbild („...umkreist die Sonne“) bedeutet noch keine Aktion, wird aber durch Information veranlaßt. Diese zunächst immateriellen Vorgänge dienen letzten Endes auch dem Bereichs- (Selbst) Erhalt, jedoch vermittelt als ein Lernen zwecks Verbesserung und Vervollständigung des Weltbildes. So kann das einfache Weltbild beispielsweise einen Fluchtweg identifizieren, ein durch Lernen verbessertes aber an Hand bestimmter Merkmale dahinter eine Falle erkennen. Diese Art von Information schließt nicht mit einer Aktion ab, bereitet sie aber vor.

 

M.a.W. dient das “Prozessieren der Systeme” untereinander nur der Vorbereitung, der Kanalisierung oder der Absicherung von Aktionen, nicht aber ihrer Hervorbringung. Solange sich zwei Lokführer lediglich über die Stellung eines Signals unterrichten, haben wir Heterarchie; Fahrt wird erst aufgenommen, wenn der Fahrschalter betätigt wird. Information kann erst Energie lösen, zur Tat werden, wenn sie “abwärts” wirkt. Dazu sind zumindest temporäre Funktionshierarchien mit vertikalem Energiefluß erforderlich. Keinesfalls hat das horizontale Prozessieren die pyramidale Hierarchie ersetzt, nur weil einigen Soziologen jenes Netz das sich über die Hierarchiepyramiden spannt, den Blick auf die Basis verdeckt.

 

 

 

         1.3.7          Der Übergang zur Mehrstufigkeit

 

Abb. 1 zeigt den Unterschied zwischen Hierarchie und Dominanz. Dominanz ist die Eigenschaft eines Individuums, ein anderes nach seinem Willen zu bewegen. Hierarchie dagegen bewegt nicht nur ein Individuum sondern eine Vielheit von ihnen, eine Gruppe, eine Gemeinschaft, eine Kolonne, eine Gemeinde usw. Hierarchisch gesteuerte Individuen werden gemeinsam bewegt. Im einfachen militärischen Fall tun sie alle das Gleiche, zB “Marsch!”. Aber auch der komplexe Fall einer Fabrikation, bei der jeder Beteiligte etwas anderes tut, ist insofern hierarchische Steuerung, als alle Anordnungen und alle Ausführungen einem Zweck dienen und aus einer Quelle kommen.

 

Nun kann die ausführende Ebene aus Individuen bestehen, die wiederum ihrerseits Quellen von Anordnungen sind. Also der Pharao verkündet den Willen, eine Bewässerungssystem oder eine Pyramide zu bauen. Die Schar der Wesire, zuständig für Grundstücksfragen, Astrologie, Götterwünsche, Rituale, Steinbrüche und Kornkammern, nimmt den Wunsch mit allen Zeichen der Eherbietung entgegen. Ihrerseits Eherbietung heischend, rufen diese dann mit waagerecht vorgestreckten Bärten ihre Unterwesire zusammen. Deren Aufgabe ist es, die Anordnungen in Zahlen, Mengen, Abmessungen und Termine umzusetzen. Und irgendwann nach x weiteren Vermittlungen fängt auf der untersten Stufe der Steinmetz an zu hauen, der Bauer zu pflügen und der Arbeiter zu rucken und zu ziehen.

 

Da es in der mehrstufigen Hierarchie um die Vermittlung und Übersetzung von Anordnungen geht, ist diese nur möglich, wo sich Sprache entwickelt hat. Sprache allein findet sich aber schon in einstufig gesteuerten rezenten Urgesellschaften, so daß als eine weitere Voraussetzung eine Dichte und dazugehörige Bereichsausdehnung erreicht sein muß, die von einstufiger Kommunikation (Rufweite) nicht mehr überbrückt werden kann. Michels meint in [7], daß eine Person durch direkten Einfluß etwa 10.000 Individuen führen kann. Vergegenwärtigt man sich aber die Größe damaliger Armeen, so wird offenbar, daß nur die mehrstufige Hierarchie sie bewegen konnte. Unvermeidlich muß hier die quantitative Zunahme in den Qualitätssprung um- schlagen. Das gilt ähnlich für die Arbeitsteilung, deren Weiterentwicklung sie nur noch mehrstufig funktionieren läßt. Die Gewinnung und der Einbau von Material können für sich jeweils einstufig vonstatten gehen, aber die Abstimmung zwischen beiden erfordert eine zweite Stufe, d.h. eine dritte Ebene, eine übergeordnete Koordination. “Übergeordnet” deshalb, weil ohne Vollmacht das Gleichgewicht zwischen Gewinnung und Verbrauch nicht herzustellen ist. Man darf wohl sagen, daß die Einführung der mehrstufigen Hierarchie der Beginn der Zivilisation war.


 

und hier eine Ausführung zu Luhmanns Funktionen für den speziell Interessierten:

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          1.4    Hierarchie und Funktion

 

Bei Luhmann heißt es auf [5] S. 405, mittl. Absatz, “Es trifft, realistisch gesehen, einfach nicht zu, daß soziale Systeme sich durchweg in der Form von Hierarchien bilden,.... Es gibt jedoch offensichtlich auch andere Möglichkeiten, vielleicht weniger leistungsstarke, damit aber auch leichter erreichbare Formen. Wir sehen sie in einer Bewährungsauslese an Hand von Funktionen.”

 

Da Funktion aber gerade, wie ausführlich in www.hierarchie-und-macht.de im Kap. 3.0 “Information” dargestellt, die statische Hierarchie zur Voraussetzung hat und die Bewegungsweise dynamischer Hierarchie ist, kann sie nicht als eine “andere Möglichkeit” gelten. Funktion ist unlösbar mit Steuerung verbunden und Steuerung setzt Hierarchie voraus. A. Benninghoff definiert “Funktion” als “die Ausrichtung der Teilvorgänge auf das Ganze” und “funktionelles System” als die “übergreifende Einheit, in der prozeßhafte und formhafte Äußerungen des Lebens harmonisch gegliedert sind”. (Handbuch philosophischer Grundbegriffe, Kösel, 1973, S. 511) Mit dieser weitgefaßten Formulierung ist immerhin der Doppelcharakter der Funktion als Vorgang und als bauliche Vorkehrung erfaßt. Die Klingel hat die Funktion der Signalgebung und die funktionierende Klingel gibt das Signal. (...das eine Aktion zum Nutzen des Systems Klingel-Tür-Bewohner initiiert)

 

Funktion ist wirkende Hierarchie. Sie verbindet Ursache und Wirkung im Sinne der Dauer ihres Trägers. Ursache ist die Wahrnehmung, die Veranlassung, der Befehl, die Warnung, der Druck auf den Knopf, kurz, die Information und die durch sie veranlaßte Wirkung ist die Lösung von Makro-Energie, d.h. die beabsichtigte Reaktion, die dem Erhalt oder dem Wohl eines zuvor definierten Bereichs dient. Die bauliche Vorrichtung (Fahrstuhl, Bremse, Motor, Nervensystem, Extremität, Organ, Abteilung einer Firma, militärischer Arm, Organigramm usw.), die damit zum Zweck (-erfüller) wird, sorgt für die kausale Verknüpfung von Anlaß und Wirkung.

 

Daß in der Funktion auch der Bereichserhalt eine entscheidende Rolle spielt, erhellt aus dem Beispiel des Feuers. Im Kamin hat es die Funktion des Stubenwärmers; im Dachstuhl, wo es das Haus vernichten kann, zögert man, ihm überhaupt eine Funktion zuzusprechen. Es sei denn, daß es zu einem höheren Zweck dort entzündet wurde, beispielsweise dem der Schröpfung der Versicherung oder der Liquidierung des Bösen durch Verbrennung.

 

         Zur Erinnerung: In Abb. 1c ist die Wirkungsweise der dynamischen Hierarchie veranschaulicht. Diese gilt als hierarchische Steuerung für den Teilbereich genauso wie für den gesamten Bereich. Wenn ein Unternehmen die Aufgabe hat, Profit zu machen, hat der Konstrukteur die Teilaufgabe, Produkte zu entwerfen. Das auslösende Signal an ihn ergeht vom Vertrieb als akustischer oder optischer Eindruck. Er setzt seinerseits Designer, Zeichner und Modelltischler in Bewegung, was gegenüber der ersten Auftragserteilung schon als etwas höherer Energiefluß gemessen werden kann. Weiter unten wird danach transportiert, geschnitten, geformt und geschweißt - der eigentliche materielle Aufwand. Die größte Kugel rollt und leistet ihre Arbeit.

 

          Die abfallende Wellenlinie (statisch) zeigt uns die vorgesehene Bahn als bauliche Vorkehrung; der Lauf der rollenden Kugeln, den nur ein Video wiedergeben könnte, zeigt die Funktionsweise. Die bauliche Vorkehrung hat hier die Gestalt einer fallenden Wellen-Kaskade, auf der eine Kugel, von oben kommend jeweils die darunterliegende - größere, schwerere, energiereichere - über eine Schwelle hinweg in Bewegung setzen kann. Da der Lauf der Kugeln durch die Form der Bahn kanalisiert ist, stellt diese (Form) das Verständnis, die Folgebereitschaft, die Übung, die Disziplinierung, die Kanalisierung, kurz die Norm dar. Im oben zitierten Handbuch steht dafür die “harmonische Gliederung”. „Harmonisch“ kann aber nur für den betreffenden Bereich und seinen Erhalt gelten. Destruktion beispielsweise wird nie harmonisch genannt. (Wo dies trotzdem geschieht, wie beim Zerkauen eines guten Essens, da sehen wir den Erhalt des übergeordneten, größeren Bereichs in Gestalt des Gourmets und seiner Küche gewährleistet.)

 

 

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Wird eine Anweisung ausgesprochen, so entspricht dies dem Anstoß der obersten, und wegen der geringen Energie des Stimmschalls, der kleinsten Kugel. Diese rollt herab, wobei ihr Anstoß die Nächstgrößere bewegt, deren Energie meinetwegen jetzt der Armkraft des Steuermannes entspricht. Es ist sein Verständnis, das die durch Sprache strukturierte Schallenergie zu Information macht. Wenn der Steuermann nun tatsächlich das Rad im angeordneten Sinne bewegt und nicht sich eine Pfeife ansteckt oder ins Meer spuckt, so liegt das an seiner Normung, am Gelernten und Geübten, das ihn instand setzt, eine Anweisung zu verstehen und auszuführen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Erst der hier entwickelte Ablauf von Information holt auch den Begriff der Funktion aus dem Nebel und gestattet es “Funktion” als Vorgang oder Vorrichtung zu definieren, die auf bestimmte Einflüsse so Energie löst, daß sie einem beabsichtigten Zweck, dem Erhalt zuvor definierter ) Fu▀note Bereiche (oder der Bereiche, denen sie angehört) dient.

 

Mit der Entlarvung von Funktion als wirkender Hierarchie erweist sich ihre moralische Wertung einmal mehr als obsolet. Hierarchie ist ebensowenig gut oder böse wie die Gravitation. Gravitation hängt mit der Masse (von Massen) zusammen; Hierarchie in Gesellschaften ist die Strafe für, nein die Folge von Verdichtung, von jener Art Verdichtung, die individuelle Alternativen beschneidet und Arbeitsteilung, Konzentration der Kräfte, gemeinsames Handeln, also einen höheren Organisationsgrad erfordert.


 

 

1.5    Hierarchie und Herrschaft

 

Nehmen wir wieder [12] Weber "Wirtschaft und Gesellschaft", Band1, S. 28: "Herrschaft soll heißen die Chance, für einen Befehl bestimmten Inhalts bei angebbaren Personen Gehorsam zu finden." Die nötige Pyramidenstruktur, die erst aus der Dominanz eine Hierarchie macht, könnte angedeutet worden sein dadurch, daß das Herrschende in der Einzahl und das Dienende in der Mehrzahl erscheint. Das Herrschaftsverhältnis erfordert entweder Macht von oben und/oder Akzeptanz von unten. Es wird im weiteren (wieder Weber) als das charismatische, als traditionales (Überlieferung) oder legales (Vereinbarung) Führer-Gefolgschaftsverhältnis bestimmt.

 

In jedem Fall hat die untere beherrschte Ebene bestimmte Voraussetzungen zu erfüllen. "Unter Herrschaftsordnung wird in der politischen Soziologie die durchgehende Struktur aller politisch relevanten Herrschaftsverhältnisse in einem gesellschaftlichen Ordnungszusammenhang verstanden." (ebd.) Weitgefaßt. Nicht sehr deutlich wird der Tatsache Rechnung getragen, daß außer Stellung, Macht und Akzeptanz noch eine spezielle Formung und Einübung - die Disziplinierung - und als deren Voraussetzung vor allem anderen ein Verständnis auf der jeweils darunterliegenden Ebene erforderlich ist. Sei es Verständnis (als Grundvoraussetzung), psychische Kanalisierung, Disziplinierung, technische Ausbildung, Erziehung, Zustimmung oder Training - mit bloßer Akzeptanz wird ein Befehl nicht ausgeführt. Ein Orchester muß nicht nur spielen wollen, sondern auch können. (Dazu näheres unter 4.5 "Norm")

 

Jedenfalls darf man generell zum Verhältnis von Hierarchie und Herrschaft sagen, daß die letzte die erstere voraussetzt. Die Herrschaftsordnung ist, sofern nicht nur eine Zweier- oder Dominanzbeziehung gemeint ist, eine hierarchische Ordnung. Beide bilden die Ebenen, die Richtung des Energie- (Befehls-, Informations-) flusses und die meist pyramidenförmige Strukturierung der Betroffenen ab. Allerdings könnte die Pyramide in dem Falle, wo eine Mehrheit die Minderheit beherrscht, auch umgedreht werden. Sehr kurzfristig, zB beim Ausbruch einer starken Norm, der die Führung überstimmt oder hinwegfegt, ist dies vorgekommen. Das würde die in fast allen Definitionen genannte Voraussetzung dieses Strukturmerkmals der Hierarchie entfallen lassen. Im Moment des dynamischen Funktionierens, und sei es nur temporär oder durch Abstimmung beschlossen, geht der Befehlsfluß jedoch wieder von einer Person, einem Signalgeber aus, so daß man sagen darf: Herrschaft ist die Nutzung hierarchischer Strukturen.

 

 

         1.51  Demokratie

 

Das gilt auch in der idealen Demokratie, wo zwar die Generallinie per Abstimmung festgelegt wird, die Informationen über die auslösenden Ereignisse aber an einem Punkt zusammenfließen und von diesem aus wieder verteilt werden müssen. Es mag manchmal sich anhören, als würde das Volk die und die Anordnung treffen oder das und das vom Gesetzgeber verlangen. In Wirklichkeit ist die Aussage eines Wahlergebnisses nur: Wir haben mehrheitlich zu erkennen gegeben, dass wir den verkündeten Absichten des Wahlsiegers zuneigen. Wir befolgen seine Anweisungen in der Hoffnung, daß sie geeignet sind, die zuvor verkündeten Ziele zu erreichen. Wenn der Wahlsieger dadurch etabliert ist und die und die Anordnungen trifft, ist es für Abstimmungen zu spät - es muß gefolgt werden. Was dann noch von unten nach oben geht, ist eher eine Nachricht über die Norm, über die Zumutbarkeit von Ansichten, über die Grenzen der Folgebereitschaft. Die Führung testet den Korridor der Zustimmung, in dem sie sich bewegen kann. Im Laufe der Etablierung wächst die Steuerungsmacht und der Korridor wird breiter. Daß die Führung anschließend oft die Gegenrichtung einschlägt, zeigt nur die Macht der hierarchischen Stellung, die sie mit Hilfe der Wähler erworben hat und dann gegen ihren bekundeten Willen nutzt.

 

 

         1.4.1          Form und Funktion

 

Robert Michels [7] zitiert Giddings mit den Worten “The few always dominate”. Hier wird ein aristokratisches Prinzip vertreten und gesagt, daß es immer wenige sind die auf Grund überlegener Qualitäten dominieren. Der Spruch bestätigt eigentlich nur die gaußsche Normalverteilung. Würde das entscheidende Moment der Steuerung berücksichtigt, müßte die Aussage (leider etwas umständlicher) lauten: “For changing information to action, the lower levels must grow.” Die Aktionsebene muß größer sein als die Informationsebene, das ist alles. Oder: wer oben ist, dominiert, weil er oben ist, nicht notwendig weil er besser ist. Alle biologischen, technischen und gesellschaftlichen Systeme sind so eingerichtet, daß sie von der Informations- oder Steuerungsebene mit stufenweise ansteigender Größe zur Reaktionsebene weisen. Oder: daß geringe Energien (Vorzeichen) den Anlaß geben und die durch sie gelösten Makro-Energien (ansteigend über die an Energiegehalt und Besetzung zunehmenden Stufen) die Wirkung hervorbringen.

 

Dies liegt, so darf man sagen, wieder in der Natur der Sache. Sofern ein Ereignis Vorzeichen hat, sind diese schwächer als es selbst. Andernfalls wären sie (von der einwirkenden Energiemenge aus beurteilt) die eigentliche Wirkung oder die Sache selbst. Das Licht oder das Radarecho, das vom Eisberg kommt, transportiert weit weniger Energie als der Eisberg. Aber das Licht muß gedeutet werden (Kap. 3, “Die Filter”). Die Augen des Steuermanns oder andere Sensoren sind dann bezüglich des Energie- oder Personalaufwandes vernachlässigbar gegen die Steuer- oder gar Antriebskräfte, die zum Zwecke eines Ausweichmanövers zu aktivieren sind. Diese wieder sind es gegenüber den Energien des eigentlichen (hier zu vermeidenden) Ereignisses, nämlich des Zusammenstoßes.

 

So korreliert der gewohnte Aufbau der Hierarchie-Ebenen positiv mit der Reihenfolge ihrer Aktivierung und negativ mit dem Maß an der dadurch freisetzbaren Energie. Die schwache Energie der Anweisung wird herabschreiten von der Information zur Aktion, von der Lenkungs- zur Ausführungsebene. Irgendwo in der Mitte nimmt sie mit Konstruktionszeichnung, Modellbau oder Steuerkraft auch einen mittleren Wert an und unten wird sie zum (Makro-) Antrieb oder zum Groß- oder Massen-Produkt, zur Massen-Bewegung. Der pyramidale Aufbau der Ebenen bewegungsfähiger Bereiche bezüglich freigesetzter Energie oder bewegter Masse oder Personen ergibt sich aus dem Ablauf von Funktionen und die Funktionsweise orientiert sich an der Pyramidenform. Die Funktion ist die Steuerung und die Steuerung erfolgt mit geringer Energie - oben kleine Ebene - und wird verstärkt, um größere Wirkungen hervorzubringen - unten große Ebene. Das Ergebnis ist die Pyramiden-, Spindel-, Kegelform. Mit der Spindelform sind wir wieder näher an der Realität; wo sie sich unten verjüngt, haben wir Abfälle, Kollateralschäden, Verluste.

 

Auf S. 31 ebd. stellt Michels Betrachtungen über die mögliche Größe demokratischer Versammlungen und die selbstverwaltbare Zahl von Menschen an, wobei er eher das Führerprinzip als die Informationsströme wirken sieht. S. 416 ebd.: “...die Mehrzahl sich mit Wohlbehagen der Leitung überläßt.” Hier äußert sich zweifellos das starke emotionale Moment der Sicherheit durch Führerschaft, das mit der Akzeptanz der Norm verbunden ist. Im Zusammenwirken mit dem weberschen Charisma erfährt es zweifellos eine beträchtliche Verstärkung. Das würde Michels bestätigen, ist aber wie ausgeführt, als Rangfrage nur ein Teil der Hierarchie. Hauptsache ist und bleibt die Steuerung.


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          1.6  Hierarchie und abstrahierte Ressourcen

              (Geld, Aktien, Optionen...)

 

In diesem Kapitel sollen keine Theorien des Geldes ausgebreitet , sondern nur einige Aspekte betrachtet werden, die seine Wechselwirkung mit dem Ressourcenstrom und seine Verteilung über die Hierarchieebenen betreffen.

 

Es gibt bereits Autoren, die die Zeiten der Hierarchie für beendet erklären. Im einfachsten Fall verwechseln sie die Rituale des Vollzugs mit der Struktur und der Funktionsweise der Hierarchie. Sie meinen offenbar, wo die Ränge nicht mehr gekennzeichnet und die Befehle nicht mehr fußfällig entgegengenommen werden, gäbe es keine Hierarchie. Dabei wirkt Hierarchie auch ohne Rituale. Kooperative Führung, lean management, Heterarchie etc. verzichten auf die Rituale zugunsten eines erleichterten Informationsflusses, aber nicht als Ersatz für hierarchische Steuerung.

 

(Hierarchie kommt sogar ohne Anweisungen aus, sie braucht allein das Wissen um die konzentrierten abstrahierten Ressourcen, also z.B. den Ort, den Besitzer des Geldes. Geld wirkt, ohne daß es erscheint. D.h. das Wissen um seinen Wert und den Ort seiner Konzentration bestimmt und begründet die allgemeine Steuerungsfunktion; das Wissen um seinen vermeintlichen Ort bestimmt Art und Richtung der Ströme. Auch ein herrenloses Konto sammelt Zinsen.)

 

Auch muß der Rang i. Allg. nicht an äußeren Merkmalen kenntlich gemacht werden und die Lenkungsvollmacht wirkt mehr auf die Schicht als auf die Person. D.h. nicht jeder muß bei X arbeiten, aber er muß arbeiten und zwar dort, wo er auf ein Äquivalent hoffen und die Stelle ausfüllen kann. Tatsächlich ist heute jeder Mensch in viele Stränge hierarchischer Organisation eingebunden, in der er Kanalisierungen verschiedenster Stärke und Richtung erfährt.

 

Wir haben keine unterschiedliche Grußordnung für Cantors- und Hofcompositeursfrauen mehr und der Chef der Zentralbank kann seinen Handwerker nicht zum Abschluß eines Sparvertrages zwingen. So scheinen manche hierarchischen Einfluß- bzw. Steuermöglichkeiten der Menschen untereinander außer Kraft gesetzt. Indessen regelt die Verteilung des Geldes - allgemeiner: der abstrahierten Werte - mit eiserner Faust die Anordnung der Menschen in Schichten verschiedener Lenkungsvollmachten. Diese Vollmachten sind streng geregelt und bedeuten keine Freiheit. Ihre Träger sind trotz erheblicher Begünstigungen in ein Korsett von Steuerungsbedingungen gezwängt, die bei Strafe des Abstiegs von ihnen einzuhalten sind. Dazu gehört wohlgemerkt nicht etwa schlechte Arbeit, die weiter unten als Entlassungsgrund dient, sondern zB eher die Beschädigung der Kulissen, vor denen das Stück “Gerechtigkeit” aufgeführt wird.

 

Aber der Umfang der Lenkungsvollmacht, d.h. die Menge an zu bewegenden Menschen und Ressourcen wächst mit jeder Hierarchiestufe. Wie unter 2.0 “Norm” ausgeführt, nehmen im Lauf der Menschheitsgeschichte die inneren Kanalisierungen zu und die äußeren Fesseln ab. Der Sklave trägt eine Kette, der Leibeigen mußte “nur” zahlen, der Arbeiter konnte sich sogar die Arbeitsstelle aussuchen; die Not war seine Kette. Der Scheinselbständige weiß, was er zu tun hat und daß er es zu tun hat und er weiß, was es kostet, es nicht zu tun. Die Disziplin ist seine Kette.

 

Hat man, wie angedeutet eine geometrische oder topologische Veranschaulichung der Geld- und Ressourcenströme vor Augen, dann muß man konsequenterweise die konkreten Ressourcen senkrecht zu den abstrahierten Erträgen fließen lassen. D.h. die Ressourcen fließen nicht nach “oben”, zB in das Bankhaus, sondern die Erträge in Form des Geldes tun es. Kabel, Komputer, Kekse, Kohl und Kohlen werden durch Fabriken und auf Transportwegen bewegt. Der eigentliche materielle Strom bleibt sozusagen unten und fließt dort in der Horizontalen. Das Tragen, Fahren, Schieben, Heben, Heizen, Hauen, Kochen, Gießen geschieht in der Basis. Der Strom der Ressourcen wird allerdings vom Geld oder dessen Besitzer getrieben und gelenkt.

 

Vom Bedarf, wie die klassische Wirtschaftslehre vermutet, wird der Ressourcenstrom nur dort getrieben, wo es in begrenzten Sozialrefugien der Welt eine Umverteilung gibt. Den größten Bedarf hat beispielsweise ein Verhungernder. Aber sein Bedarf wird ohne (sei es auch umverteiltes) Geld nicht befriedigt. Ebensowenig gibt es Großinvestitionen, wie Staudämme, Spielerparadiese oder Raumfahrzeuge, wo keine akkumulierten Mittel zur Verfügung stehen. Offenbar lenken die abstrakteren Werte die konkreteren.

 

Mit dem massiven Auftreten des Entsorgungsproblems verbietet es sich übrigens, vom “Wirtschaftskreislauf” zu sprechen. Ökonomische Abstrakta können nicht zurückgezahlt, aber sie müssen mit konkreten ökologischen Verlusten abgegolten werden. Die Telefongespräche der Broker, die unmerklichen Impulse im Weltnetz, mit denen die höheren Abstrakta auf die niederen wirken, das Insidergeflüster, die Buchgewinne und Papiere sind auf der untersten Hierarchiestufe in Form ungeheurer mehr oder weniger nützlicher Warenmengen, als Megatonnen an CO2, als Schwermetalle und Atemgifte, als Furcht und Elend angekommen. (S. Abb. 8, “Abstrakta-Konkreta” unterster Balken; Reservoir und Deponie) Und das kauft keiner wieder auf. Der Kreis wird nicht geschlossen.

 

 

          

 

 

 

 


 

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          1.6.1          Die Ungleichverteilung des Geldes

                           als Voraussetzung seines Wertes

 

Man erkennt, daß der Wert des Geldes, aus dem die Steuerungsfähigkeit erwächst, eng an die pyramidenförmige Zuordnung zu den Individuen der sie umfassenden Schichten gebunden ist. Die wenigen Individuen der oberen Schichten müssen das große Geld und die Vielen der unteren das kleine Geld haben, damit überhaupt eine Steuerung möglich ist. Ohne die Not, die Notdurft, den Zwang würden das Mühselige, Schmutzige, Gefährliche nicht erledigt. Wären nämlich alle Menschen Millionäre, würde das Geld keine Wirkung auf einzelne Personen oder Schichten ausüben, ja es würde seinen Charakter als Zahlungs- und damit als Steuerungsmittel verlieren. Man hört häufig als Grund für die große Inflation vor dem Krieg “es war zuviel Geld im Umlauf”. Wäre das richtig, dann müßte die Wirtschaft heute, nein, seit Jahrzehnten längst am Boden liegen. Wie oben bemerkt, übersteigt die Menge der abstrahierten Werte die sog. Warendecke um das füngzig- bis hundertfache. Nein, es war damals nicht zuviel Geld in Umlauf, es war zuviel Geld in der Hand Dererdaunten.

 

Das Geld gibt Alternativen, sein Mangel nimmt sie. Mit dem Aufstieg auf der Hierarchieleiter des Reichtums nehmen die Wahlmöglichkeiten zu, mit dem Abstieg schwinden sie. So werden Diedaunten in den Zwang gebracht, das zu tun, was den Ressourcenstrom aufrechterhält und die Akkumulation erzwingt. Oben finden wir daher die Freiheit und die Alternativen, die es erlauben, sich mit der Lenkung zu befassen und das Ersprießliche zu beginnen.

 

Wer nun davon ausgeht, daß es eine Ordnung gibt, in der jeder nach seinen Fähigkeiten sich einordnet, in der die Fähigkeiten dazu so verteilt sind, daß optimal besetzte Gruppen entstehen und in der alle (Schichten) die gleich Ansicht über das Notwendige haben - der würde auf die Steuerungswirkung des Geldes verzichten dürfen. In der Praxis gibt es diese Ordnung nur für andere. Da kaum eine, geschweige denn alle Voraussetzungen dafür zugleich erfüllt sind, können wir den Zustand als Utopie qualifizieren. Die Versuche, Sozialismus genannt, die Utopie durch Kontrolle und Verwaltung zu realisieren, gelten als gescheitert. Sie sollten aber als temporäre Lösungen zum Krisenmanagement nicht ausgeschlossen werden. D.h. Sozialismus mag auf die Dauer zur Inganghaltung der Ressourcenströme nicht geeignet sein, aber vor dem Zusammenbruch kann er als planbürokratische Brücke über den Krisen-Cañon hinweghelfen, vielleicht solange, bis dieser wieder erträglich und verantwortbar wird. An dieser Stelle darf man über die Entwertung der riskanten Großvermögen nachdenken, da deren Möglichkeit bzw. Unmöglichkeit sehr viel über die hierarchische Steuerung der Wirtschaft durch abstrahierte Werte verrät. (Beispielsweise die Frage, ob eine solche Entwertung nicht die Entwertung der darunterliegenden Abstraktionsstufen, z.B. des gesamten Geldes nach sich zieht.)

 

Auch wo dem Einzelnen keine Lenkungsvollmacht erteilt wird, muß eine größere Geldmenge angesammelt und unter Planungsvollmacht gestellt werden. Ja, sofern nicht einfach eine Geldsumme verfügbar gemacht werden kann, muß die materielle Ausführung detailliert vorgegeben werden. D.h. auch dort wo z.B. keine kapitalistische Konzentration zugelassen wird, ist eine sozialistische nötig - sei es, um einen Staudamm, ein Kulturhaus, eine Erstausstattung oder, wenn die Steuerung durch das Geld allzu deutlich ihre Macht offenbart, einen lohnenden Betrug einzuleiten.

 

 


 

2.0Die Norm

 

2.1Begriff

 

Norm ist die Voraussetzung für Hierarchie. Sie gehört zu ihr wie die actio zur reactio. Soziologisch ist damit gesagt, daß es keinen Anführer ohne Gefolgschaft gibt. Hierarchie als die Wechselwirkung zwischen mehreren Ebenen kann nicht nur aus einer Ebene bestehen. Und die Individuen der Ebene der Gefolgschaft müssen, damit sie als solche aufgefaßt werden und funktionieren können, genormt sein. D.h. sie müssen auf gleiche Signale die gleichen Reaktionen (bzw. Reaktionen, die es ermöglichen, durch unterschiedliches Tun ein gemeinsames Ziel zu erreichen) zeigen. Ihre Normung besteht darin, daß sie Anordnungen verstehen, sie ausführen können und befolgen wollen. Zudem hat “Norm” tiefgreifende psychische Implikationen, die denen der Hierarchie nicht nachstehen. Während letztere verbunden ist mit “Befehl”, “Lenkung”, “Herrschaft”, “Macht”, hat die Norm emotionale Komponenten in “Gleichklang”, “Verständnis”, “Gemeinsamkeit”, “Sicherheit”....

 

Im Sinne des Alltagsverständnisses wurde „Norm“ schon mehrfach verwandt. Als konstituierender Bestandteil der Hierarchie sollen im Folgenden aber noch einige weitere Facetten des Begriffes herausgestellt werden.

 


 

 

         2.2    Norm, allgemein

 

Im Lexikon Technik und exakte Naturwissenschaften, Fischer Taschenbücher 1972, wird Norm nur als mathematischer Begriff definiert. Den umfassenden Geltungsbereich und die vielfältigen Passungen mit der Welt von "Norm" kann man aber aus dem entnehmen, was unter "Normung" (S. 2067) steht: "...Festlegung einer Ordnung in der sonst regellosen und unübersichtlichen Vielfalt..... die einmalige Lösung einer sich wiederholenden Aufgabe .... ...Typenbeschränkung". Nichts anderes als Typenbeschränkung geschah schon in der Genesis beim oben (2.1) besprochenen Zerfall der meisten (zB vom Protonenmaß) abweichenden Elementarteilchen. Die unzähligen Individuen der relativ wenigen verbliebenen Teilchenarten sind deutlich gegen andere abgesetzt - ganz wie die biologischen Arten, deren Mitglieder untereinander immer mehr Ähnlichkeit aufweisen als zu denen der nächstgelegenen Art.

 

Normbildung ist also zunächst die Festlegung einer Vielheit von Objekten auf eine oder wenige von vielen möglichen Formen. M.a.W. aus einer beliebigen Mannigfaltigkeit werden Individuen gebildet, die bestimmte Eigenschaften erhalten / erwerben und an Hand dieser Eigenschaften in Gruppen eingeteilt werden können. Die Normung begann mit der Digitalisierung der Welt beim Zerfall, bei der Kondensation des Kontinuums nach dem Urknall. Sie bewirkt die Wiederkehr des Gleichen, des Typus durch Vereinheitlichung. Sie bringt Minderung der Kontingenz durch Selektion. Sie ist soziologisch die Beschränkung einer Sprache auf eine Terminologie, die Fixierung von Meinungen auf einen Punkt, die Ausrichtung zahlloser Strebungen auf ein Ziel, die Reinheit des Glaubens und die Ausrottung der Abweichler und Ungläubigen.

 

Die zeitliche Seite der Norm sind Periodizität und Kausalität, d.h. die Wiederkehr von Zuständen und Bewegungen sowie die ähnliche Aufeinanderfolge derselben.


 

                  2.3    die Momente des Könnens beim Handeln

                                     auf Anordnung

 

Folgebereitschaft bedarf nicht nur des Wollens, sondern auch des Vermögens oder Könnens. Und das hat im Wesentlichen drei Komponenten:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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                     2.4 Die Ringe der Normdichte

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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        Die Abstufung nach der Normdichte stimmt nicht

immer mit den Ebenen der Hierarchie überein; d.h. die

Inhaber der Steuerungsmacht sind nicht vom

stärksten Glauben erfüllt oder umgekehrt: die

radikalsten Gläubigen haben meist keine

Steuerungsmacht.


 

       

 

Im Aufbau von Bereichen gibt es neben der hierarchischen Stufung auch eine Sortierung oder Fraktionierung der Individuen nach der Normdichte, unter welcher der Glaubenseifer, die Folgebereitschaft aber auch die Folgefähigkeit in Form von Disziplinierung und Wissen verstanden werden soll. Sie kann, aber muß nicht mit der Steuerungsvollmacht korrelieren. D.h. in der Ebene der größten Vollmacht muß keinesfalls der strengste Glaube herrschen. Hemingway meinte sogar, der Papst könne schlechthin an nichts glauben. Normdichte ist ein Maß für die Festigkeit des Glaubens, aber auch für die Durchsetzung des Gehorsams und die Nichtachtung aller normfremden Momente, wie zum Beispiel die bestimmter Gefühle oder gar des menschlichen Lebens.

 

 

2.4.1 Organisatoren und Märtyrer

 

Die Normdichte ist gering bei den Unbeteiligten des Umfeldes oder innerhalb der Hierarchie bei den nur hierarchisch interessierten Funktionären; sie ist stark bei den Bekennenden und sie kulminiert in den Fundamentalisten und Märtyrern. Wir haben die kühlen Organisatoren mit geringer und die fanatischen Gefolgsleute mit extrem hoher Normdichte, wir haben die Gleichgültigen und die Missionierer, die Ablehnenden und die wütenden Gegner, deren emotionales Verhältnis zur Norm wie bemerkt, nicht mit ihrer Stellung in der Hierarchie korrelieren muß. Wer nur seinen materiellen Vorteil oder eine hohe Stellung sucht, ist nicht von der geltenden Norm erfüllt, von ihren Zielen überzeugt. Im Gegenteil hat der Ungläubige es leichter beim Aufstieg, weil ihm Gewissenskonflikte erspart bleiben. (S. Abb. 4b, wo der Einfluß durch die Nähe zur Mitte und die Normstärke durch die Farbintensität dargestellt sind)

 

 

So dürfen sich die Organisatoren sicher nicht im Gestrüpp der Norm, in ihren Widersprüchen und gelegentlichen bereichsschädigenden Moral-Forderungen verfangen, da sie sonst im Konfliktfall dem Bereichserhalt nicht besonders dienlich wären. Nein, sie haben die Strukturen ohne Rücksicht auf ihren Inhalt zu verteidigen. Aber, und das bringt die Norm wieder ins Spiel, sie haben diese Verteidigung als normgemäß darzustellen. Die Organisatoren haben nicht etwa selber zu glauben, sie müssen aber das Geschirr der Norm so virtuos bedienen, daß die Masse dem Zügel gehorcht wie ein Pferd. Ein frommer Bischof würde von den Kollegen belächelt werden, aber er hat sich nach unten als Hüter der Frömmigkeit zu präsentieren.

 

Daher nimmt der Märtyrer i.d.R. nicht die Spitze der Hierarchie ein, verkörpert aber das Maximum der Normdichte und wird als ihr Träger präsentiert. Konzilien und Parteitage (und von diesen besonders die anti-hierarchischen) geben ein Bild von der Schwierigkeit der Balance zwischen Norm des Individuums und Ordnung des Bereichs, huldigen aber ausnahmslos dem mehr oder weniger verborgenen Gott der Hierarchie.

 

 

2.4.2          Streuung und Differenz zum Umfeld

 

Die Normdichte verhält sich proportional zur Glaubensstärke. Aber nicht zu ihrem Absolutwert - es geht um die Differenz zum Umfeld. Sind die Gläubigen von Andersgläubigen umgeben, dann bekriegen sie diese. Sind sie von Rechtgläubigen umgeben, könnte man meinen, alles bleibt friedlich. Unter Druck, so die Erfahrung, reichen aber immer kleinere Differenzen innerhalb ein und derselben Norm, um unversöhnliche Parteien zu bilden und mörderische Auseinandersetzungen zu beginnen. Es sind zB in Japan radikale Kleingruppen bekanntgeworden, die wegen mikroskopischer Abweichungen untereinander Folter und Mord begingen. Im Großen kämpfen Christen gegen Muslime; sind diese oder jene aber nicht erreichbar, dann kämpfen eben Sunniten gegen Schiiten oder Katholiken gegen Protestanten. Unweigerlich bilden sich bei weiterer Verdichtung auch in diesen Untergruppen wieder Parteien, so daß die Dichteregelung immer ihr Werk tun kann.

 

Ähnlich wäre die “Gleichheit” selbst zu behandeln. Es nützt ja keine Gleichheit, die Abweichungen einer beliebigen Größe zuläßt. Beispielsweise soweit, daß die Differenz zum Umfeld verschwindet oder soweit, daß keine gemeinsame Bewegung möglich ist. D.h. in die Normdichte muß eingehen ein Faktor, der so etwas wie eine Standardabweichung bezeichnet, aber nicht nur unter den Mitgliedern errechnet, sondern auch wieder auf das Umfeld bezogen. Wie gleich müssen die Gleichen untereinander sein und wie stark müssen sie sich von den anderen abgrenzen? Wieviel Variabilität müssen sie zulassen, um Änderungen des Umfeldes abfangen und verschiedene Hierarchieebenen bilden zu können? Nun, die Angehörigen eines Bereichs brauchen eben so viel Gleichheit untereinander, daß sie sich als solche erkennen und sie brauchen so viel Unterschied zum Umfeld, daß sie sich bezogen darauf als andere wahrnehmen. So wirken die Mechanismen der Artenbildung, nämlich die Schutzsuche unter Gleichen und das Hinausbeißen der Abweichung gleichzeitig auf die Grenzziehung hin.

 

 

 

 

2.4.3 Die Funktion der Ringe unterschiedlicher Normdichte

 

Ein Ring schützt und separiert den anderen, so daß ihre Exponenten sich in ihnen bewegen, wie “ein Fisch im Wasser”. Auch benachbarte Ringe mit gemeinsamer Grenze schützen sich gegenseitig. Im Schutz der Toleranten kann sich der Parteigänger, im Schutz der Parteigänger der Fundamentalist und im Schutze der Fundamentalisten der Terrorist und der Märtyrer sicher fühlen und entfalten. Hierarchische Systeme haben neben der Ökonomie der Steuerung den unschätzbaren Vorteil, daß ihre Elemente sich (wenigstens im Status des Funktionierens) immer nur auf die unmittelbar angrenzenden Ebenen beziehen müssen. Diese teilen sich den Übersetzungsaufwand, der bei der Umsetzung von der Information in die Aktion anfällt. So müssen die Eigner nur die Geschäftsleitung, diese das Management und dieses die Meister- bzw. Konstrukteursebene anweisen usw. Jede dieser Ebenen muß nur wissen, wie sie sich der einen unter ihr befindlichen verständlich macht.

 

Es gilt für die Individuen nur die Normdifferenz zwischen zwei Ringen oder zwei Ebenen zu überwinden, nicht die zwischen dem reinen Weltbild des Glaubens und der Welt selbst. Das übernimmt der Gesamtbau der Hierarchie, hier genauer der Normdichte, schrittweise über alle Stufen hinweg. Selektiert wird dabei stark in beide Richtungen: Keine Stufe will sehen, was die Gewißheiten stört und Diedaunten dämpfen oder verstärken vieles vom lauthals oder stillschweigend Angeordneten nach ihrem Gusto.

 

Hier in der Filterwirkung der Ringe liegt auch die grundsätzliche Schwierigkeit von Straf- und Schuldzumessung für die Greuel eines Systems. Der ausführenden Ebene sind zwar die Taten meist direkt zuzuordnen, dafür sind die Sanktionsdrohungen bei Nichtausführung so klar, daß strafrechtlich relevant nur die vom gesetzten (Un-) Recht abweichende sadistische Übertreibung bleibt. Auf den Zwischenstufen summieren sich die Anteile am Ergebnis gemäß dem Umfang der gesteuerten Ebenen. So verstärkt und vervielfältigt sich deren Wirken nach den Gesetzen der funktionalen Hierarchie. Die Aktionen der Lenker zeitigen dann oft furchtbare Folgen; der Mord wird zum Massenmord, der Massenmord zum Genozid. Andererseits ist vom Schreibtisch aus nur das Maß an Konkretisierung geleistet worden, daß die Differenz zwischen darüber- und darunterliegender Ebene überbrückt, ohne daß Hand angelegt wurde - ein schwierig zu bewertender Einfluß des Einzelnen oder seiner Ebene. Dies hat im Sinne der Rechtsstaatlichkeit auch bei so üblen Parteigängern wie Eichmann zu endlosen Recherchen von Zuständigkeiten geführt. Noch weiter vom Geschehen befinden sich die Normsetzer und -hüter, die sich angesichts der erreichten Ergebnisse vorher stolz und nachher mißverstanden fühlen.

 

Die Übersetzung kann auch eine Verstärkung, wie z.B. durch den Typus des Brandredners bedeuten. Allerdings erweist sich diese “Verstärkung” bei näherem Hinsehen eher als eine Kanalisierung oder Fokussierung. Sie setzt nämlich einen beträchtlichen aufgestauten Impetus in der Masse voraus. Ohne diesen kann der Brandredner zwar ein Ziel vorgeben, wird aber dorthin keine gemeinsame Bewegung zustande bringen. Er ist auf eine vorhandene Energie, auf eine gestaute Emotion angewiesen, die er nur noch lösen und richten muß.

 

Man sieht, aus dem Pendant der Übersetzung - dem Verständnis - ergibt sich die Schutzfunktion der Hierarchie. Nochmals mit etwas anderen Worten: Man versteht sich über die Grenzen nahe benachbarter Ringe; das Verständnis überspringt aber keine Ringe. Der Terrorist findet Schutz und Unterschlupf im unmittelbar benachbarten Ring der fundamentalistischen Überzeugungen, nicht aber bei deren entfernteren Theoretikern oder gar bei denen, die vielleicht ganz außen von diesen Überzeugungen gehört haben, ohne sie zu teilen. Die Fundamentalisten wiederum können sich im Kreis der sehr Frommen bewegen, solange sie dort keine terroristischen Ziele vertreten. Bei den Gleichgültigen aber würden sie auf Unverständnis stoßen usw. Kurz, die Normstufung macht die unwahrscheinlichsten Extreme zur Realität.

 


 

 

 

2.4.4          Die Radikalisierung

 

Bleibt das Rätsel, aus welchem Grund sich unter wachsendem Druck allmählich aber unwiderstehlich die radikalste Meinung und das entschiedenste Verhalten durchsetzt. Das hat zunächst einen gewichtigen psychologischen Grund, nämlich die Eliminierung des Wenn und Aber zugunsten der Tat. Wenn Menschen unter Druck sind, dann wollen sie etwas tun und dafür brauchen sie Gewißheit. Ihr fällt schließlich auch die bessere Einsicht zum Opfer, etwa mit der Begründung: es mag zwar nicht zum Ziele führen, aber da jetzt etwas geschehen muß, schließe ich mich dem an, was überhaupt eine Bewegung verspricht. Die ewigen Debatten haben uns in die schlimme Situation geführt, jetzt müssen wir da raus - egal wohin! Es kann nur noch besser werden usw.

 

Zweitens kann sich nur das ausbreiten, was sich selbst bewegt. Bewegung, Tat braucht Gewißheit; die gewinnt sie nicht, die holt sie sich. Der Glaube erwächst aus dem Willen zum Glauben. Was der Tat im Wege steht, wird ausgeräumt. Jetzt geht es nicht mehr um die Festigung des Individuums, sondern um die Überzeugung aller, um die Gewinnung von Mitstreitern. Die Aggressiven vermehren sich. Schon die Wahl des Kristallisationspunktes richtet sich nicht nach philosophischen Kriterien, sondern nach dem Grade an Unbedingtheit. Hat er sie nicht per se, wird sie ihm verliehen, indem man dem Glauben die Verzierungen abbricht. Es geht um die Eliminierung des Wenn und Aber und, wo sie stören, seiner Träger.

 

Es geht um den kleinsten Nenner. Nicht etwa, weil alle dumm sind, sondern weil die notwendige Gemeinsamkeit sich nicht auf einem Fundament von individuellen Besonderheiten herstellen läßt. In dem Moment, wo ich versuche, alle Besonderheiten einzubinden und alle Argumente zu berücksichtigen, geht die Gemeinsamkeit und damit die Stoßkraft der Gemeinschaft verloren.

 

Aus der Gemeinsamkeit entspringt weiterhin die Dynamik des Angriffs. Verteidigung hat keine Dynamik; Verteidigung muß reagieren statt zu agieren, sie muß abwarten. Verteidigung muß eine Ordnung erhalten, an die sie sich selber gebunden hat, da es sonst keine Ordnung wäre. Der Angreifer hat diese B(eh)ind(er)ung nicht, was ihm den entscheidenden Vorteil verschafft. Die Gewißheit breitet sich aus; ihr Inhalt ist gleichgültig. Das deutsche Al Kaida-Mitglied in der hamburger Gruppe hat noch Fragen gestellt - es wurde abtrünnig. Die Araber dort taten nichts anderes als die Suren herunterzuschimpfen - sie blieben beim Glauben; sie brachen durch zur Tat. Dabei hätte es statt des Korans auch das Telefonbuch sein können.

 

 

Natürlich kann auch die Verteidigung Zulauf haben, aber ein dritter, ein logischer Grund läßt den Zulauf unter wachsendem Druck versiegen: sie, die Verteidigung muß mit dem Bestehenden, beispielsweise mit der demokratischen Rechtsordnung, nein, mit der Ordnung überhaupt, zugleich den Mißstand, die Privilegien, die Ungleichheit usw. verteidigen. Sie darf nicht das Porzellan zerschlagen, nicht das Ganze aus dem Auge verlieren, nicht das Kind mit dem Bade ausschütten. Die einzige Alternative für ihre Vertreter, ihr Durchbruch zur Tat wäre die Abkehr vom Bestehenden und der Anschluß an die Umstürzler. Und dieser ist eine Frage des gefühlten Mißstands. Mit der Verschlimmerung der Umstände wächst so nochmals die Schar der Angreifer. Auch hier - immer unter dem Zeichen der Verdichtung - siegt die Gewißheit, profitiert der Fundamentalismus und die Aggression.

 

So haben wir einen psychologischen, einen logischen und einen strukturellen Grund für die Ausbreitung des Radikalismus. Wir hätten auch einfach die Erfahrung akzeptieren können, die uns zeigt, wie die Psyche mit (z.B. den Gemeinsamkeitsanforderungen) der Struktur zusammenwirkt, um wehrhafte Organisationen hervorzutreiben und schließlich die Dichteregelung in Form von Krieg oder Revolution einzuleiten.

 

       2.4.5 Gottsuche und Mission

 

Der Gottsucher, der nur für sich die Gewißheit finden will, ist viel seltener als der Missionar. Die Erfahrung zeigt, daß Gewißheit eher dargestellt wird, um Mitgläubige, um Gleichgesinnte zu gewinnen. Gleichgesinnte sind eine viel stärkere Bestätigung als innere Erfahrungen. Aber auch wer die reinen Gottsucher oder Ideologen in der Mehrzahl sehen will, muß zugeben, daß ihre gesellschaftliche Wirkung geringer ist als die der Missionierer. Außerdem ergibt sich mit Gleichgesinnten eine viel breitere Ebene des Verständnisses, wenn nicht gar der Beherrschung.

 

Die Seele des Gläubigen zum Steuerorgan zu machen, gelingt am schnellsten durch die Folter, ist jedoch nicht auf Dauer durchzuhalten, da der Erfolg mit den Instrumenten schwindet. Länger wirkt der Psychoterror, der materialtechnisch gesprochen die Seele plastisch verformt aber seinerseits beträchtliche Nebenwirkungen und Kollateralschäden zur Folge hat. Drittens ist durch Überredung, Überzeugung und materielle Beihilfen ein allmählicher Umbau des Weltbildes möglich. Da dieser unvermeidlich mit den Elementen des alten Weltbildes vollzogen werden muß, sind häufige Rückfälle in den Glauben der Väter zu beobachten.

 

Soviel zur Bildung der Norm.


 

3.0    Die Selbstverstärkung der Hierarchie oder die hierarchiebildenden Kräfte

 

 

3.1    Ist Hierarchie meßbar?

 

Zunächst sicher ebensowenig wie "Dreieckigkeit" oder "Form". Indessen kann sich jeder etwas unter "Striktheit hierarchischer Organisation" oder "Hierarchiesierungsgrad", also unter mehr oder weniger Hierarchie vorstellen. Er kann durchaus einen Kasernenhof von einer Reisegruppe unterscheiden und wird dies an Hand von Merkmalen tun, die den Hierarchiesierungsgrad kennzeichnen. Das Mehr oder Weniger kann sich in mehreren Merkmalen äußern:

 

         1.      In der Strenge und Effektivität des Informations- und Ressourcenflusses. Wie schnell und wie genau wird Information in Aktion umgesetzt? (zunehmend beispielsweise vom Briefmarkensammlerverein bis zur Mafia)

         2.      In der Form der Hierarchiepyramide, von eingeschnürt und hoch bis linear begrenzt und flach. Die hohen spitzen Gebilde erweisen sich empirisch als die effektiveren bezüglich der Lenkbarkeit. Mafia und Kirche stehen da als Beispiele gegen Kaninchenzüchter und Mitglieder einer Volkspartei. Abb. 7b

         3.      In der Zahl der Hierarchiestufen. Diese Größe kennt kein Maximum, sondern nur ein Optimum bezüglich der Wirksamkeit des Bereichs im Sinne seiner Ziele. Zu wenige Stufen (zu geringe “Kontrollspanne”) behindern Erreichbarkeit und Kontrolle einer großen Gemeinschaft. Zu viele Stufen machen den Bereich unhandlich. Bei Überschreitung des Optimums verbürokratisiert und altert er.

 

         4.      In der Stärke der Norm, sprich u. a. der Disziplinierung und der Folgebereitschaft.

 

 

 

Punkt 1. (Striktheit) erklärt sich selbst, daher zu 2.: (Form) Trägt man beispielsweise individuell verfügbare Ressourcen (Einkommen) vertikal über der Menge der Individuen auf, die über bestimmte Mengen der maßgebenden Ressource verfügen, so erhält man die bekannte pyramiden- oder birnenähnliche Form. Eine hohe spitze Spindel enthält weniger Lenker im Verhältnis zur Gesamtzahl der Mitglieder, eine breitere enthält mehr Individuen, die am Entscheidungsprozeß beteiligt sind. Die ersten sind nach allgemeinem gegenwärtigen Verständnis “diktatorisch”, die zweiten “demokratisch” geführt. Untersuchungen über die Form der Hierarchiepyramide (der Menschheit) gibt es bezüglich des Lebensstandards. Wir nehmen sie als Bild für die Lenkungsvollmacht und verfolgen daran den möglichen Weg zu einer Quantifizierung von “Hierarchie”. D.h. wir wollen sehen, ob es ein Maß für mehr oder weniger Hierarchie gibt, weil dies letzten Endes etwas über die Ungleichheit in der Welt sagt.


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3.1.1          Der Gini-Koeffizient für Ungleichheit,

ein Maß für die Hierarchisierung und,

über die Menschheit genommen,

für die Globalisierung,

 

Es gab Zeiten in Deutschland, zu denen bestimmte Maße an Ungleichheit nicht so offen ans Tageslicht traten wie heute (auch wenn sie vielleicht schon existierten). Damals in der Nachkriegszeit bestand noch eine positive Korrelation zwischen guten Geschäften und Beschäftigung, zwischen Einkommen und Anstrengung. Jedenfalls wäre in den frühen 60ern eine Schlagzeilenkombination wie die auf der Titelseite des Handelsblattes vom 7. / 8.3.97 nicht möglich gewesen: links stand “Dax im Höhenrausch” und rechts: “Arbeitslosigkeit auf Rekordniveau”. Dies nur ein Beispiel von den zahllosen Fällen zunehmender Ungleichheit, die u.a. in [6] der “Globalisierungsfalle” gesammelt sind. Obwohl also durchaus ein zwischenzeitlicher Verfall der abstrahierten Werte (beispielsweise in Form der Aktien) zu beobachten und ein gänzliches krisenhaftes Verschwinden derselben nicht auszuschließen ist, läßt sich im Lauf der modernen Globalisierung eine gewaltige Produktion von Ungleichheit beobachten. Im Gleichschritt wachsen Armut und die großen Vermögen.

 

Was aber ist Ungleichheit und wie läßt sie sich messen oder wenigstens mit anderen Fällen vergleichen? 1912 führte C. Gini ein “Konzentrationsmaß” ein, “das die Gleich- bzw. Ungleichverteilung von Merkmalsträgern ... in der personellen Einkommensverteilung angibt.” ([13] S. 280). Die Ermittlung eines anschaulichen und einfachen Zahlenwertes für Ungleicheit, nämlich dieses Koeffizienten, wird angegeben unter “Lorenzkurve” (daselbst, S. 453). Auf der Abszisse wird aufgetragen der Prozentsatz einer Bevölkerung, der unter einer bestimten Einkommensgrenze liegt und auf der Ordinate der zugehörige Anteil dieser Personen am Volkseinkommen. Völlige Gleichverteilung würde dann durch eine Gerade mit der Steigung 1 dargestellt. Die praktisch immer vorhandene Ungleichverteilung drückt sich darin aus, daß die reale Kurve unter der Gleichverteilungsgeraden “hängt”. Die halbspindelförmige Fläche, die sie mit jener einschließt, bezogen auf das Gleichverteilungsdreieck (Abb. 7) ist dann der gesuchte Koeffizient. Bei extremer Ungleichheit (rot) ist er eins, bei extremer Gleichheit (grün) Null. Extreme Ungleichheit entspricht einer Hierarchiepyramide (besser -spindel, -birne) mit hoher dünner Spitze, extrem verbreiterter Basis und demzufolge stark eingeschnürter Mitte. Die Gini-Kurve hängt stark durch. Gänzliche Gleichheit wäre keine Pyramide (Spindel), sondern ein flaches Rechteck, ja ein waagerechter Strich, der entweder hoch (alle reich) oder tief (alle arm) liegt. Die Gini-Kurve dazu ist eine Gerade mit 45 Grad Steigung.

 

Für unsere Zwecke genügt es, daß der Wert sich zwischen 0 und 1 bewegt. Der Gini-Koeffizient wird Null, wenn, wie erwähnt alle Mitglieder einer betrachteten Gemeinschaft dasselbe Einkommen haben und er wird Eins bei extremer Ungleichheit, zB in dem theoretischen Fall, daß einer alles und die Übrigen nichts erhalten. Je mehr der Wert sich also der Eins nähert, desto größer ist die Ungleichheit.

 

 

 

Von E. Wayne Nafziger werden in [8] auf S. 17 einige Beispiele gegeben.

 

0.39in Kanada und USA

0.47in Europa

0.43in SO- und Süd-Asien sowie Japan

ohne China und den mittl. Osten

0.54in Lateinamerika

0.61im mittl. Osten und

0.56 in Afrika

und0.64für die Welt

 

“Globale Einkommensverteilung ist ungleicher als die in irgendeinem einzelnen Land, weil sich die Ungleichheit des auf die Person bezogenen Brutto-Nationaleinkommens zwischen den Ländern zu dem innerhalb der Länder addiert.” (Ebd. S. 17 mitte)

 

Der moderate Wert für Afrika wird allerdings, wie der Verfasser ausführt, stark nach oben korrigiert, wenn man berücksichtigt, daß es eine gewaltige Anzahl gleicher Niedrigsteinkommen gibt (die gleich sind, weil sie alle nichts haben; die Subsistenz, in der sie leben, kennt kein Geldeinkommen und damit keinen Meßwert) und daß für die extrem hohen Einkommen der politischen Führungsschicht naturgemäß keine Angaben vorliegen.

 

In armen Ländern ist also die Ungleichheit größer als in reichen. Wohlgemerkt, nicht nur weil Diedaunten nichts haben, sondern auch weil die Reichen reicher sind als in den reichen Ländern.

 


 

         

         3.2             Vom “Unterschied” zum Terror

 

Jedenfalls bestätigt sich der populäre Eindruck, daß in schlechten Zeiten die “Schmarotzer” und “Absahner” mit besonders hohen Einkommen partizipieren und daß dieser Effekt in sich verschlechternden Zeiten zunimmt. Damit korreliert das Bild einer unter Druck sich in der Mitte einschnürenden Hierarchiepyramide, das den “Verlust der Mitte” signalisiert und eine hoch aufsteigende Spitze, die (dann nicht die oberen Zehntausend, sondern) die oberen Zehn darstellt. Der Überfluß trennt sich von den Überflüssigen. Der Gini-Koeffizient, der den Grad der Einschnürung spiegelt, ist offenbar auch eine brauchbare Veranschaulichung hierarchiebildender Kräfte.

 

Der aktuelle Terrorismus belegt, daß gerade eine breite Verelendung der untersten Ebenen steile, gehärtete und hohe Spitzen hervorbringt. Die Effektivität solcher Hierarchie geht bis zur Verfügung über das Leben der Gesteuerten. Die Versorgung mag gebietsweise regelrecht zusammenbrechen - an der Spitze wird frei und energisch agiert. Irak und Afghanistan sind von der Ressourcensteuerung weitgehend ausgeschlossen, weshalb sich die hierarchische Macht im Terror entlädt. (...wenn wir als “Terror” die Form der Auseinandersetzung betrachten, die die Rituale der Kriegführung außer Acht läßt) “Gehärtet” sind seine Träger, weil sie die Korruption und die Inkompetenz vermissen lassen, die die normale Verwaltung charakterisieren. Ihr Weltbild ist extrem stabil. Mit der Verelendung des Umfeldes, ja mit seinem teilweisen Zusammenbruch, hauptsächlich durch Verdichtung, darf man keine Aufweichung terroristischer Strukturen erwarten. Das Gegenteil tritt ein: Eine breite Basis des Elends wirkt nicht gegen den Überfluß und nicht gegen die Macht, sondern treibt gem. Abb. 7 B besonders enge aber hohe hierarchische Steuerzentren empor.

 

Der Terror braucht den hohen Organisationsgrad der etablierten Welt. Er partizipiert an ihm und nutzt seine Anfälligkeit. Was vor fünfhundert Jahren ganze Reiterheere verrichten mußten, schafft heute ein Steuerknüppel. Aber genährt wird er von der Verdichtung. Allem, was an Terrorbekämpfung und Friedensmissionen unternommen wird, fehlt der Boden, wenn man zugleich sehenden Auges die Bevölkerung in Palästina, Algerien oder Afghanistan sich innerhalb einer Generation verdoppeln läßt. Auch wenn im Umfeld etliche Zusammenbrüche stattfinden, wenn Bürgerkrieg, Hungersnöte und Seuchen ausbrechen, bilden sich innen Organisationen, die modernste technische Ausstattung mit idealer Steuerungsfähigkeit und brutalster Zielsetzung verbinden.

 

Was dort kurzfristig eintritt, gilt hierzulande auf die Dauer genauso, da der Ressourcenschwund dieselbe Wirkung hat wie die Bevölkerungsexplosion. Dieser Schwund macht sich nicht gleich durch physisch spürbaren Mangel bemerkbar, sondern er erschüttert den Organisationsgrad. Diese Erschütterungen heißen Krise und machen uns klar, welche Risiken unsere eigene Übervölkerung mit sich bringt: wir sind dermaßen im Wachstumszwang, daß schon ein Gleichmaß (“Impulse fehlen”), geschweige denn eine Entspannung (“Generationenkonflikt”) von Heulen und Zähneklappern begleitet ist.

 

 


 

 

 

         3.3             Die Notwendigkeit des Wachstums

 

ist ein volkswirtschaftlich kaum bestrittenes Phänomen, z.B. “Meyers Grosses Taschenlexikon” 1981, Bd. 23, S. 285: “...daß ohne Wachstum nicht einmal die Erhaltung der erreichten Lebensqualität, ... möglich sei.” Das heißt, vor dem Elend bewahrt uns, da das Wachstum nicht aufhören darf, nur ein unendlicher Ressourcenvorrat. Denn wie hoch auch immer der Organisationsgrad und der von ihm abhängige Ressourcenstrom ist, er muß weiterwachsen, um nicht zusammenzubrechen. Zwar wird immer wieder “qualitatives” Wachstum gepredigt und erhofft, doch zeitigt die Erfahrung jeweils das Gegenteil. Im Grunde wächst ständig der Strom und die Kontaminierung wächst eh, weil bei ihr immer auf den Bestand addiert wird.

 

Für die Individuen ist damit zugleich eine unendliche Organisierbarkeit, d.h. das Ertragen von Funktionalität gefordert. Dem weichen sie ganz im Sinne der Dichteregelung aus in Krieg, Revolution und Terrorismus. Trotz der existentiellen Bedeutung dieser Tatsache ist der Blick des allgemeinen Bewußtseins nur auf den wirtschaftlichen Aspekt gerichtet. Das Wachstum brauchen wir heute - über Stress und Reserven reden wir Sonntag - aber noch nicht an diesem. Die Endlichkeit der Ressourcen ist allgemein bekannt. Aber der Fortschrittsglaube, d.h. der Glaube an ein immer komfortableres Leben, an den unbegrenzten Ersatz von Natur durch Technik ist dermaßen verwurzelt, daß auch sein von jedermann geahntes Ende als vorläufig angesehen wird.

 

Das Wachstum der Weltbevölkerung ist dabei nur ein Moment des steigenden Verbrauchs. Viel gravierender ist die Verformung der Hierarchiepyramide im Sinne zunehmender Ungleichheit (d.h. der Aufstieg der Spitze und die gleichzeitige Verbreiterung der verarmten Basis).

 

Besonders an der Basis, jetzt über die Menschheit gerechnet, also in den armen Ländern, steigert sich das Mißverhältnis zwischen Dichte und Organisationsgrad. Infrastruktur, Technik und Organisation wachsen nicht mit; die konzentrierten und verborgenen Ressourcen bleiben unerreichbar. Damit greift man zu immer leichter erreichbaren, schneller schwindenden Ressourcen. Dies heißt letzten Endes, daß dort wo die Mittel fehlen oder der Organisationsgrad nicht erreicht ist, eine Pipeline eben durch Holzfeuer ersetzt werden muß. Da auch an nachhaltige Nutzung nicht zu denken ist, wird das Leben insgesamt (zB durch Versteppung und Verwüstung) aus solchen Regionen verdrängt. Wo der Organisationsgrad Kohle oder Uran nutzbar machen kann, dauert es etwas länger - aber auf Kosten der Nische, die irgendwann keine Deponierung mehr zuläßt. Genauer: in der Praxis gibt es keine Grenze der Deponierung und Kontaminierung; nur kann die Konzentration des Unbekömmlichen soweit gehen, daß sie die Deponeure liquidiert.

 

Die Notwendigkeit des Wachstums impliziert auch, daß ein noch so vorsichtiger Rückbau nicht ohne Krisenfall möglich ist. Schon ein Stillstand vermehrt die Arbeitslosen und kumuliert das Kapital in den Holdings - vermehrt also die Ungleichheit und den Mangel.

 

Ein Stillstand im Sozialismus zeigt ähnliche Verläufe, da dort schon der Organisationsgrad den schwindenden Ressourcen nicht folgen kann. Die Lenkungsvollmachten sind zwar nicht ökonomischer, sondern politischer und ideologischer Natur, aber diese Privilegien werden genauso eifrig gesammelt wie die kapitalistischen. Dazu gehört insbesondere die Muße, die auch wenn sie unbehaglich war, einen hohen Wert darstellte. Es gab Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften, die zwanzig Statistiker beschäftigten, beruhigten, still stellten...

 

Obwohl ein Rückbau also genauso riskant ist wie das Wachstum, kann die Folgerung nicht sein, alles laufen zu lassen. Der Rückbau muß sorgfältig geplant und sofort begonnen werden. Sonst gilt das Gleichnis des Ballons: je größer wir ihn aufblasen, desto lauter wird er zerplatzen. Sein Fall wird mit jedem Säumnis tiefer.

 

Die hierarchiebildenden Kräfte, die damit verbundene Produktion von Ungleichheit, die Beschleunigung der Ressourcenströme und die Entstehung neuer Abstraktionsstufen der Werte hängen eng miteinander zusammen. Sie hängen nicht nur zusammen, sondern scheinen auch in dieselbe Richtung, nämlich auf das Wachstum hinzuwirken. So können zusätzliche Hierarchien durchaus einen Rationalisierungseffekt haben; da sie aber meist der Verdichtung entspringen, ist ihre Ursache schon ein Faktor des Wachstums. Das Gleiche gilt für vermehrte Ungleichheit, die den Aufwand für Sicherheit hochtreibt. Die Einführung zusätzlicher Abstraktionsstufen erfordert auch mehr Verwaltung, ist aber gleichzeitig das Ergebnis von mehr Verwaltbarem. Die Beschleunigung der Ströme erfordert schließlich vermehrte Kontrollen, genauere Führung und sorgfältigere Aufteilung. Natürlich immer mit neuen Behörden und zusätzlicher Versorgung.

 

 

Wieso sichert aber Wachstum den bloßen Erhalt? Oder: was schrumpft eigentlich, wenn das Wachstum aufhört? Der Bereich existiert, die Ressourcen fließen gleichmäßig, aber er entbehrt Wachstum - ihm fehlt etwas und er verliert... ja,was? Logische Antworten auf die Frage sind nur möglich, wenn man den Bereich aufteilt. Es muß Teile geben, die bei konstantem Strom mehr nehmen, weil andere entbehren. Es sind offenbar verschiedene Schichten der Hierarchie, die sich unterschiedlich am Wachstum beteiligen. Die unaufhaltsame Wandlung von Steuervollmachten in Privilegien nimmt ihren Lauf. Die Steuervollmacht gestattet die Aneignung von Ressourcen, und die Akkumulation als Folge der Aneignung stärkt wieder die Vollmacht. Diese wachsende Vollmacht führt dazu, daß von einer gewissen Größe ab die Steuertätigkeit, sprich der Erwerb, eingestellt werden kann. Das Geld arbeitet für seinen Besitzer. Die Schwerkraft der konzentrierten Abstrakta setzt die Akkumulation gewissermaßen von allein und für sich fort.

 

Die Verteilung der Werte, die in der Pyramidenförmigkeit das Wesen der Steuerung ausdrückt, trotzt jeder Gleichmacherei. Will sagen, die Notwendigkeiten der Steuerung, ja nur die der Koordination erhalten die Hierarchie am Leben.

 


 

         3.4             Die Ordnungsmacht des Nutzlosen

 

An der Spitze der Warenpyramide im alten Ägypten stand die Pharaonen-Pyramide höchstselbst. Sie war die teuerste Ware, das aufwendigste Produkt der Arbeit. Wert-, besser aufwandsmäßig war sie dem Bewässerungssystem, der Konzerthalle, dem Fußballstadion, der Bohrinsel, ja dem Eisenbahnnetz oder dem Spielerparadies der Gegenwart vergleichbar. Alle erforderten sie einen hohen Organisationsgrad und waren dessen Ergebnis. Wie kann aber diese gigantische Nutzlosigkeit in einem Atemzug mit Eisenbahn und Wasserwerk genannt werden?

 

Die Pyramide, deren Wert als Kulminationspunkt aller technischen Fähigkeiten außer Frage steht, war auch ökonomisch gesehen keineswegs nur ein Steinhaufen. Sie befriedigte keine Notdurft, erfüllte keines der Grundbedürfnisse, wie etwa eine Plantage oder ein Kohlebergwerk, aber sie strukturierte das Leben des Einzelnen und des Landes ebenso wie Disneyland, das Bahnnetz und die Bohrinsel es heute tun. Alles was auf ihre, der Pharaonen-Pyramide, Errichtung hin-organisiert war, organisierte und ordnete auch das Land. Obwohl sie nichts hervorbrachte und eher eine gewaltige Ressourcen-Senke als ein Produktionsmittel war, strukturierte sie das gesamte Wirtschaftsleben. Was in ihr nach unserem Verständnis verschwendet wurde, machte ihre organisierende Kraft bei der Kanalisierung und Bahnung der Ressourcenströme wieder wett.

 

Diese Tatsache ist in ihrem ganzen Gewicht noch nicht begriffen worden. Da wir mehrheitlich die Ordnung als Repression erleben, hält auch ein Großteil der Wissenschaftler sie für verzichtbar. Richtig ist, sie zwingt und zwang die Menschen unter ihr Joch. Aber ebenso gilt, sie befreit die Ressourcen. Sie sicherte sogar das Überleben, bringt aber allmählich und im Lauf ihres Wachstums, ihrer Alterung, den Mangel und am Ende dialektisch das Verderben. Das organisatorische Gerüst, das die Pharaonen-Pyramide oder allgemeiner die Ordnung dem Land einzog, hielt den Ressourcenstrom in Bewegung; es gab ihm die Geschwindigkeit und Kraft, durch die sie selbst hervorgebracht wurde und mit der sie jeden mehr oder weniger nährte. Unsere Welt-Geschichte, die eine Geschichte der Verdichtung ist, zeigt, daß der Einzelne mal besser und mal schlechter, daß in jedem Fall aber immer mehr Menschen ernährt wurden. Und mit all dem löste sie, gewissermaßen im Vorbeigehen, das höchst komplexe, aufwendige und verteufelte Problem der Verteilung. Nicht gerecht aber ökonomisch.

 

Die Formal-Ordnung brachte mit ihrem Wachstum immer eine funktionale Wirkung hervor; als Kollateralnutzen wuchs beispielweise die Infrastruktur. Der Ritus beschleunigte (irgendwie) den Ressourcenstrom. Aber so wie die Beschleunigung den Strom - dialektisch - durch Verbrauch seinem Ende näher brachte, so brachte der Ritus sich und seine Träger - wiederum dialektisch - durch sein Wachstum und seinen Aufwand in den eigenen Kollaps.

 

Allein die Gleichrichtung durch Ähnlichkeit (innerhalb einer Ebene) sorgte dafür, daß aus der Nahrungszuteilung kein Dauerstreit wurde. So kam der Steinmetz nicht auf die Idee, sich das Essen unstandesgemäß von Tänzerinnen verschönern zu lassen und daß der Ziehsklave im Übermut jemals Fleisch zu seinen Rettichen geordert hätte, ist von keinem überliefert. Dies betraf die innere Ordnung. Aber auch die äußere, zB nach konzentrierten Eßplätzen gemäß der funktionalen Stufung ermöglichte die Anlieferung und Verteilung nach einem einfachen Schema. Die einmal für den Pyramidenbau eingerichtete Sammlung und Bevorratung gewährleistete nun natürlich auch die Versorgung der Gesamtheit.

 

Es geht hier um die Schwierigkeit, dem Normalverbraucher klar zu machen, daß ein Abstraktum wie “Ordnung”, das sich der (An-) Faßbarkeit entzieht, weit stärker wirken kann, als ein Werkzeug oder eine Waffe. Wenn wir unsere Erfahrungen bezüglich des Aufwandes für das Aufrechterhalten von Ordnung, hier zB für Lagerungsordnung und Wiederfinden (“retrieval”) gelten lassen, dann müssen wir zugeben, daß dieser Aufwand oft denjenigen für die Neuanschaffung eines Gesuchten übertrifft. Das, bezogen auf Registraturen, Informationsnetze, geregelte Zuständigkeiten usw. ist leicht einzusehen. Aber auch den Verbrauchs-Ressourcen werden die Wege geebnet und die Straßen gebaut. Die Planer der Pyramiden ordnen das Land so, daß die für ihre Zwecke erforderlichen Ressourcen gefördert werden und fließen können. In der so geordneten Umgebung kann nun mehr fließen als das Erforderliche - der Staat floriert. Damit erweisen sich Disneyland und Beamtenschaft bezüglich der Produktivität den Bergwerken, Schienennetzen und Kornfeldern als ebenbürtig. Jedenfalls solange sie noch nicht mehr Ressourcen verbrauchen als sie (be-) fördern.

 

Obwohl das zweite Wort aller Lenker “Organisation” ist, haben sie Schwierigkeiten, das ganze Maß an versteckter Organisation zu würdigen, das in Sprache, Übung, Telefon, Arbeitsraum, Zuständigkeit, Notizpapier, Mülleimer, Codierung und anderen Selbstverständlichkeiten steckt.

 

Am schwersten haben es dabei diejenigen, die den Zusammenhang als erste durchschauen sollten. Wie bereits erwähnt, halten aber gerade sie, die wegen eines verschwundenen Hörsaalschlüssels eine ganze Universität chaotisieren können, die gleichmäßige Güterverteilung in der Welt für eine der leichtesten, nur vom guten Willen abhängigen Übungen. Dauerhaft wird dem Irrtum gehuldigt, daß gute Menschen eine gute Ordnung halten. Noch schwerer fällt es offenbar, den gewohnten Zusammenhang zwischen Zielsetzung und Folge einer Ordnungsmaßnahme in Frage zu stellen. Man kann sie, diese Macht der “Ordnung an sich”, nicht überschätzen, wenn man verstehen will, warum eine ausgefeilte rein religiöse Staatsliturgie ganze Planungsbehörden ersetzt - und, nicht zu vergesssen, im Laufe ihrer Entwicklung irgendwann auch wieder an Destruktivität übertrifft.

 

Wir finden ein “Paradoxon der Produktivität”, d.i. die Tatsache, die höhere Verfügbarkeit durch gesteigerten Verbrauch bringt. Und wir versuchen es aufzulösen, indem wir die unterschiedlichen Zwecke der angestrebten Ordnungen geltend machen, ihre Stellung zur Metaphysik, ihre Aufgabe bei der Versorgung... Aber bezogen auf den Ressourcenstrom gibt es (in frecher Überspitzung) keinen Unterschied zwischen produktiven und unproduktiven Einrichtungen. Diese ordnen, was von jenen genutzt wird.

 

 


 

3.5    Möglicher Verzicht auf das Geld und

Steuerung durch Bedarf?

 

 

An dieser Stelle taucht wieder die Frage auf, ob denn das Geld, das derartige Kräfte in Form von Banken, Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, Betrugsdezernaten, Devisenkontrolleuren, Lohnbüros, Finanzverwaltungen, Spielhallen, Steuerberatern, Münzanstalten, Kassenterminals usw usw. bindet und verschleißt, nicht verzichtbar wäre. Die Frage kann analog zur sozialistischen nach dem Lebensrecht der Planungsbürokratie oder der antiken nach der Notwendigkeit der Pharaonen-Pyramide beantwortet werden: alle sorgen sie dafür, daß der Ressourcenstrom, mit und trotz allen seinen Leckagen und Überflutungen, längerfristig aufrechterhalten wird. Die hierarchische Verteilung der abstrahierten Werte bzw. der Lenkungsvollmachten durch irgendeine Ordnung zu erhalten, hat für den Ressourcenstrom leider dieselbe Bedeutung wie die Schwerkraft für den Lauf der Planeten. Die “Ordnung an sich” sorgt zwar nicht für eine gerechte Gesellschaft, aber sie schmiert die Ressourcenströme. Auch in diesem Bezug ist das Geld die Religion von heute.

 

Der Verzicht auf Geld scheint zunächst vernünftig, wenn man bedenkt, welche Kräfte an seine Verwaltung gebunden sind. Nur wird die Sache widerständig, wenn der Müllsortierer seine überflüssig gewordenen Steuerberater, Patentanwälte und Finanzbeamten zur Arbeit einteilt. Sie werden nicht bei ihm anstehen, sondern bei ihrem Hausarzt wegen eines Attestes. Aber das ist das Wenigste. Viel destruktiver ist die Frage, wer den Bedarf ermittelt und meldet, wo dieser Bedarf gefunden wird und wer ihn zu befriedigen hat. Schon kurz nach der Oktoberrevolution stand man vor dem Problem, wie die Glühbirne aus Moskau gegen den Kohlensack aus Donezk zu tauschen ist. Es blieb den Revolutionären nichts anderes übrig, als den Bürokraten Vollmacht zu erteilen. Majakowskis “Wanze” zeigte die Folgen. Eine gewaltige Formal-Ordnung ist zu errichten, um ein Minimum an Funktionalität zu erhalten. Der Planungsaufwand ist so hoch, daß nicht einmal die Steuerung durch brutale Gewalt etwas bringt. Der Gulag war zwar ein Feind der Mißwirtschaft, aber zugleich ihr größter Förderer. Wird dieses Szenario “Angst als Organisator” mehrfach durchgespielt, erfolgt oft die reumütige Rückkehr zur Steuerung durch das Geld. Die Stasi ist nichts gegen das Geld, was den Steuer-Effekt anbetrifft. Daher behielt der Sozialismus unten das Geld in seinem ganze Funktionsumfang und oben galt es wenigstens als Maßstab.


 

3.6    Die Selbstkonturierung der Hierarchie

 

Ist erst eine Hierarchie etabliert, dann beginnt diese, sich in charakteristischer Weise selbständig zu machen. Einfach auf Grund der Tatsache, daß es Steuerungsvollmachten gibt, werden diese allmählich konzentriert. Ein Privileg verleiht die Fähigkeit, sich ein weiteres anzueignen. Wo dieses Privileg nicht ist, nämlich unten, kann auch keins erworben werden. Marx hat das Phänomen als “Konzentration und Zentralisation” beschrieben. Da er es jedoch nicht auf Politik, Kunst, Militär, Meinungsbildung etc. ausgedehnt hat, konnte er nicht ahnen, daß es im Sozialismus seine höchste Ausprägung in Form der absoluten Ein-Mann-Herrschaft erfahren würde. In diesem Zusammenhang soll nicht übergangen werden, daß auch der Global-Kapitalismus in seiner alles überrennenden Steuerungsmacht auf diesen Status zurollt.

 

Wie schwer diese empirisch unübersehbare Erscheinung zu denken ist, zeigt ein Blick in die SF-Literatur. Dort finden wir meist militärisch organisierte Gesellschaften, gelegentlich mit völlig davon getrennten Lager-Sklavenschichten. Aber eine durchgehende Weltgesellschaft, die durch zahllose Schichten getrennt und gleichzeitig über sie verbunden ist, wird nicht geboten. Vor allem der Übergang von märchenhaftem Reichtum zu existenzvernichtender Armut, der auf der Erde üblich ist, scheint außerirdisch schwer vorstellbar.

 

Aufhalten können diese Art von Differenzierung nur zwei Ereignisse: erstens der Abriß der Ressourcenströme und zweitens die Senkung des Organisationsgrades. Bei der bereits heute erreichten Dichte und der weltweiten Verstrickung dürfte das aber mehr Menschenleben kosten, als alle bisherigen Kriege zusammen.

 

Graphisch läßt sich die geschilderte Hierarchiebildung, (oder besser, da sie ja schon gebildet ist), ihre Überkonturierung einfach darstellen. Von einer “normalen” (sagen wir, einer Form, die allen Beteiligten ein stressminimiertes Überleben gestattet) Pyramiden- oder Spindelform aus wird diese in der Spitze nach oben wachsen und in der Basis sich verbreitern. D.h. der Reichtum der Reichen nimmt zu und Diedaunten verarmen. Zur Erinnerung: die Ursache ist strukturell und einfach und liegt darin, daß die Reichen die Mittel haben zu nehmen, die Armen aber nicht. Eine weitere Folge ist der Effekt der Zentralisation. Die ganz Reichen werden weniger und die Armen werden mehr. Diedaunten kommen dadurch doppelt unter Druck: materiell durch den Entzug der Ressourcen, psychisch durch die wachsende Differenz zum Reichtum. Beides treibt zu auf revolutionäre Veränderung.

 

Die unter Verdichtung aufkeimenden Aggressionen galten seit Jahrmillionen der Dichteregelung und damit letzen Endes dem Erhalt der Population. Im Rahmen der einstufigen Hierarchie geschah dies durch Abspaltung von Gruppen, Tötung von Individuen oder Geburtenkontrolle. Höhere Organisation, insbesondere die Einführung der mehrstufigen Hierarchie brachte den Krieg. Auf Seiten der Technik brachte sie einerseits vermehrte Ressourcen, wenn auch aus endlichen Vorräten, andererseits Kontaminierung der Nische. Das temporäre Überleben von Milliarden sowie die Selbstauslöschung der Art wurden gleicherweise möglich.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Literatur

 

[ 1]    Adorno, Theodor W.

          "Studien zum autoritären Charakter",

          stw 1182

 

[ 2]    Bericht Über die menschliche Entwicklung 1994

Deutsche Ges. f. d. Vereinten Nationen e. V.

 

[ 3]    Foucault, Michel

          "Überwachen und Strafen",

Suhrkamp Taschenbuch 2271

 

[ 4]   Freud, Sigmund

         “Massenpsychologie”,

         Fischer 6054, S. 17

 

[ 5]    Luhmann, Niklas

          "Soziale Systeme",

          Suhrkamp Taschenbuch 666

 

[ 6]    Martin, Hans-Peter; Schumann, Harald

          "Die Globalisierungsfalle",

          16. Aufl., Rowohlt 1997

 

[ 7]    Michels, Robert

          "Parteiensoziologie",

          Kröner 1989


 

[ 8]    Nafziger (Hg.), E. Wayne,

          "Inequality in Africa"

Cambridge University Press


[ 9]    Pattee, Howard H., Hrsg.

          Hierarchy Theorie,

Georg Braziller, New York 1973

 

[10]    Riedl, Rupert,

          “Die Ordnung des Lebendigen”

          Paul Parey, Hamburg und Berlin 1975

 

[11]   "Social Hierarchie and Dominance",

Halstedt Press, Benchmark papers in animal

Behavior /3

 

[12]    WEBER, Max

“Wirtschaft und Gesellschaft”, J. C. B. Mohr,

          Tübingen 1972

 

[13]    Woll, Hg.

          “Wirtschaftslexikon”,

          7. Aufl., R. Oldenbourg,