Unser Weltbild


Entstehung, Aufbau, Funktionsweise, Eigenschaften des Weltbildes; Wirkung auf Denken und Verhalten seiner Inhaber und auf die Steuerung der Gesellschaft, erklärt an Hand eines einfachen graphenähnlichen Modells.


Inhalt

 

1.0         Das Weltbild, Vorbemerkung

       1.1    Zum Begriff

       1.2    Inhalt vs. Aufbau / Form

       1.3    Die Elemente des Weltbildes

 

2.0         Weltbild und Erkenntnis

 

3.0         Information

       3.1    Information und Energie

 

3.2    Hierarchie und Informationsverwertung

         3.2.1 Statische Hierarchie

         3.2.2 Dynamische Hierarchie

         3.2.3 Die Schwelle 

         3.2.4 Kleiner Anlaß, große Wirkung

 

3.3    Reaktion, Erhalt oder Destruktion;

         von der Information zur Aktion

         3.3.1 Das “innere Bild”

         3.3.2 Information und Ordnung

         3.3.3 Desinformation

 

3.4    Die Energie-Kaskade oder die mehrstufige Hierarchie

         3.4.1 Voraussicht

         3.4.2 Zufall, Freiheit und Willkür




Ab hier werden die bisher gewonnenen Sätze an Hand bekannter Begriffe variiert, wobei manche Ausgangspunkte mehrfach genutzt, d.h. auch wiederholt werden.


 

4.0         Die Filter

                  und eine Anmerkung über

                     “Sehen und Computer”

         4.1    Resonanz / Passung

         4.2    Weltbild und “Gedankenstrom” 

         4.3    Bildung der Vorstellungen

         4.4    Anm. zum Geist

         4.5    Bildung der Kategorien

         4.6    Bildung der Begriffe

                  4.6.1 Ökonomie der Begriffsbildung

                  4.6.2 Unanschauliche Begriffe

         4.7    Kanalisierung des Denkens

                  4.7.1 Die Logik

                  4.7.2 Der Traum

 

5.0         Stufen der Erkenntnis

 

                  5.01  Bloße Resonanz (das ist ein...)

                  5.02  Fassen unter einen Begriff

                  5.03  Bedeutung

                  5.04  Einfügen in vorh. Systematik

                  5.05  Einsetzung eines Begriffes

                  5.06  Induktion, Deduktion, Geltung;

                           wahr und falsch

 

         5.1    Stabilität und Stabilisierung

                           des Weltbildes

         5.2    Fortschritt der Wissenschaft

         5.3    Weltbild und Hierarchie

         5.4    Religion

         5.5    Gewißheit und Handeln

         5.6    Gemeinsame Bewegung

         5.7    Individuelles Weltbild und

                  gesellschaftliche Struktur

        



                     Ein Modell des Weltbildes


Im Folgenden soll aus der Art bzw. dem Ablauf des Denkens ein Modell des Weltbildes entwickelt werden, an Hand dessen einige Elemente der Erkenntnistheorie, des Glaubens und des Handelns sowie des gemeinsamen Handelns veranschaulicht und in einen klaren Zusammenhang gebracht werden können.


 

1.1    Einleitung ; zum Begriff

 

Das Weltbild gilt allgemein als eine Art Grundeinstellung des Menschen, ohne aber darüberhinaus irgendwelche festen Merkmale zu haben. Man spricht auch von Einstellung und Sichtweise und faßt diese eher atmosphärisch auf als strukturell. Ein Weltbild kann vom Glauben, von Skepsis, von guten oder schlechten Erfahrungen geprägt sein. Es wird auch“Weltanschauung” genannt und gewissermaßen mehr als Farbe denn als Form angesprochen. Die sog. Inhalte geben mehr Kontur als Struktur.

 

Dabei läßt schon das bewußte Denken einfachster Aussagen und Zusammenhänge einen Aufbau erkennen, der deutlich zwischen Vorstellungen und Begriffen einerseits und den Verbindungen / Kategorien zwischen ihnen andererseits unterscheidet. Zusammen bilden sie eine klare Struktur, die das Denken leitet. Bei der Aussage “das Haus ist größer als der Mensch” gehen wir beispielsweise von der Vorstellung “Haus” längs der Kategorie der Relation “Größenverhältnis” zur Vorstellung (bzw. dem Begriff) “Mensch”.

 

Hier scheint es, als folgte man den Strukturen der Sprache; man darf aber nicht vergessen, daß die Sprache lange zuvor den Strukturen des Denkens gefolgt war. Schließlich gab es das Denken, das Identifizieren, das Reagieren, das Selektieren, Folgern und Entscheiden schon in sprachlosen Zeiten.

 

Man darf sich einen Graphen vorstellen, wo Punkte durch Linien, bzw. Knoten durch Kanten verbunden sind. In der Summe aller Vorstellungen und Kategorien entsteht eine Art Atomium, wo man längs der Kategorien / Rohre von Vorstellung zu Vorstellung wie von Kugel zu Kugel gelangt. Ein Bild, das natürlich nur aus dem geschilderten Denkvorgang, nicht aus irgendwelchen materiellen Gestalten abzuleiten ist. Das materielle Korrelat von Vorstellungen beispielsweise ist ja nicht lokalisierbar oder begrenzt, sondern es ist ein elektrochemischer Zustand des gesamten neuronalen Netzwerks, das unser Gehirn bildet. [12] Beispiel S.23 ff. Die Vorstellung selbst, das innere Bild ist dann ein ganz anderes, ist nicht mehr Materie, aber doch auf ihr “reitend”, ist Geist.


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                                          Das brüsseler Atomium


 

Die Hantel im obenstehenden Bild - zwei Kugeln durch eine Stange verbunden - ist die Veranschaulichung des kleinsten Funktionselementes unseres Weltbildes. Die Kugel repräsentiert eine der hunderttausenden von Vorstellungen, die wir im Gehirn gespeichert haben und die Stange repräsentiert den Zusammenhang, den wir zwischen ihnen herstellen. Schätzen wir, was ihre Anzahl anbetrifft, in erster Näherung: eine Vorstellung zu jedem Wort im Konversations-Lexikon. Einzelne (wenige) können wir gleichzeitig wachrufen / vor unserem inneren Auge erscheinen lassen z.B. durch den Willen, durch Sinnesreizungen, durch Bedarf, durch Folgerung oder durch Assoziationen. Die anderen liegen im Dunkel, inaktiv im Speicher des Gedächtnisses. Alle Vorstellungen sind wiederum vielfach miteinander verbunden. Die Verbindungen bezeichnen die Beziehung zwischen den Vorstellungen; sie können kausal, relational, modal, qualitativ usw. sein und werden Kategorien genannt. Die Beziehungen oder Verbindungen müssen nicht immer zwischen zwei Vorstellungen liegen, sondern können auch “monadisch” den Bezug zu einem Wertesystem (“gut”; “falsch”; “hell”) herstellen. Es gibt nur wenige Arten - ein bis zwei Dutzend - an Kategorien, aber die Zahl ihrer Exemplare liegt noch um Größenordnungen über der Zahl der Vorstellungen.

 

Damit haben wir, alle uns zugänglichen Kategorien und Vorstellungen zusammengezählt und -gestellt, eine gewaltige Topologie, eine Karte des Weltbildes aus zahllosen Orten - den Vorstellungen und aus noch mehr Wegen - den Kategorien - vor Augen. Nur sind allenfalls ein oder zwei davon aktiviert bzw. bewußt, wie wir wissen; einige näherliegende sind im Halbdunkel noch wahrnehmbar, während die ferneren im Dunkel liegen. Ihre Aktivierung kann von außen initiiert, autonom durch einen Willensakt oder über eine Kategorie angeregt erfolgen. Sie tauchen dadurch auf, sie erscheinen, wir stellen sie uns vor und haben sie dann präsent.

 

Das derart abgeleitete Bild des Graphen oder Atomiums wird sich allerdings bei vielen psychisch bedingten individuellen und sozialen Erscheinungen und Bewegungen als sehr leistungsfähig erweisen. Es macht plausibel den Aufbau des Weltbildes, es veranschaulicht Wissen, Wissensdurst, Erkenntnis, Intuition, Glauben, Wille zum Glauben, Fundamentalismus, Denken, Handeln, Massenbewegungen usw. Wir werden individuelle und gesellschaftliche Verhaltensweisen des Menschen mit seiner Hilfe erklären.

 

1.2    Inhalt vs. Aufbau 

 

Zunächst hängt ja das Verhalten von den Inhalten des Weltbildes ab. So bestimmen Vorlieben oder Tabus die Art unserer Speisen, Ansichten über Menschen die Wahl der Freunde oder religiöse Vorschriften die Rituale.

 

Dabei ist das bewertbare Handeln der Menschen, welches ja vom Weltbild gesteuert wird, genauer genommen ziemlich unabhängig von dessen Inhalten. Es ist bemerkenswert, wie ein und derselbe Glaube alles hervorbringt, was zwischen Terrorismus und Altruismus, zwischen Scheiterhaufen und Menschenliebe zu finden ist. Und noch verwunderlicher ist es, daß angesichts dieser Hervorbringungen ernsthaft über den Buchstaben der Schriften debattiert wird, anstatt sich um die Eigenschaften des Weltbildes zu kümmern, die derartigen Differenzen des Verhaltens zu Grunde liegen. Denn auf Gut und Böse scheinen die Inhalte keinen großen Einfluß zu haben. Sie sind unveränderlich festgehalten “in den Schriften”. Uns bleibt also nichts übrig als neben den Inhalten noch andere Momente des Weltbildes herauszuarbeiten, nach welchen Mörder und Wohltäter, Boshafte und Helfer, Hallodris und Verantwortungsvolle ihr Handeln richten. Es ist dann genau dieses Bild des Atomiums, das uns gestattet, einige der Verhaltensweisen zu erklären, die im Widerspruch zur herkömmlichen Auffassung des Weltbildes und seinen inhaltlichen Vorgaben stehen. Wir werden finden, daß wir diese Widersprüche auf die Form des Weltbildes zurückführen können.

 

Als Form des Weltbildes definieren wir vorläufig die Art, in der die zahllosen Vorstellungen, die wir haben (oder die wir aktivieren können) durch Begriffe geordnet und zusammengefaßt sowie durch Kategorien miteinander verbunden sind.

 

Es geht weiter um die Frage, wie das Weltbild auf soziale Bewegung wirkt. Dazu muß der Weg erkundet werden, auf dem gemeinsame Vorstellungen und Begriffe mit ihren zugehörigen Verbindungen gewonnen und verwertet werden. Sozial gesehen oder für den Bereichserhalt erwogen, kommt dadurch hinzu alles was mit Gleichschritt, mit Norm, Bestätigung, Gemeinsamkeit und Übereinstimmung zu tun hat.



 

1.3    Die Elemente des Weltbildes


Das einzelne im Gedächtnis gespeicherte Permanent-Bild (“Wasser”, “Auto”, “Spaß”, “Mutter”, “Übelkeit”, “Vorteil”, “Handlung”, “Güte” usw), welches als Bestandteil des Weltbildes Resonanz mit den Sinnesdaten finden kann, heißt allgemein Vorstellung. Die Vorstellung, meist durch Worte zu benennen, soll Baustein und Ausgangspunkt für die Entwicklung des Weltbildes sein. Ihre Fähigkeit zur Resonanz mit Sinnesdaten macht ihre eigentliche Bedeutung aus, und die Wirkung dieser Resonanz auf die Motorik ist das Grundelement des Handelns.


Zur Resonanz vorläufig nur soviel: die gelernten oder durch wiederholte Einwirkung im neuronalen Netzwerk unseres Gehirns gespeicherten Vorstellungen sind materiell als Synapseneinstellungen bzw. noch allgemeiner als elektrochemische Zustände oder Muster repräsentiert. Desgleichen erzeugen auch die Sinnesreize, ins Hirn geleitet, solche Muster. Schließlich waren sie einst der Ursprung des Gelernten. Stimmen nun die aktuellen, wahrgenommenen Muster mit den permanenten, gespeicherten überein, haben wir das Phänomen der Erkenntnis, des Heureka. Bei Nichtübereinstimmung ergibt sich Ratlosigkeit, wenn nicht Grauen oder Angst.


Dabei setzen wir voraus eine Parallelität zwischen dem elektrochemischen Zustand unseres neuronalen Netzwerkes, also des Gehirns und der eigentlichen Vorstellung. Diese gehört dem Reich des Geistes, jener (der Zustand) der materiellen Welt an. Beide sind so grundsätzlich voneinander getrennt, daß bis heute keine Verbindung zwischen ihnen gefunden wurde. Nur daß wir im gleichen Hirn bei gleichen Zuständen die gleichen Vorstellungen erwarten. Sofern nicht anders vermerkt, soll das Wort Vorstellung für beide Zustände gelten, den geistigen und den zugrundeliegenden materiellen.


Manchmal liegt bereits die Reaktion oder ein ganzer Komplex von Reaktionen auf einen Reiz vor; das Programm ist fertig, es fehlt nur noch das Bild, d.h. die Vorstellung, die mit dem Auslöser Resonanz findet. M.a.W. veranschaulicht: das Environment ist vorhanden, die Räder, der Motor, das Chassis usw. - es fehlt nur noch der Zündschlüssel. Dieser wird dann in einer besonders empfindlichen Phase “geprägt” und macht dabei Herrn Lorenz zur Entenmutter. Ein ähnlicher Prägevorgang findet auch beim Lernen statt, nur leider nicht mit einer so bequemen Automatik und gottseidank nicht mit solcher Ausschließlichkeit.


Über die Verbindung zwischen Wort und Tat, aber auch zwischen Reiz und Reaktion entscheiden die Kategorien. Sie sind sowohl zwischen den Vorstellungen untereinander als auch zwischen ihnen und der Motorik aufgespannt. (Philosophisch gilt die letztere wohl nicht als Kategorie; sie ähneln sich aber in der Funktionsweise: so wie die Kategorie der Kausalität eine korrespondierende Vorstellung wachruft, so bewirkt die Auslöser- oder Handlungskategorie eine Reaktion.)


Ist z.B. zwischen dem Wort des Geistlichen und dem Willen Gottes die Kategorie der Kausalität implementiert, so hat dies Wort ein ganz anderes Gewicht als im Ohr des Atheisten. Fehlt zwischen dem Begriff “Gift” und der Vorstellung “Goldregen” die Kategorie der Zugehörigkeit, dann ißt das Kind nichtsahnend die Blüten. Sind die Vorstellungen “Feind” und “Rasse X” durch die Kategorie der Relation Gleichheit verbunden, hat die Kriegspropaganda leichtes Spiel. So bestimmt der Aufbau des Weltbildes, d.h. die Art, in der die Vorstellungen und Begriffe durch Kategorien verbunden sind, das Handeln und die Lenkbarkeit von Individuen. Und noch wichtiger: die Ähnlichkeit von Weltbildern in verschiedenen Individuen bestimmt über die Lenkbarkeit von Massen.



 

2.0  Weltbild und Erkenntnis

 

Das Weltbild ist in zweifacher Weise am Erkenntnisprozeß beteiligt: als seine Voraussetzung und als sein Ergebnis. Als Voraussetzung der Erkenntnis erlaubt es mir, Gegenstände bzw. die von ihnen initiierten Sinnesreize zu identifizieren. Eingehende Reize erzeugen im rezipierenden Hirn ein elektrochemisches Muster und dieses kann auf ein vorhandenes Muster treffen und bei Übereinstimmung / Resonanz zu der Erkenntnis führen, aha, das ist ja ... das und das.

 

Nun steht mir aber von Geburt an keine Vorstellung von “Milch”, “Mutter”, “Brei” oder “Spiel” zur Verfügung, womit ich keine Chance habe, die Gegenstände oder ihre Bedeutung zu erkennen. Auch das Lernen, sprich, der Aufbau der entsprechenden Vorstellung wäre mir zunächst unmöglich. Die Entstehung, das sich Einprägen von Vorstellungen - sie sind ja spürbar vorhanden, d.h. ihre Entstehung war Fakt - ist also ein komplexer Prozeß. Die frühen Empiristen haben es sich da etwas einfach gemacht mit dem Bild vom unbeschriebenen Blatt. Das Gehirn ist eben kein unbeschriebenes Blatt, weil es - ohne wenigstens andeutungsweise beschrieben zu sein - nicht beschrieben werden kann. Ein unbekannter Sinnesreiz ist unbekannt, ist Chaos, kann nicht identifiziert und nicht eingeordnet und damit auch (fast) nicht gespeichert werden. Ein Säugling weiß nicht einmal, was die Brust der Mutter bedeutet; lediglich die Kunst des Saugens bringt er mit. Erst durch wiederholte Anwendung, unterstützt durch ein starkes Bedürfnis lernt er die Form, die Tastung, den Geruch und die Bedeutung dessen, was ihn nährt. In einem allmählichen Wechselspiel von Lernen und Erkennen, von Bedarf, Versuch und Befriedigung baut das Lebewesen seine Vorstellungen auf. Der Beginn, das Vorwissen des Vorwissens ([9] zB Kapitel III,“Der unendliche Regreß”) wird gesteuert durch Bedarf und geübt von der Mutter, er wird gefunden durch Probieren oder lang zuvor - ansatzweise - gesetzt durch die Phylogenese.

 

Im Bilde des unbeschriebenen Blattes bedeutet das notwendige Vorwissen: der Stift, mit dem man schreibt, gibt nur dort Farbe ab, wo schon geschrieben wurde. Man kann nur schreiben, man nimmt nur Erkenntnis auf, wo schon geschrieben, schon erkannt worden ist. Das Unbekannte muß sehr mühselig gelernt, eingeprägt und wiederholt werden, damit man es sich aneignen kann. Das leere Blatt muß mehrfach durch Druck und Reibung mit dem Stift traktiert werden, damit es endlich Farbe annimmt. Die erste Vorstellung, die Andeutung einer solchen muß vorhanden sein, damit die Identifizierung des Wahrgenommenen ihren Faden aufnehmen kann. Gegen die Theorie vom “weißen Blatt” hatte Kant schon eingewandt, daß auch Erfahrungen ihre Voraussetzung haben.

 

Das Weltbild ermöglicht, nein verlangt von mir auch, Fragen zu stellen. Wo beispielsweise von einer Vorstellung A (“Donner”) aus die Kategorie der Kausalität beschritten wird, ohne daß sie zu einer zweiten Vorstellung führt, frage ich, was ist die Ursache von A? Habe ich dann (irgendwann) die Ursache, nämlich die Vorstellung B (“Blitz”), unterstützt und nahegelgt durch Erfahrung, gefunden, setze ich sie - als Ergebnis - am Ende der Kategorie in mein Weltbild. Damit ist der Blitz als Ursache des Donners installiert. Mit Frege [4] z.B. S. 5, könnte man sagen, (in gewisser Analogie zu ihm, schwächt die Vorsicht ab) die Kategorie ist jetzt gesättigt. Nun meint Frege zwar die Einsetzung von Funktion oder Begriff, aber in unserem Bild greift die Kategorie genauso nach der Ursache wie der Begriff nach dem Fall.

 

Ich habe durch das Lernen und die Einsetzung von B mein Weltbild vervollständigt. Das kaum Bekannte ist mir durch Kenntnis seiner Ursachen bekannter geworden. Die Zahl der kategorialen Einbindungen der Vorstellung (des Gegenstandes) in mein Weltbild entspricht dem Maß, dem Umfang meiner Kenntnis des Gegenstandes. Je mehr Kategorien ich aufspannen kann, je mehr Zusammenhänge mir bewußt sind, desto besser kenne ich den Gegenstand bzw. das Vorbild meiner Vorstellung.

 

Diese Aussage dokumentiert übrigens einen entscheidenden Unterschied zur Philosophie der Antike und des Mittelalters: dort gab es nur wahr und falsch, Wissen oder Nichtwissen, nicht aber eine abgestufte Kenntnis. Es gab keinen wechselnden Geltungsbereich von Aussagen, keine Einbindung von Vorstellungen durch mehr oder weniger Kategorien, kein Weltbild mit mehr oder weniger guter Passung zur Realität. Die Wahrheit war lange eine Entität, keine Beziehung.

 

Die Realität bzw. die Gegenstände erzeugen die Vorstellungen. Die wiederkehrenden oder konstanten Zusammenhänge zwischen den Gegenständen erzeugen die Kategorien. Wiederkehrende Abläufe der Welt werden im Weltbild nachvollzogen und erlauben Prophezeiungen. Die Logik spielt sich im Weltbild ab, wahr und falsch ergeben sich aus dem Zusammenwirken der Welt mit dem Weltbild. In der Mathematik sind Vorstellung und Gegenstand identisch. In den Naturwissenschaften können sie sich unterscheiden, weshalb man immer sehen muß, ob von der Welt oder vom Weltbild gesprochen wird. Hier scheint auch ein Grund für die endlosen Diskussionen um manche fregeschen Sätze zu liegen.

 




 

3.0       Information


Wir wissen, daß (Menschen, seien es Säuglinge oder) Frischoperierte, die zum erstenmal sehen, nur ein Chaos von Licht- und Farbeindrücken vorfinden. Es ist bunt und vielfältig und überstürzt sich in Veränderungen, kann aber in keiner Weise gedeutet werden. Wie sollte es auch, wenn diesem Chaos jegliches Vorbild / Vorwissen fehlt, dem es zugeordnet werden kann? Man sieht etwas, aber man weiß nicht was man sieht. Das Sprichwort sagt, man sieht nur was man weiß. Im Gehirn kommt etwas an, aber es ist dort nichts, womit es verglichen werden könnte. Der vormals Blinde konnte in der Zeit seiner Blindheit keine optischen Eindrücke aufnehmen, geschweige denn speichern. Er konnte sie auch nicht in sein Weltbild einordnen nach zB Art, Zweck und anderen Zusammenhängen. Nach unserem Gleichnis konnte er sie in keine Kategorien einbinden. Das heißt, in dem Gehirn, in dem die optischen Reizungen der Netzhaut über den Sehnerv als ein elektrochemisches Muster enden, war nichts enthalten, das diesem Muster entspricht. Es fand keine Resonanz. (Dies kann auch ein Bewegungsmuster, also sowohl ein Zustand als auch ein Prozeß sein.)

 

Der Sinnesreiz geht ins Leere, weil er keine Entsprechung findet. Setzt man “sehen” gleich “erkennen” wird vernachlässigt, welches Maß an Lernarbeit schon der einfachen Aussage “Ich sehe ... das und das (Onkel Hans, ein Haus, einen Hund usw.)” vorausgehen muß. Die Lernarbeit prägt das Gelernte in das Gehirn. Sie speichert es dort durch wiederholtes Aufnehmen, durch Bestätigung der anderen Sinne - Anfassen, Probieren, Gebrauchen, Bedarf - als ein permanentes Bild, als eine Vorstellung, die danach jederzeit aktiviert werden kann. Sie kann einerseits erfolgen wie das Vokabellernen, also durch einen Willensakt; sie kann aber auch den Aufbau der Vorstellungen erreichen durch die Wahrnehmung der normalen Lebensfunktionen. Lernarbeit bindet zusätzlich die gewonnene Vorstellung in die Kategorien ein; sie stellt die Zusammenhänge mit den anderen Vorstellungen und Begriffen her.

 

 

Eine Vorstellung übrigens, die sich wie die meisten ihrer Art durch das Lernen in ständiger Veränderung befindet. Sie erhält zusätzliche Aspekte, weil das zu Erfassende in den verschiedensten Ansichten - Seiten, Beleuchtungen, Altern usw. - auftaucht und weil der Verstand gleichzeitig versucht, diese Aspekte wieder durch darin enthaltene Gemeinsamkeiten zu identifizieren. Diese enorme Fähigkeit und unbewußte Arbeit des Hirns ändert aber nichts an dem eben erläuterten Prinzip, das das Lernen vor die Erkenntnis setzt.

 

 

Kurz, das Vorwissen oder das Weltbild ist offenbar die Voraussetzung für die Erkenntnis von Wahrnehmungen. Da in “Wahrnehmung” schon etwas steckt wie die Wahrheit des Aufgenommenen, also ein Anfang der Erkenntnis, sagen wir besser “Reizursachen”. Wollen wir bei der Zecke (kurz für Zeckenlarve) nicht von Erkenntnis sprechen, sagen wir Verwertung. Das Eintreffen der beiden Reize “Buttersäure” und “Säugerwärme” wird bei ihr direkt in die Reaktion umgesetzt. Das ganze Weltbild besteht aus der Rezeptionsfähigkeit und der “und-“ Verknüpfung der beiden Reize. Im Prinzip geht bei uns die Erkenntnis denselben Weg. Der Bedarf Durst hält die Maske “Wasser” oder “Trinkbares” an die Welt. (Die Zecke braucht Blut und hält die Maske “Hund” an die Welt) Wir suchen Wasser, aktiv durch Suchbewegung. (Die Zecke wartet.) Wasser taucht im Gesichtsfeld auf, wir nehmen es durch Auge oder Nase auf, das Muster wird ins Hirn gesandt, findet Resonanz mit der vorhandenen / gelernten Maske “Wasser” und wird als solches von uns registriert. Bis hier finden wir uns im Gleichschritt mit der Zecke. Nun aber wird die Erkenntnis “da ist Wasser” nicht direkt in die Motorik “trinken” abgeleitet, sondern es macht sich der Umfang unseres Weltbildes bemerkbar. Während die Zecke unmittelbar reagiert, wird die Erkenntnis bei uns vor ihrer Umwandlung in eine Reaktion mehrfach im Weltbild abgeprüft. Ist das Wasser sauber? Ist es eine Falle? Liegt ein Tabu darauf? Gehört es einem Stärkeren? Undsoweiter. Bevor die Erkenntnis per Motorik in die Tat umgesetzt wird, leiten wir sie über andere Vorstellungen (“Gift”, “schlechter Geruch”, “Verbot”, “Falle”) und verzögern oder vermeiden bei Resonanz die Reaktion, um uns vor Schaden zu bewahren. Dieser Mechanismus rechtfertigt bereits die Vergrößerung des Weltbildes und wurde von der Evolution durch Veränderung / Ausweitung der Kapazität des Hirns bevorzugt.

 

Unser Handeln richtet sich nach diesem Permanent-Bild, nein, nach Millionen von Einzelbildern, die auf besondere Art, nämlich durch die Kategorien miteinander verkettet sind: dem Weltbild. Von dessen Güte, von seiner Übereinstimmung mit Seins- und Wirkweise der Realität, sind wir total abhängig. Eine Erscheinung (schwarze Wolken) muß mit ihrer möglichen Folge (Regen) und diese mit der notwendigen Reaktion (Schirm nehmen) verbunden sein. Wo das Weltbild beeinträchtigt ist, d.h. wo die Bilder den Unterschied zwischen Gift und Nahrung nicht erfassen oder wo ihre Zusammenhänge Ursache und Wirkung verwechseln, sind wir gefährdet.

 

Untersucht werden soll im Folgenden der Fluß, sprich die Aufnahme, Wandlung und Weiterleitung mehr oder weniger hoch strukturierter Energie, die z.B. in Form der Wahrnehmung, in Form von Befehlsempfang und -ausführung stattfindet. Natürlich bleibt es dabei, daß Energie keine Information und Information keine Energie ist. Aber jede Aufnahme von Information ist mit der Übertragung und Wandlung von Energie verbunden. Die Farbe eines Signals, der Ruf eines Vogels, der Stoß eines Ellenbogens oder das durch die Schrift strukturierte Licht einer Buchseite sind zunächst nur mechanische, pneumatische (Schall-) oder optische Energien, die unsere Sinnesorgane treffen. Ob sie zu Information werden, ist bekanntlich eine Frage der Verarbeitung. Von den zahllosen fluktuierenden Energien (Strahlen, Schallwellen, Stößen, Gerüchen...) werden nur wenige zu Reizen (nämlich diejenigen, die adäquate Sinne affizieren) und von den zahllosen Reizen nur wenige zu Informationen. Energie muß zwecksReizung einen Rezeptor treffen und sie muß zwecks Wahrnehmung - meist im Hirn - Resonanz finden.

 

Lehrreich ist in diesem Zusammenhang die Schrift von Dretske [3], die im Titel bereits vom “Fluß der Information” spricht.

Ist Information übertragbar?

 

Übertragen wird tatsächlich nur Energie. Die Information entsteht im Kopf des Rezipienten. Heißt das, Information kann nicht übertragen werden, obwohl doch das, was ich weiß oder was ich will, mittels Worten oder anderen Signalen meinem Nachbarn, Partner, Kunden usw mitgeteilt wird? Führen wir uns wieder vor Augen, daß einem Bit (je nach dem, was darüber vereinbart bzw. kodiert wurde) mehr Information (durch Dekodierung) “entnommen” werden kann als einem aus Millionen von Bits bestehendem Bild oder Schriftstück, dann müssen wir dabei bleiben, daß es ausschließlich Energie ist, die durch Kodierung und Dekodierung, d.h. durch Interpretation zu Information gemacht wird. Das Bit von Dretske, “that carries information” hat keinen Rucksack, in dem es die Information transportieren könnte.

 

Damit wird bei der Informationsübertragung aber ein Gut an den Mann gebracht, das nicht unterwegs gewesen ist. Dies könnte eine theoretische Schwierigkeit bedeuten für den, der dafür im Fundus des Bekannten zwecks Erklärung ein Gleichnis sucht. Er sieht, daß zB die Wasserleitung nicht paßt, weil hier das fließt, was auch ankommt, während bei der Information eben nicht das fließt, was der Empfänger letzten Endes zur Verfügung hat. Man könnte sagen, daß der Schall ein passendes Gleichnis wäre, da die Luft, durch die er kommt nicht transportiert wird. Aber die sollte ja auch nicht ankommen, sondern der Schall, und der wurde auch transportiert. Im Gegensatz dazu kam die Information an, wurde aber nicht selbst transportiert.

 

Dann wäre die Frage, ob nicht der Rohstofftransport und die anschließende Fertigung in einer Fabrik ein besseres Gleichnis darstellt. Es werden beispielsweise Eisenbrammen an ein Werk geschickt und dort entstehen Schienen aus den Blöcken. Wenn der Absender die Absicht hatte, Schienen fertigen zu lassen, dann hat der Vorgang tatsächlich die größte Ähnlichkeit aller aufgezählten Gleichnisse mit dem Vorgang des Informierens. Der Empfänger nämlich hat in Form seiner Kenntnisse und Maschinen die Mittel zu Dekodierung der Absenderwünsche und stellt das her, was jener gewünscht hatte. Es wurde nicht das transportiert, was entstehen sollte; trotzdem ist es auf Grund der Kenntnisse im Empfänger hergestellt worden, so wie die Resonanz von Maske und Muster zur Information und schließlich zur beabsichtigten, bereichserhaltenden Reaktion führen. Auch die ungewollte Sendung, wie zB das Licht von einem Stein, das mir seine Zusammensetzung verrät, wird vom Gleichnis erfaßt, da der Fabrikant sich die Rohstoffe holen kann, ohne das ein Absender derselben damit eine Fertigungs- oder Sendeabsicht verbindet.

 

Man sollte eben nicht in der Terminologie der Nachrichtentechnik über Information reden. Hier geht es um die Bedeutung von Nachrichten, Signalen, Anweisungen usw., keinesfalls um ihre Übertragungsweise, um ihre Verluste oder Redundanzen. Letztere werden von der sog. Informationstheorie behandelt, die in diesem Zusammenhang besser als Nachrichtentechnik zu bezeichnen ist. Sie beschäftigt sich ausdrücklich nicht mit den Fragen der Bedeutung.

 

 

3.1    Stau und Lösung von Energie

 

Will man bei der Beschäftigung mit Information über die Begriffe der Nachrichtentechnik oder der Wärmelehre hinausgehen, dann steht man vor beträchtlichen Schwierigkeiten. Der Grund dafür liegt letzten Endes in der Tatsache, daß der Begriff “Information” zwei verschiedenen Welten angehört. Man hat einerseits die Energieströme in Form von Schall-, Licht-, Stoß- und anderen (Ein-)Wirkungen (auf unsere Sinnesorgane), sowie ihre elektrochemischen Folgen im Nervensystem und man hat andererseits die Begriffswelt von “Selektion”, “Wahrnehmung, “Verständnis” und “Geist”. Dazwischen erhebt sich seit der Trennung von Ich und Welt eine Mauer, die bisher von der Philosophie (des Geistes) vergeblich berannt wurde. Man hat das gewaltige Problem des Verhältnisses von Geist und Materie. Wie entsteht der Geist aus dem Gehirn, wie hängen Denken, Vorstellen und Fühlen mit den meßbaren Vorgängen im Gehirn zusammen?

 

Wir umgehen das Problem, indem wir lediglich versuchen, die materiellen Begleiterscheinungen geistiger Betätigung, zB beim Vorgang des Informiertwerdens, soweit wie möglich zu verfolgen. Man kann sagen, wenn wir das und das denken oder empfinden, dann geschieht das und das in der Welt, in den Sinnesorganen, im Gehirn. Wenigstens diese Parallelität wollen wir verfolgen und uns dabei so nahe wie möglich an das Phänomen heranarbeiten, das wir den Geist nennen. Einzig um “Information” zu definieren? Oder, da dies auch nicht ganz gelingen kann, einiges über den Aufbau unseres Weltbildes und seine Lenkungswirkung bei der Informationsverarbeitung zu erfahren.

 

 

 

Warum wird über Energie gesprochen, wenn es um Information geht? Weil wir nichts über uns oder die Welt erfahren, ohne daß in irgendeiner Form Energie übertragen, gelöst oder aufgenommen wird. Jede Einwirkung auf unsere Sinnesorgane geschieht durch Licht, Schall, Druck, Temperatur, Stoß usw. also durch Energie. Sogar die Intensität des reinen Denkens kann inzwischen gemessen werden als ein Energieumsatz bestimmter Hirnregionen. Nochmals: Energie ist keine Information und Information keine Energie, aber jede Wahrnehmung, jede Verarbeitung derselben, ja jeder Stimmungswechsel und sogar der nur im Bewußtsein stattfindende Bedeutungswechsel von Kippfiguren, also das “reine” Denken ([5] Spektrum 1/2000,”Sehen und Bewußtsein”, S. 42 mitte) sind mit meßbaren Energieströmen verbunden. Auch das Licht einer Buchseite, durch die Schrift strukturiert, ist zunächst nichts anderes als Licht-Energie, die auf unsere Netzhaut wirkt. Was muß also mit der (Signal-) Energie geschehen, damit Information entsteht? Sie muß aufgenommen / gewandelt und an einen Ort gebracht werden, wo sie selektiert und verstärkt und fähig wird, eine Reaktion auszulösen. Und diese Reaktion muß der Dauer des Rezipienten dienen. Das ist das einzige objektive Kriterium, das uns von außen verrät, ob der Rezipient verstanden, d.h. ob er die einwirkende Energie zu Information gemacht hat. Im Falle einer falschen, selbst-zerstörerischen Reaktion könnte man nicht von Verständnis sprechen - allenfalls von Mißverständnis. Und dem Mißverständnis fehlt das endgültige oder abschließende Kriterium der Information - die Reaktion, die der Dauer des Rezipienten dient. (Wdh.: das Mißverständnis nimmt einerseits denselben Lauf wie die Information - über Resonanz und stufenweise Verstärkung zur Reaktion - hat aber andererseits die gegenteilige Wirkung, nämlich die Selbstdestruktion.)

 

Zunächst verfolgen wir ihren (der Energie) Lauf bei der Informationsverarbeitung.

 

Bekanntlich kann Energie nicht entstehen und vergehen, sondern sie wird gespeichert oder freigesetzt, gestaut oder gelöst. Wir (Menschen) stauen Energie in Uhrfedern, Meilern, Speisekammern, Tanks, Kollektoren, Talsperren, Muskeln, Bäuchen und Batterien. Die Biosphäre staut Energie durch Separierung des Kohlenstoffs (u.a. vom Sauerstoff) in der Atmosphäre und in Lagerstätten, die Pflanze staut sie in Zucker und Stärke, das Tier u.a. in Fett und Eiweiß. Die anschließende kontinuierliche, "kontrollierte" Lösung von Energie erhält alles Lebendige. Das Ende des Energieflusses ist der Tod. Wachstum, Reproduktion und Bewegung sind die Formen, in denen ein Organismus die von ihm aus Licht und Nahrung gewonnene Energie wieder abgibt. Stau und Lösung von Energie sind die Seinsweise des Lebendigen, ja des Laufs der Welt. Schon die Fixsterne verdanken ihr Dasein einem Energiefluß, d.h. der gesteuerten Lösung von Energie aus ihren Trägern, den Atomen (zB Prigogine, “Vom Sein zum Werden”). Denn jede Veränderung, jede Reaktion, ja jede Bestätigung oder Rezeption d.h. jeder Gewinn von Information aus Reizen, wandelt, staut und löst, “verbraucht” und erfordert bereits Energie.

 

Es wird sich herausstellen, daß der Verlauf des Informiertwerdens dieselbe Struktur hat, wie die Wirkung eines Befehls auf die Truppe, wie der Druck des Gaspedals auf das Fahrzeug oder die Wirkung des Geldes auf die Ressourcen. Dabei ist Energie nicht nur der (Träger, nein der) Überträger der Information, sondern auch die Ressource, die an der Basis der Hierarchiepyramide in Form von Heizung und Verkehr, von Arbeit und Formgebung, von Kunstausübung und Abfall, aber auch von Wetterkatastrophen, in Form brennender Wälder, schmelzender Polkappen und unaufhaltsamer Kontaminierung unserer Umwelt das materielle Korrelat des Selbst- und Bereichserhalts, das Korrelat von erfüllten Wünschen und produzierenden oder marschierenden Massen bildet.

 

Wir verfolgen den Weg vom Anlaß, von der Mikro-, Informations- oder Steuerungsenergie zum Ereignis, zur gelösten Makro- oder Arbeits-Energie. Die Stufen, auf denen Information sich in Aktion wandelt, können sehr klein werden, sogar nur von der Wahrnehmung bis zum Verständnis reichen. Aber ohne Energie läuft nichts, nicht einmal Verständnis.

 

Wo ist jetzt die Grenze, bei der man nicht mehr von Information, sondern nur von Aktion sprechen dürfte? Solange die ewige Harmonie sich nicht nur mit sich selbst unterhält, gehört die erhaltende Aktion - wenigstens die mögliche - zur Information wie die Pflanze zum Samenkorn. Denn ich kann kein Korn Samen nennen, solange es nicht eine Pflanze wenigstens ermöglicht. Und ich kann keine Energieaufnahme als Information erkennen, solange sie keine bereichserhaltende Reaktion zur Folge hat oder wenigstens ermöglicht - ohne das wäre sie bloße Einwirkung, bloße Physik. Bloße Physik ist beispielsweise der Flügelschlag des Wetter-Schmetterlings. Er ist der Auslöser gewaltiger Energieflüsse, in der Art, wie Information zu Aktion wird. Da aber keine Resonanz mit einem Weltbild stattfindet, wird der Flügelschlag des Schmetterlings auch nicht als Information gewertet.

 

Überhaupt entstehen viele Schwierigkeiten der Theorie der Information dadurch, daß die strukturierte Energie (Morsezeichen, Worte, optische Eindrücke) die auf die Rezeptoren (Antennen, Sinne, Fernrohre) wirkt, als Information bezeichnet wird. Dies rührt von der Sendeabsicht, die immer vorausgesetzt wird. Es kann aber alles Wahrgenommene zu Information werden, ob mit oder ohne Absicht gesendet. Energie ist eben noch keine Information, sondern bleibt so lange bloße Energie, bis sie auf ein Verständnis trifft, das zu einer (selbst-, bereichs-) erhaltenden Reaktion führt oder führen kann. Ganz lehrreich ist der Aufsatz “Überraschung und Bestätigung ...” von Ernst von Weizsäcker in [14]. Dort heißt es wörtlich: “Aber was ist Semantik oder Bedeutung, wenn sie nicht irgendwann in Handeln umgesetzt wird?”

 

Der genannte Aufsatz gibt Gelegenheit, einige weitere Momente des Begriffs von der Nachrichtentechnik in die Theorie der Information zu übersetzen. Der CODE beispielsweise ist die Struktur der Energie (zB von einer Buchseite reflektiert), die mit dem Weltbild (eines Schriftkundigen, eines Vogelflug- oder Verkehrszeichendeuters usw.) Resonanz findet. Resonanz ist die weizsäckersche BESTÄTIGUNG, der Zeitpunkt ihres Auftretens ist die ÜBERRASCHUNG. Das Weltbild der Zecke kennt nur die Vorstellung “Hund”. Es ist völlig starr, wie Weizsäcker sagt. Der Hund ist für die Zecke keine Überraschung, aber der Zeitpunkt seines Auftauchens. Dieser Zeitpunkt bringt die Resonanz und alle durch sie bedingten Folgen, vor allem die der arterhaltenden Reaktion. Wir nehmen die o.zitierte Äußerung betr. das Handeln ernst und erklären erst die Energie zu Information, die in eine erhaltende Reaktion umgesetzt wurde oder wenigstens umgesetzt werden kann.

 

 

 


 

3.2             Hierarchie und Informationsverwertung

 

Diese Überschrift läßt sich erst verstehen, wenn man die Hierarchie nicht nur als Rangfrage oder gar als das Ritual ihrer Exekution betrachtet, sondern wenn man den Prozess der Steuerung als ihr wesentliches Moment begreift. Steuerung insbesondere in der Form, daß durch winzige Signal- oder Auslöse-Energien stufenweise immer höhere (zuvor gespeicherte) Energien freigesetzt und immer größere Massen bewegt werden. Man denke an den Knopfdruck, der die Drosselklappen eines Kraftwerkes öffnet, der dadurch den Wasserdruck einer Talsperre auf die Turbinen wirken läßt und schließlich eine ganze Stadt mit Strom versorgt. Oder an eine mündliche Anweisung, die gerade soviel Energie freisetzt, daß ein Trommelfell in Schwingungen gerät. Die dann über viele Stationen verstärkt und verteilt wird und schließlich ein Heer oder einen Demonstrationszug marschieren läßt. Das ist das Schema des Energieflusses bei der Information eines Sozialverbandes. Beim Individuum geht es analog über Sinne, Hirn, Nerven zu den Muskeln, gleichfalls mit ebenenweise ansteigendem Energiemaß.

 

 

3.2.1          Statische Hierarchie

 

Atome können ein Molekül, kosmische Staubteilchen einen Stern, Zellorganellen eine Zelle, Bäume einen Wald, Häuser eine Stadt, Mitglieder einen Verein, Firmen einen Interessenverband oder Menschen einen Staat konstituieren. Normteile bauen Bereiche. Wir betrachten einen Zustand, keinen Vorgang - und haben die statische Hierarchie. (Wir haben damit auch das “Enthaltensein im Enthaltensein” [6] der Systemtheorie, aus dem aber die mitgemeinte Steuerungsmacht nicht hervorgeht - ein prominentes Beispiel für die Vermischung und Verwischung der Hierarchieformen.) Im Sprachgebrauch entspricht sie der Formalhierarchie. Sie wird sozial im Wesentlichen durch die Hierarchie der Werte, durch die Anordnung der Menschen in Schichten, durch Ränge beschrieben. In der Gesellschaft finden wir sie meist als Relikt einer ehemaligen Funktionshierarchie. Der Adel z.B. pflegte seine verlorene Steuerungsmacht durch die Zeichen seiner alten Würde, während die Ressourcenströme längst vom Bürger gesteuert wurden.

 

Die Zeichen der Formalhierarchie sind Grenzen, Marken, Mähnen, Orden, Fahnen, Bräuche, Privilegien und Gesetze. Sie bezeichnen die einzelnen Schichten des hierarchisch geordneten Bereichs u.a. als Rangabzeichen. Hier ist jedoch nicht der Aufbau, sondern die Funktionsweise der Hierarchie das Wesentliche. Die im folgenden behandelte dynamische Hierarchie entspricht der Funktionshierarchie.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

 

3.2.2 Dynamische Hierarchie

 

Während die statische Hierarchie den Aufbau hierarchisch organisierter Bereiche beschreibt, geht es bei der dynamischen um deren Bewegungsweise. So kann die statische H. durchaus mit “Schichtung” oder “Enthaltensein” umschrieben werden, weil damit ein Zustand erfaßt ist. Über die Veränderungsweise, über die Wirkung der Teile eines Systems aufeinander ist damit noch nichts gesagt. Wir haben die Anordnung (zB Oberrevolutionär, Stabsrevolutionär, Unterrevolutionär, Revolutionär), aber nicht die Wirkung der Teile aufeinander. Im dynamischen Prozeß/Prozessieren wirken verschiedene Individuen, Schichten, Momente, Teile... aufeinander so ein, daß sie sich in Abhängigkeit voneinander verändern. Der Geschäftsführer / Pharao beschließt ein neues Produkt, die Abteilungsleiter / Wesire setzen die Konstrukteure / Baumeister in Bewegung, die Materialströme beginnen zu fließen und die Arbeiter / Steinmetze formieren (Marx) das Gewünschte. So steuern auch im Fixstern - einem System, das durch einen selbstkontrollierten Energiestrom erhalten wird - Verbrennung, Opazität und Dichte einander wechselweise, ohne daß sie örtlich gegeneinander abzugrenzen wären. In der Funktionshierarchie steuern Individuen eine Sozietät, ohne daß die Vollmachten dazu permanent an ihre Person gebunden wären. D.h. die Steuerungsvollmacht kann temporär delegiert und muß derart nicht mit dem Rang verbunden sein.

 

Dynamische Hierarchie beschreibt also die Art und Weise dauerhafter oder wiederkehrender Einflüsse von Etwas - vorwiegend z.B. einer Einheit oder einer Minderheit oder Dererdaoben auf Etwas anderes - z.B. auf eine Viel- oder Mehrheit oder auf Diedaunten. Gelegentlich, wie im Falle der Revolution, kehrt diese Wirkungsrichtung sich um. Sie, die dynamische Hierarchie, beschreibt das Phänomen der Steuerung, sie beschreibt, wie aus kleinem Anlaß eine große Wirkung hervorgeht.

 

 

 

Das untenstehende Bild ist zwar statisch (kein Video), beschreibt aber durch seinen Aufbau anschaulich genug einen Vorgang. Die Kreise sind Kugeln, die aller Erfahrung nach eine Schiefe, eine nach unten geneigte Kurve hinabrollen. Sie werden nur vorläufig daran gehindert durch kleine Schwellen. Die oberste kann mit verhältnismäßig geringem Aufwand über diese kleine Schwelle gerollt werden, wonach sie eine größere Strecke (zur nächsten, tieferliegenden Kugel) gelangt und dabei weit mehr Energie abgibt, als der Anstoß verbraucht hat. Nun kann diese eine größere und die nächste wiederum eine noch größere Kugel bewegen, so daß wir - rein energetisch betrachtet - sehen wie das Wort des Kapitäns einen Ozeandampfer in Bewegung setzt.


 

Was geschieht mit der Energie, wenn Information in

Aktion gewandelt wird? Wie wird ein Plan in Handlung

umgesetzt?

 

 

 

 

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         Konsequenterweise dürfte es in der Anmerkung rechts unten nicht heißen “Information abnehmend”, sondern allenfalls “Struktur, Komplexität” abnehmend. Denn nach unserer Definition enthüllt sich (auf die Sinne wirkende) Energie erst dann als Information, wenn sie Resonanz oder Verständnis gefunden und zu bereichserhaltender Reaktion geführt hat.

 

 

 

 

 

3.2.3  Die Schwelle

 

Wie gezeigt, können Bereiche Energie speichern oder bereits gespeichert haben. In Gestirnen, Einzellern, Muskeln, Wäldern, Flözen, Tanks, Akkumulatoren, Speisekammern und Geschossen ist Energie gestaut worden. Diese Energie muß bei ihrem Stau gewissermaßen hinter eine Schwelle gehoben worden sein, da sie sich sonst sofort wieder regellos und ohne Anlaß verteilen würde. Ohne Schwelle würde sie haltlos fließen bis in unendliche Verdünnung. Ohne die Schwelle wäre vom Urknall keine Materie, es wäre nichts als eine gleichförmige abnehmende Hintergrundstrahlung geblieben.

 

Auf obigem Schema ist die Schwelle zu sehen als kleine Erhebung, die die grünen Kugeln gerade am Abrollen hindert. In der Vergangenheit sind die Kugeln hinaufgerollt und -geschoben und noch über die kleine Schwelle gehoben worden. Dabei haben sie potentielle Energie aufgenommen, die sie so lange halten, wie sie hinter der Schwelle bleiben. (In der Biosphäre haben wir die Pflanze, die über Jahre hinweg die Sonnenenergie speichert und sie im Ofen, in der Dampfmaschine oder beim Waldbrand in Minuten wieder abgibt.) Es genügt aber eine kleine Kugel von oben herabrollend, um die größere über die Schwelle zu stoßen und deren vormals gespeicherte Energie freizusetzen. Ganz so wie diese zweite Kugel jetzt energiereich genug ist, um, die dynamische mehrstufige Hierarchie exerzierend, die dritte noch größere Kugel über die Schwelle zu stoßen. Der Fall dieser letzten, größten Kugel ist jetzt das Gleichnis für die Makro-Wirkung, die von dem Mikro-Signal (dem Fall der kleinsten Kugel) hervorgebracht wird. Sie symbolisiert den Marsch von Kolonnen, das Anfahren des Zuges, die Explosion einer Sprengladung, den Start des Rennens, den Waldbrand..... auch den Urknall? Wer gab das Signal? ??

 

Im Lauf der Synthese und Bereichsbildung werden so Elementarteilchen, Atome, Moleküle, Makromoleküle, Individuen oder Gruppen, kurz Normteile, über eine Zone der Abstoßung in die der Anziehung gehoben und miteinander vereinigt. Ermöglicht wird dies durch eine Eigenschaft der Normteile, die z.B, die gesamte Chemie bestimmt: Individuen, hier Atome, stoßen sich bei Annäherung zunächst mit wachsender Kraft voneinander ab. Wird aber ein bestimmter Abstand unterschritten, ziehen sie sich an und gehen eine Verbindung ein. Die zur Vereinigung aufgewandte Energie ist anschließend in den so synthetisierten Bereichen gespeichert / geparkt / gestaut. Der Ausdruck “geparkt” würde beispielsweise der Tatsache Rechnung tragen, daß nichts stabil ist oder: daß es für alles, sogar für Protonen, eine Halbwertszeit gibt.

 

Das Muster scheint primitiv, doch findet es seine Entsprechung bis in die Sexualität, in Gast- und Völkerrecht: immer müssen die Teile über einen Widerstand in die Verbindung zum Ganzen gebracht werden. Eine Analogie zu menschlichen Gemeinschaften findet sich im Phänomen der Fremdheit, die im Fall rational einsichtiger Zusammenschlüsse überwunden werden muß. Auch hier gibt es eine Art Stau, eine innere Anstrengung der Individuen, die übergeordneten Zusammenhänge zu erkennen und sie gegenüber den näheren, emotionaleren, gewohnteren, einfacheren zu berücksichtigen und durchzusetzen. Brechen die größeren Einheiten unter zunehmendem Druck zusammen, werden diese Energien wieder freigesetzt. Auf dem Weg von der Union zur Ethnie, von der Ethnie zur Familie, von der Familie zum Ich fliegen die Teile auseinander, bis das Individuum - rette sich wer kann - nur noch sich selber sieht.

 

Bezüglich ihrer möglichen Wirkungen können Emotionen als die Energie von Sozietäten gelten. Emotionen drängen ihre Träger zur Tat, finden aber gegen oder ohne die Norm keine Abfuhr. Sie arbeiten in der Vereinzelung nur durch- und gegeneinander. Individuen als Angehörige von Bereichen erhalten erst durch Vereinigung und Gleichrichtung die Möglichkeit, Emotionen in konzertierten Aktionen ausbrechen zu lassen. Erst wenn viele Individuen in dieselbe Richtung wirken, addieren sich ihre Kräfte und bewegen das Ganze. Ohne Norm bewegen sich alle durch- und gegeneinander und es entsteht nur Reibungswärme, Aufruhr, Frust, Kriminalität. Erst die Gleichrichtung aller, ermöglicht durch das gemeinsame Weltbild, bringt die gemeinsame, die wirksame und befreiende Tat. Daher wird jedes Weltbild akzeptiert, wenn es nur gemeinsam zu werden verspricht. Oder so: die subjektiv empfundene Notwendigkeit von Veränderungen steigert die Attraktivität aller Weltbilder, die koordiniertes wirksames Handeln ermöglichen.

 

In der Technik ist die Schwelle als Hahn, Falle, Damm, Schloß, Wehr, Schalter, Ventil, Kollektor, Transistor etc. bekannt. In der Gesellschaft besorgt die alte erhaltende Norm, der Konservativismus, die Unterdrückung, die Mauer, die Grenze, das Gesetz oder der Mangel an Gelegenheit durch bewegungslosen Stau der Emotionen in hübscher Analogie das Geschäft der Schwelle. Dagegen wirkt die neue revolutionäre Norm bei aufscheinender Gelegenheit oder unerträglich werdenem Druck auf deren (der Emotionen) Freisetzung, auf den revolutionären Ausbruch hin.

 

Sinn einer Schwelle ist es, die hinter ihr gestaute Energie zunächst festzuhalten und dann erstens leicht und zweitens auf Anforderung, sozusagen "bedingt" und kanalisiert lösen zu können.

 

 


 

3.2.4          Kleiner Anlaß, große Wirkung

 

Wir haben also meist zwei Schwellen: die erste bildet einen Widerstand gegen die Sammlung oder die Kumulation von Energie und erscheint als Abstoßung, die zweite hält die angesammelte Energie zusammen und wirkt als Anziehungskraft. Die erste trieb das Universum auseinander, die zweite ließ kondensierte Energie als Materie überdauern. Wurde die zweite gesenkt, trieb die befreite Energie den Weltenlauf wieder an. Diese gegeneinander wirkenden Prinzipien haben seit altersher ihr Bild in Attraktion und Repulsion, in Haß und Liebe gefunden.

 

Wesentlich dabei ist, daß die Energie, die zur Senkung der Schwelle nötig ist, viel geringer sein darf als diejenige, die dadurch freigesetzt wird. Energie ist nicht nur ein brauchbares Analogon für Emotionen in Bezug auf ihren allmählichen Anstieg hinter einer Schwelle oder Hemmung, sondern auch dafür, daß beide auf einen geringen Anlaß hin mit gewaltigen Folgen freigesetzt werden können. So wie das Nitroglyzerin auf eine leichte Berührung mit einer Explosion reagiert, so können rassistische Emotionen, die von sozialen Differenzen geschürt werden, aus geringstem Anlaß ein Land verwüsten.

 

 


 

3.3  Reaktion, Erhalt oder Destruktion

 

Reaktion wäre so gesehen nur induzierte Energielösung. D.h. eine geringe Auslöse- oder Signal-Energie, beispielsweise ein Schlag auf den Zünder, setzt die große gestaute Arbeits- oder Reaktions-Energie (zur Sprengung) frei. Nun können aber Bereiche, in denen Energie hinter einer Schwelle gestaut wurde, durch äußere oder innere, u.a. auch durch destruierende Einflüsse veranlaßt werden, ihre Energie so abzugeben, daß sie den zerstörerischen, korrodierenden, schädigenden Einflüssen entgegenwirkt. Sie können sich diesen Einflüssen durch Bewegung entziehen, sie können schädliche, destruierende Strahlung reflektieren oder abschatten, sie können aber auch ihre Umgebung so verändern, daß sie den Einflüssen erst garnicht ausgesetzt sind; sie können Ordnung und damit Verletzlichkeit (zB als Sporen) temporär reduzieren oder sie können sich vor ihrer Vernichtung reproduzieren. Am Ende haben sie dadurch Ordnung und sich selbst erhalten. Leben erhalten heißt Ordnung wahren, weil Leben die höchste Form der Ordnung darstellt. Auch wenn wir die Momente der Ordnung nach Riedl [10], Seiten 74 ff, nämlich Norm, Hierarchie, Interdependenz und Tradierung betrachten, stimmt die Aussage. Könnte man “Ordnung” oder “Ordnungsgrad” quantifizieren, würde man möglicherweise zu dem Ergebnis kommen, daß eine Schabe mehr davon repräsentiert als ein ganzes, aber ansonsten unbelebtes Planetensystem.

 

Was die lösende Energie (der Anlaß, die “Noch-nicht-Information”) unmittelbar (ohne den Umweg über Resonanz / Verständnis) mit dem Bereich macht, ist also wegen ihrer Geringfügigkeit unerheblich. Erst die Sekundäre, durch sie Gelöste Energie bringt - nun mittelbar - eine Wirkung hervor. Das Licht des Signals verändert als auftreffende Energie so gut wie nichts an der Eisenbahn. Aber seine Umsetzung über das Verständnis und den Arm des Lokführers und schließlich über die Starkstromkontakte - im Sinne der mehrstufigen Hierarchie - setzt den Zug in Bewegung.

 

 

 

Das ist nochmals zu verdeutlichen, um den Zusammenhang zwischen Information und (Bereichs-, Selbst-) Erhalt herauszustellen: höre ich ein nahendes Auto, so werde ich von Schallwellen getroffen. Auf der Haut verursachen sie allenfalls unmerkliche Schwingungen. Auf dem Trommelfell auch. Aber dort bewirken sie mehr. Sie gehen als elektrischer Impuls über die Nervenbahnen ins Gehirn, finden dort evtl. Resonanz mit dem gespeicherten Wissen “nahendes Auto”, finden über die Kategorie der Kausalität zum Begriff der “Gefahr” und erregen von dort die Motorik. Diese Schallwellen veranlassen mich schließlich, die in meinen Muskeln gespeicherte Energie so abzugeben, daß ich mich mit einem Schritt oder Sprung in Sicherheit bringe. Die Schallenergie, die bei einem Stein, einer Pflanze oder einem Tauben nichts (oder allenfalls eine unmerkliche Verformung oder Schwingung, vielleicht einen winzigen Materialverlust) bewirken würde, wird in meinem Fall bereichserhaltend verwendet. Voraussetzung dafür ist, daß sie (die von außen auftreffende Energie) in diesem bereichserhaltenden Sinne rezipiert werden kann. Sie muß zu Information werden. Zu Information wird sie nur, wenn sie auf ein Verständnis trifft. Verständnis ist hier das Gelernte, genauer die Resonanz mit dem Gelernten, die mich ein Geräusch richtig, d.h. im Sinne meines Erhalts deuten läßt. Allgemein gesprochen muß eine Disposition vorliegen, die auf den beschriebenen (Schall-) Reiz die dauermehrende Reaktion folgen läßt. Man sieht wieder, daß die landläufige Informationstheorie mit diesem Gedanken nichts zu tun hat; es geht hier nicht um Übertragung, Redundanz, Verlust usw. sondern um die Bedeutung und die Verwendung von Signalen.

 

Der Bereich reagiert also; er hat zuvor z.B. durch eine günstige Mutation, durch Lernen oder als Sozietät durch die Implementierung einer entsprechenden Norm, die Fähigkeit zur REAKTION gewonnen. Er nutzt die induzierte Energielösung zur Sicherung seiner Dauer. Diese erhaltende Reaktion bestimmt durch ihre Vervollkommnung die Richtung der Evolution. D.h. nur ein Bereich, der gegen destruierende Einflüsse oder ihre Vorzeichen seine (die ihm verfügbare) Energie einsetzen kann - sei es ein Bakterium, ein Tier, ein Mensch oder eine Gemeinschaft - darf die nächste Runde der Evolution mitlaufen. Die andere Richtung wäre Zerstörung und Selbstzerstörung. Energie, die in Form von Zerfall, Ressourcenvernichtung, Einnahme von Gift, Waldbrand, als Wanderung der Lemminge, als Übervermehrung usw gelöst wird, reduziert den Bereich oder tilgt ihn als Gegenstand der Evolution und der Geschichte.

 

Wir sagen also nicht, Information sei Negentropie, sondern wir sagen: wenn ein Bereich veranlaßt wird, durch Lösung von Energie seine Dauer zu mehren, also Ordnung zu erhalten oder zu gewinnen, dann sei der Auslöser Information gewesen; dann erst soll er, der Auslöser, der zunächst nur Schall, Druck, Licht, also Energie ist, Information genannt werden.

 

 

3.3.1          Das “innere Bild”

 

Man sieht, von “Geist”, “Verstand”, “Erkenntnis”, “Vernunft” usw. muß hier nicht die Rede sein. Ob auf dem Weg vom Reiz zur Reaktion zwischenzeitlich der Geist durchlaufen, ob zwischenzeitlich eine Vorstellung gebildet wird, spielt für den hier skizzierten Ablauf keine Rolle. Der Kniesehnenreflex folgt demselben Muster des Reiz-Reaktions-Weges wie ein Wurf beim Ballspiel. Nur daß ersterer ohne jedes Bild, mit reiner Reizleitung auskommt, während letzterer ein genaues Bild nach Richtung, Abstand und Geschwindigkeit im Gehirn der Mitspieler benötigt. Es genügt eben, daß das materielle Korrelat der rein geistig gefaßten Vorstellung, nämlich der elektrochemische Zustand des neuronalen Netzes seine Funktion erfüllt. Nur muß der geistige Zustand, also die Vorstellung oder besser alle Vorstellungen in ihrem Zusammenhang müssen der lebenserhaltenden Funktion (zB von Synapseneinstellungen) entsprechen. Die Nichtübereinstimmung, beispielsweise Gefahr als angenehm oder die Nahrung als verabscheuungswürdig zu empfinden, wird als ein Symptom von geistiger Erkrankung erkannt und mindert die Dauer des Rezipienten. Will sagen, der Geist ist zwar ganz etwas anderes als Materie, ist aber stark kanalisiert von materiellen Zuständen und vom Bedarf im Dienste des Bereichserhalts.

 

 

Es ist nebenbei eine interessante Frage, wann im Laufe der Evolution überhaupt von Geist gesprochen werden kann. Sicher nicht erst mit dem Auftauchen des Sapiens. Auch Sprache oder beginnender Werkzeuggebrauch sind zu unscharf als Kriterium. Aber schon alles, was nicht durch reine Nerven-Reizleitung bewirkt werden kann, erfordert wenigstens zwischenzeitlich den Aufbau eines inneren Bildes. Wo die Daten der Sensorik durch direkte physische Verbindungen keine sinnvolle, erhaltende Reaktion der Motorik generieren können, müssen sie optisch aufbereitet werden. Schon die Distanz einer möglichen Beute, die nicht ertastet, sondern nur mit einem der sog. Fernsinne wahrgenommen werden kann, muß im Gehirn räumlich abgebildet werden. Ein Maß muß ermittelt und weitergegeben werden. Das neuronale Netzwerk ist aber kein Zollstock und, so hoch es bezüglich seiner Komplexität auch über einem Zollstock stehen mag - dessen Funktion kann es nicht wahrnehmen. Mit den Fernsinnen kommt die Evolution nur weiter, wenn sie einen Weg findet, deren Reizungen außerhalb der (dafür nicht vorgesehenen) Materie abzubilden, weiterzugeben und zu verwerten. M.a.W. die Daten der Fernsinne sind nur verwertbar, wenn sie im Kopf des Rezipienten eine räumliche Abbildung erfahren. Es half nichts, der Geist mußte erfunden werden.

 

Die Fledermaus wurde gewählt, um den Unterschied zwischen Reiz und Bild nicht zu verwischen. Diesen Unterschied im Gedächtnis haltend, merken wir, daß schon für das bloße (“bloße”) Sehen der Geist gebraucht wird. Denn kein Bild auf der Netzhaut, ja nicht einmal dasjenige im Sehzentrum bringt uns etwas, wenn es nicht (durch Resonanz geweckt, mit Sinn erfüllt und) in der Vorstellung präsent wird. Erst das innere Bild macht die Welt für uns sicht- und hantierbar. Es ist weder Materie noch Energie noch deren Bewegung (obwohl durch sie hervorgebracht); es überbrückt die Distanz zwischen Sensorik und Motorik, die von einem Nervenstrang nicht sinnvoll geschlossen werden kann.

 

 

 


 

Wie verhält es sich mit einer Raketen-Abwehr-Rakete? Die hat ja dasselbe Problem zu lösen wie die Fledermaus, nämlich eine bewegliche Beute im Flug zu treffen. Braucht sie dafür ein inneres Bild, gar Geist? Eine Rakete braucht kein inneres Bild um eine andere Rakete zu treffen. Sie erhebt die gleichen Daten wie die Fledermaus (nur mit Radar gemessen anstatt mit Ultraschall), wandelt diese jedoch nicht in innere Bilder, sondern in dreidimensionale Bahnkurven. Die ganze dazugehörige Metrik und vor allem das exzessive number-crunching sind aber nichts für eine neuronales Netzwerk. (s. auch Kap. 4.4, S. 60)

 

In diesem Zusammenhang könnte man nun gleich fragen, ob auch die Fliege Geist besitzt. Obwohl man schattenhafte Anfänge desselben nicht ausschließen soll, lassen sich die Reaktionen des Insekts noch mit direkter Reizleitung erklären. Die Flucht wird durch Helligkeitsschwankungen bestimmter Ausdehnung und Geschwindigkeit bewirkt, die Entfernung (nicht durch Querdisparität oder Farbperspektive, sondern) iterativ durch Quer-Eigenbewegung im Lauf der Annäherung an den Landeplatz bestimmt. Das Maß der Lenkbewegung, die Enge der Flugkurve richtet sich dann danach wie weit das Ziel bei jener Eigenbewegung aus der Mitte bzw. der Peilung rückt. Die Korrekturen fallen (im Puls / Takt der Aufnahme) in Echtzeit an und können in das sehr komplexe Bewegungsprogramm übersetzt werden ohne den Umweg über eine Vorstellung.

 

Denkbar wäre dies auch bei der Fledermaus. Aber es kommen weitere abzuprüfende Bedingungen hinzu. Art und Verträglichkeit der Beute, auftauchende Hindernisse, Gefahren aus der Umgebung verlangen ein manipulierbares Bild, das in mehrfacher Hinsicht offen sein muß für weitere Einflüsse, sogar für solche, die nicht über die Sinne vermittelt werden. Auch das hätte die Natur möglicherweise mittels immer komplexerer Schaltungen (in der nötigen Geschwindigkeit / Reaktionszeit??) “rein materiell” lösen können, aber sie erhielt das Geschenk des Geistes. Will sagen, von einer gewissen Komplexität des neuronalen Netzwerkes ab erhob sich über der Materie desselben der Geist. Seine erste Leistung, das innere Bild, erleichterte die Identifizierung der Quelle von Sinnesdaten, erleichterte die Orientierung und die Ausführung von Bewegungen unter Randbedingungen. Allein beim Finden des Heimwegs zum Nest werden schon laufend zwei innere Bilder auf Resonaunz geprüft, das fixe gespeicherte und das aktuelle der tatsächlichen Flugbahn. Dies ist bereits die Aufgabenstellung einer Cruise Missile. So gesehen erfüllte der Geist eine Forderung der Ökonomie.

 

Entsteht Geist nun grundsätzlich als eine Folge der Komplexität von Reizleitungen? Dann wäre tatsächlich bald der erste denkende Computer da. Indessen scheint ein durch die Körpergrenzen bestimmtes Bewußtsein des Ich und ein Wille zu dessen Erhalt einschließlich der durch Motorik und Sensorik gegebenen Wirkungsmöglichkeit nach außen nötig zu sein, um ihn, den Geist zu konstituieren. War das einst vorgesehen? Hatte der Urknall gerade das Maß, welches Elementarteilchen buk, die imstande waren, in einem gewissen Stadium ihrer Mischung und Kombination den Geist hervorzubringen? Das nur nebenbei, weil die Antwort kaum interessiert, gell?

 

Nach einem Maß, einer Menge von Information kann zu diesem Zeitpunkt (der Bildentstehung) noch nicht gefragt werden. Wir können höchstens die mehr oder weniger große Komplexität der auslösenden Energiestruktur feststellen. Wir können eine wortreiche behördliche Anordnung oder ein detailreiches Bild komplexer nennen als ein einfarbiges Signal, einen Hupton oder gar einen Lichtblitz, ein Bit. Die Komplexität muß aber kein Maß für die Menge an Information sein, wenn wir ihre Folgen bewerten. Die komplexe behördliche Anordnung kann unverständlich oder unwirksam sein, der einfache Lichtblitz, das bekannte Bit als kleinste Einheit der Information aber (zB als Auslöser einer Sprengung) Berge versetzen oder als Ergebnis eines Experimentes einen Paradigmenwechsel erzwingen. Dasselbe gilt für die noch zu behandelnde Wirkung von Information auf die Veränderung des Weltbildes zB durch Lernen.

 

Wenn wir ohne die Begriffe “Erfahrung”, “Wissen”, “Lernen”, “Prägung”... über Information sprechen wollen, wenn wir vermeiden wollen, daß das zu Definierende in der Definition steckt, dann können wir nun “Information” definieren. Wir haben dazu ein Kriterium an der Hand, das uns erlaubt, bloße Energie von Information zu unterscheiden: wir müssen prüfen, ob der rezipierende Bereich im Nachhinein - bedingt durch jene Auslöse-Energie - mit Hilfe der Reaktion seine Dauer oder allgemeiner: Ordnung gemehrt hat. Ist das der Fall, dann dürfen wir die von ihm aufgenommene Energie Information nennen.

 

 

 


 

3.3.2          Information und Ordnung

 

Wir sahen, daß die einwirkende Energie dann zu Information wird, wenn sie zu einer bereichserhaltenden Reaktion führt. Auch Lernen (auf das zunächst keine sichtbare Reaktion folgen muß) kann in diesem Sinne eine Reaktion sein, weil es durch Veränderung der inneren Disposition (z.B. der Synapseneinstellungen) künftige bereichserhaltende Reaktionen erlaubt. Es geht tatsächlich um den Erhalt von Bereichen, Funktionen, Vielfalt, vor allem um Leben, also Ordnung. “Geist”, “Verstand”, “inneres Bild” werden hier noch nicht gebraucht, um die Konfiguration von Materie / Energie zu beschreiben, die informiert werden kann. Wir sagen nur, ein Auslöser muß Ordnung erhalten oder gemehrt haben, damit er als Information angesprochen werden darf.

 

         Es läßt sich daher wahrscheinlich nicht vermeiden, daß man beim Versuch „Information“ zu fassen, bei „Ordnung“ landet - einem noch schwierigeren Begriff. Seis drum; wir gehen zurück zum Alltagsverständnis. Mit “Norm”, “Hierarchie”, “Interdependenz” und “Tradierung” nach Riedl (zB “Ordnung des Lebendigen”), dazu vielleicht Konturschärfe oder Gradient hat man schon wesentliche Momente von “Ordnung” erfaßt. Und wenn deren Maß zu- oder wenigstens nicht abnimmt, dann hat man das, was hier als Ordnungsmehrung oder “Bereichserhalt” beschrieben wurde.

 

Nochmals: wenn ich sage, Information sei das, was ich erfahre, was mein Wissen mehrt, was mich von Veränderungen unterrichtet usw. dann bleibe ich mit meinen Begriffen immer im Umkreis von Information. „Erfahrung“, “Verständnis” oder „Unterrichtung“ ist ja gerade das, was ich schon habe. Sage ich aber, Information sei der Anlaß, Ordnung zu erhalten oder zu mehren, dann bin ich aus diesem Kreis ausgebrochen. Ich definiere „Information“ mit Hilfe eines Begriffes, der nicht in ihr enthalten ist. Ich habe ein Signal verstanden, wenn die durch es gelöste Energie zur Schadensabwehr, zur Verbesserung meiner Lage, zur Ordnungsmehrung verwandt wird. Aber ich habe mit „Ordnung“ natürlich einen Begriff eingeführt, der neue Abgründe aufreißt. Ein anderes Feld.

 

Die erhaltende Reaktion ist damit auch das objektive Kriterium für “Verständnis”. Sicher hat mancher auf die Aussage gewartet: Information ist etwas, was bei mir zu Verständnis führt. Aber woran merkt jemand und woran merke ich, daß ich verstanden habe? Doch auch nur daran, daß die Nachricht mir genützt, mich erhalten, meine Dauer gemehrt, Ordnung erhalten oder wenigstens eine Minderung vermieden hat.

 

 

         3.3.3          Desinformation

 

Mit der gerade ausgeführten Definition fiele die “Desinformation” völlig aus dem Begriffskreis von “Information”. Das ginge zu weit, weil auch das Gegenteil eines Begriffs als Spiegelbild desselben immer noch einen stärkeren Zusammenhang mit ihm bewahren sollte. Dieser Zusammenhang ist jedoch nicht aus der Welt; er stellt sich her durch den Weg, den die Information bei ihrer Verifizierung (durch richtige, erhaltende Reaktion) nimmt. Mit dem Unterschied aber, daß sie ein anderes Ergebnis zeitigt - die Destruktion, das Mindern von Ordnung. Auch Energie, die sich im Nachhinein als Desinformation herausstellt, affiziert unsere Sinne, findet Resonanz mit verschiedenen Filtern, d.h. wird als Sprache oder Signal verstanden, wird ins Weltbild eingeordnet und wird evtl. schließlich in (falsche) Reaktion umgesetzt. Wird sie rechtzeitig entlarvt, dann geht sie eben nur einen Teil dieses Weges, aber eben desselben Weges, den auch die Information genommen hätte. Insofern trägt sie also ihren Namen zu Recht.

 


 

 

         3.4 Die Energiekaskade oder die mehrstufige Hierarchie

 

         Nun kann der Aufwand, die Schwelle zu senken, hinter der die (für die erhaltende Reaktion) benötigte Energie gestaut ist, so groß werden, daß er den Bereich selbst gefährdet oder daß dieser zu spät bzw. gar nicht reagiert. Ein Bereich mit unsensiblen Rezeptoren kann beispielsweise nur auf die zerstörerischen Einflüsse selbst, nicht aber auf ihre meist schwächeren Vorboten reagieren. Rettung bringt nur die Reaktion auf die Vorboten. Dazu müssen Vorboten und Ereignis als Vorstellungen im Gehirn des Rezipienten gespeichert und durch die Kategorie der Kausalität verbunden sein.

 

         Die Evolution kam darauf, das Prinzip der Schwelle mehrfach anzuwenden und Technik und Gesellschaft haben es in allen Steuersystemen nachvollzogen. Wir kommen zur mehrstufigen Hierarchie als Mittler, Getriebe, Verstärker zwischen Information und Aktion. Alle Systeme stauen einfach vor der ersten Schwelle soviel, sagen wir Sekundärenergie, daß diese zwar nicht ausreicht, den Bereich zu retten, aber sie reicht aus, die (Primär-) Schwelle zu senken. Jetzt kann natürlich diese zweite Schwelle, hinter der die Sekundärenergie gestaut ist, viel niedriger, sprich empfindlicher sein, als die primäre. Ich muß nicht vom Regen durchnäßt werden, um den Unterstand aufzusuchen. Ich kann dies vorab trockenen Fußes beim Anblick des Wetterleuchtens tun, weil ich gelernt habe, was das Wetterleuchten bedeutet. M.a.W.: weil in meinem Weltbild die Kategorie der Kausalität zwischen Wetterleuchten und Unwetter implementiert ist.

 

         Diese zweite Schwelle ist nur pädagogisch die zweite, weil sie erst mit der Einführung der Mehrstufigkeit entsteht. Was den Gang der Information betrifft, wird sie zuerst gesenkt. Im Bilde des Kraftwerks steht sie zwischen der Mikro-Energie, die der Knopfdruck benötigt und der Makro-Energie, die die Turbinen abgeben. Sie könnte beispielsweise die Öffnung der Drosselklappen bewirken, die den Druck des Wassers auf die Turbinen freigibt.

 

         Bei vielstufiger dynamischer Hierarchie genügt dann die winzige strukturierte Lichtenergie, die das Bild des Freßfeindes auf die Netzhaut des Leittieres wirft, um über dessen Fluchtbewegung die in einer ganzen Herde gestaute Makro-Muskelenergie zur Stampede zu lösen. Analog löst ein Mikroprozessor, der über mehrere Stufen die Schleusen zu Schwach, Steuer- und Starkströmen senkt, schließlich durch einen Fingerdruck den Hub tonnenschwerer Lasten aus.


 

 

 

         3.4.1          Voraussicht

 

Die Sekundärschwelle muß also nicht durch die zerstörerischen Einflüsse selbst, sondern kann bereits durch ihre schwächeren Vorzeichen bewegt werden. Damit erscheint so etwas wie Voraussicht schon in präbiotischen Bereichen. Der Bereich bildet wiederkehrende Folgen von Ereignissen in sich ab. Er lernt auf die Ursache so zu reagieren, daß ihm die Wirkung nicht zum Schaden gereicht. Er hat - ohne dafür Geist, Gedanken oder Gedächtnis zu brauchen - ein Schema, eine Konstruktion in sich, womit er die richtigen, d.h. die ihn selbst erhaltenden Antworten auf die Einwirkungen der Außenwelt gibt. Sein “Lernen” besteht natürlich nicht in der Aufnahme von Wissen, sondern in der Änderung der Welt oder seiner selbst derart, daß er zu selbsterhaltenden Reaktionen imstande ist.

 

Ein Beispiel aus Zeit der Bildung organischer Verbindungen: Man denke sich Eiweißmoleküle, (auch Koagulate oder Koazervate genannt) im Gewässer der Vorzeit, (nur durch Wassertiefe, aber oben) durch kein Ozon vor der zersetzenden UV-Strahlung geschützt. Wären sie zeitweise auf Wärme und gelöste Gase der Oberfläche angewiesen, dann müßten sie nachts an der Oberfläche sein und tags einige Meter darunter. Ein deutlicher Selektionsvorteil wäre dann mit der "Fähigkeit" verbunden, auf das Licht der Morgendämmerung durch Gas- oder Volumenverlust in der Weise reagieren zu können, daß bei der Einwirkung des vollen Spektrums bereits tiefere (UV-sichere) Wasserschichten erreicht sind. Die Morgendämmerung wird für einen so konstruierten Bereich zu Information, ohne daß ein Geist gedacht werden muß, der sie verarbeitet. Sie ist das Vorzeichen der eigentlichen Gefährdung durch das UV-Licht, auf das der Körper, der Bereich, das präbiotische Gebilde, reagieren muß, um der Gefahr der Zersetzung (der Photolyse) zu entgehen. “Verarbeitung” ist hier die dauermehrende Reaktion, das Abtauchen. Verständnis ist nicht nötig, es sei denn wir nennen jetzt die baulichen Vorkehrungen im Körper / Bereich (das sind diejenigen, die ihm erlauben auf Grund der äußeren Einwirkung schützende, erhaltende, wehrende Energie zu lösen) “Verständnis”. M.a.W. wir nennen den Mechanismus Verständnis oder Verstand, der die Morgendämmerung ins Sinken, der den Warnruf in Flucht, das Abfahrsignal in Zugkräfte übersetzt.

 

Der Filter "Lichtempfindlichkeit" bildet gemeinsam mit der zugehörigen Reaktion die Kausalität der Welt ab. Wir haben schon beim Übergang von anorganischer zu organischer Materie das Weltbild in nuce. Der überdauernde Bereich ist so konstruiert, daß er die übliche Folge der Ereignisse “lernen” und zu seinem Erhalt nutzen kann. Der "erkenntnisgewinnende Prozeß" darf wieder einmal vorverlegt werden: er beginnt mit dem Erscheinen bereichserhaltender Reaktionen.

 

Der Teil der Wirkungskette vom Signal zur Aktion, der zwischen der Resonanz an einem Ende und dem Bewegungsimpuls am anderen Ende liegt, ist das Weltbild bzw. ein Teil desselben.

 

“Gelernt” wurde nach dem bekannten Schema von Mutation und Selektion: Bereiche, die bei ihrer Bildung (zufällig) den Mechanismus enthielten, der ihnen das Abtauchen bei Lichteinwirkung ermöglichte, überlebten; Bereiche, die ihn nicht enthielten oder ausbildeten, fielen dem UV-Licht zum Opfer.

 

Im Laufe der Evolution wird das Weltbild komplexer. Es enthält dann die erfahrungsgeprägten Folgen von Ereignissen, bevor die Realität sie fortsetzt. Es ermöglicht Voraussicht.


 

 

3.4.2 Zufall, Freiheit und Willkür

 

Wir sehen, die mehrstufige Hierarchie kann so weit getrieben werden, daß die auslösenden Energiemengen schließlich gegen Null gehen. Geringste Fluktuationen, irgendein prinzipiell nicht vorhersagbarer Teilchenzerfall, Träume, Stimmungen, Launen, unmerkliche Stoffwechselstörungen, die Fliege an der Wand, der Wetter-Schmetterling, Willkür oder freier Wille sind imstande, ungeheure Energiemengen zu lösen. Es eröffnen sich Möglichkeiten zu konkreter Behandlung des Freiheitsbegriffes. Zumindest verschwindet hier die mechanische oder mechanistische Kausalität hinter der Unwägbarkeit der Auslöser. Eine Betrachtung, die schon mehrfach, u.a. von Agassi [1] angestellt wurde.

 

Man kann heute ja den Zerfall eines einzigen Atoms nachweisen. Und man könnte den Meßimpuls dieses Nachweises verstärken und weiter verstärken, bis er ein Relais schließen kann. Der Strom, der dann fließt, kann wiederum so verstärkt werden, daß er eine große Drosselklappe bewegt. Und diese Klappe kann nun den Wasserdruck eines Stausees auf die Turbinen leiten. Im Ergebnis hätte dann ein einziger atomarer Teilchenzerfall die Stromversorgung einer Stadt in Gang gesetzt. Und das noch zufällig und willkürlich, da ein einzelner Zerfall gemäß der Unbestimmtheitsrelation prinzipiell nicht vorhersagbar ist. So kommt, ein wenig an der Chaos-Theorie vorbei, der Zufall über die Verknüpfung von Unbestimmtheitsrelation und mehrstufiger Hierarchie in die Welt. “...ein wenig” heißt, daß ein Teil der Chaos-Theorie auf diesen Mechanismus zurückgeführt werden kann. Agassi [1] hat schon 1963 diesen Weg von der atomaren Dimension in die klassische Physik, von der Quanten- in die newtonsche Mechanik skizziert.

 

 


 

 

4.0 Die Vorstellung als Filter


Würde eine Herde nicht nur auf das Feindbild, sondern auch auf eine Butterblume, einen Regenguß oder den Sonnenaufgang mit einer Stampede reagieren, so wären weder diese Herde noch ihre Individuen von großer Dauer. Schon primitive Bereiche (wie zB die erwähnte ditfurthsche Zecke, die nur auf die Kombination der beiden Reizarten Buttersäure und Säugerwärme reagiert) brauchen vor der Schwelle einen Filter, damit sie nicht auf jede Einwirkung hin ihre "mühsam" gestaute Energie lösen. Die Reaktion darf nur von dem Reiz abgerufen werden, vor dem oder vor dessen Folgen sie schützt. Jeder andere Reiz, der die Reaktion ohne Notwendigkeit auslöste, ließe beispielsweise die Zecke ins Leere fallen und beendete ihren Beitrag zur Arterhaltung. Hätte ein Regenschauer oder ein Kuckucksruf dieselbe Wirkung auf eine Herde wie das Auftauchen eines Großräubers, dann hätte diese Herde bald ihre Kräfte vergeudet und wäre im Falle der echten Gefahr nicht mehr zur Flucht imstande. M.a.W. nur der für die Reaktion gedachte Reiz darf diese auch auslösen, nur Futtergeruch darf ein Freßreiz sein, nur das Grünlicht darf den Fahrstrom geben, nur der Freund die Hilfe, nur der Feind die Aggression auf sich ziehen.

 

Der Filter darf also nur Energie einer ganz bestimmten Struktur durchlassen an die Schwelle. Dieses "Durchlassen" ist physikalisch eher als eine Resonanz ) Fu▀note zwischen Filter und Reiz zu beschreiben, die ggf. über mehrere Hierarchiestufen dann die Schwellen senkt. Ohne weitere Implikationen und Diskussionen zu verfolgen, kann die Resonanz hier genommen werden als eine Übereinstimmung zwischen etwas von außen über die Sinne eintreffendem und etwas aus früheren Wahrnehmungen verbliebenem, dem Gelerntem, das uns beim Eintreffen des Reizes das Gefühl des Bekannten vermittelt. Die Resonanz an sich hat einen hohen positiven emotionalen Wert, unabhängig vom Inhalt: im günstigen Fall ruft man Heureka, im ungünstigen tröstet man sich mit einem Ich habs ja geahnt.

 

Was wir haben, ist natürlich nur die Parallelität von Elektrochemie und Gefühl, von Gehirn und Geist, nicht aber die Kausalität oder gar ihre Verbindungsweise. Einerseits scheint der Geist mit dem Gehirn zu verschwinden, andererseits kann er Zeiten und Räume überspringen, die der Materie verboten sind. Trotz dieser scheinbar unendlichen Freiheit ist seine Arbeitsweise, nämlich das Denken, Fühlen und Steuern der Motorik, durch seinen Aufbau, durch den Aufbau des Weltbildes extrem kanalisiert. Beim Rückverfolg von Gedanken und Gefühlen merken wir, daß sie alle einen Anlaß, eine bekannte Form und einen Weg haben. Dazu trägt neben der atomium-ähnlichen Gestalt die starke positive Anmutung, ja Anziehung der Resonanz bei. Sie erklärt, wie auszuführen, die Neigung zum Fundamentalismus, zur Wissenschaft, das ideologische Sicherheitsbedürfnis, die Mission, die Neugier und das Denken, die Denkweise.

 

Der Filter ist das Gelernte oder die Vorstellung. Weiter oben hatten wir sie entwickelt aus der Notwendigkeit, das Richtige zu finden, es in Reaktion umzusetzen; hier erwächst sie (die Vorstellung) aus der Notwendigkeit, das Falsche auszusondern. Nur das, was eine dauermehrende Reaktion bewirkt, soll den Filter passieren, alles andere soll ihn (oder: soll er) ignorieren.

 

Beim Suchen wollen wir das nicht benötigte ignorieren, beim Finden das benötigte identifizieren und mit der richtigen Reaktion traktieren.

 

Filter und Rezeptor sind damit zusammengefallen. Wiederholung: Wir können sie uns vorstellen als das elektrochemische Muster, das durch Lernen in unseren Neuronen implementiert wurde. Trifft von außen durch die Sinne ein ähnliches Muster ein wie das Gelernte, dann haben wir die besprochene Resonanz. Filter und Rezeptor können aber auch getrennt sein, wie zB dort wo die Sinne bereits als Filter fungieren. So scheiden die Augen alles an elektromagnetischer Strahlung aus, was bezüglich der Wellenlänge nicht dem sichtbaren Licht entspricht.

 

Die durch Lernen erzielte Disposition des Gehirns, die es zu Wahrnehmungen befähigt, nennen wir Weltbild. Es entsteht mit den Vorstellungen, erhält als deren Verbinder die Kategorien und faßt die Vorstellungen schließlich unter Begriffen zusammen.

 

 

4.1    Resonanz oder Passung

 

Resonanz ist Bestätigung des Weltbildes durch die Welt und - wo ein brauchbares Weltbild vorliegt - auch umgekehrt. Resonanz ist innerhalb eines Weltbildes die Bestätigung seiner Konsistenz und in jedem Fall (nach außen und innen) das Aha und Heureka der Erkenntnis. Sie ist das Ziel der Vervollkommnung des Weltbildes durch die Wissenschaft, ist aber auch das Ziel der Vervollkommnung der Welt durch den Glauben. Welt und Weltbild sollen einander angenähert und wenn möglich, in Übereinstimmung gebracht werden. Für diese Übereinstimmung stirbt der Märtyrer und mordet der Fundamentalist; der Wissenschaftler tut beides - vorwiegend im Reiche des Geistes. Kurz, das Bedürfnis nach Passung sichert nicht nur als Neugier das Überleben, sondern muß, wie die Religionskriege beweisen, unabhängig von materiellen Interessen und Notwendigkeiten gestillt werden. Es gehört seiner Stärke nach in eine Reihe mit Hunger und mit Liebe. Im Sozialen spielt Bestätigung durch andere die Rolle der Resonanz. Sie ist der Motor der Mission.

 

Damit sind zwei Arten von Resonanz angesprochen, erstens diejenige zwischen gelernter Vorstellung und einem von außen durch die Sinne generiertem Muster, und zweitens diejenige zwischen Vorstellungen und Vorstellungen sowie zwischen Vorstellungen und Begriffen - also Resonanzen nur im Geiste und ohne Mitwirkung der Sinne. Im ersten Fall wird die gesehene Maus erkannt, wenn das von ihr erzeugte elektrochemische Muster im Gehirn auf ein ähnliches gelerntes Permanent-Muster trifft. Beide Muster verstärken sich dann durch Resonanz und generieren die Erkenntnis: da ist eine Maus. Im zweiten Fall gibt es verschiedene Arten von Passung: z.B. diejenigen, die eine Suche nach einem Wort oder einer Vorstellung beenden; dann solche, die eine Annahme oder ein Modell bestätigen, dazu mathematische Beweise, geistige Experimente, jegliche Planungstätigkeit usw.

 

Passung ist zugleich Selektion - sie scheidet alles aus, was keine Passung findet. Wiederholung: Das Energiemuster, das die Sinne reizt, generiert ein (elektrochemisches) Muster im neuronalen Netz des Gehirns. Trifft dieses Muster auf ein zuvor Gelerntes, so wird ein physikalischer Vorgang ausgelöst, der als Resonanz bekannt ist. Die Resonanz wiederum spiegelt sich im Reich des Geistes als ein Gefühl der Erkenntnis, der Zufriedenheit, des Heureka. Meist, aber nicht immer sofort, findet jedes eintreffende Muster sein Pendant. Die gelernten Muster, also die Vorstellungen des Weltbildes sind im neuronalen Netz ja nicht an bestimmte Örter gebunden, sondern an bestimmte Zustände des gesamten Netzwerks.

 

Aha, das ist Leonie; unmittelbar erkannt, häufig gesehen und unverwechselbar. Aber wer ist das da? Habe ihn doch irgendwo schon gesehen. War das nicht in....? Nein, der war blond. Aber dieser spielte ein Instrument, ja, klar es ist xy, natürlich! Die passende Vorstellung wird manchmal gesucht, das durch die Sinne erhaltene Muster wird kurzfristig festgehalten und mit verschiedenen Inhalten des Gedächtnisses verglichen, bis die stärkste Resonanz eintritt. Dies geschieht sogar unbewußt bei der wechselnden Deutung der Kippfiguren: wir blicken auf eine zweideutige Zeichnung und erkennen ein junges Mädchen. Einige Sekunden später zeigt dasselbe Bild eine alte Frau. Unser Denkapparat aktiviert eine andere (aber ebenfalls passende) Vorstellung; er ordnet und gewichtet dadurch die Elemente der Zeichnung um und gibt ihnen eine andere Bedeutung. Unabhängig von unserem Willen.

 

 

 

                  Nebenbei: Sehen und Computer

 

Die Untersuchungen zur computerisierten Nachvollzug des Sehens bzw. des optischen Erkennungsvorgangs zeigen anschaulich die immensen Schwierigkeiten bei dem Bemühen, die Welt ohne ein Weltbild nachzukonstruieren. Marr [7] widmet etliche hundert Seiten der Diagnose von Oberflächenformen oder von Texturen oder der Ermittlung der Eigengeschwindigkeit aus veränderlichen Bildern. Er versucht damit aus optischen Eindrücken den Gegenstand nach Lage und Form im Computer zu rekonstruieren. Endlich, da er auch die Erkennung von Lebewesen aus der Kombination von geometrischen Grundfiguren zu entwickeln versucht, muß er doch ein Vorwissen über die Fauna einführen. Dabei hätte ihm die Einführung des Vorwissens viel Arbeit bereits bei der Diagnose von Oberflächen erspart. Ich erkenne “Fell” eben, weil dessen Oberfläche in ihren verschiedenen Erscheinungsformen als bereits gesehen in mir gespeichert ist und folglich Resonanz findet und nicht, weil ich die Vorstellung “Fell” aus Form, Anzahl, Anordnung, Reflexionsweise usw von haarförmigen Teilgebilden errechne.

 

 

Das Vorwissen

 

Der Computer, der keinen Wachstums- und Lernprozeß durchgemacht hat, muß z.B. zur Verwertung der Querdisparität aus zwei unterschiedlichen Bildern Raumtiefen und Formen errechnen und konstruieren. Das Lebewesen hat gelernt, die Bewegungs- und taktilen Erfahrungen seiner Ontogenese mit dem Differenzmaß der Bilder beider Augen zu verbinden (d.h. Gesehenes (optisch) durch Gefühltes (taktil) zu verifizieren) und gewinnt aus der Resonanz des Wahrgenommenen mit dieser gespeicherten Erfahrung sein Wissen über die tatsächlichen Raumverhältnisse - ohne zu rechnen, ja ohne mit digitalen oder analogen Mengen umzugehen. Es braucht nur die mehr oder weniger enge Übereinstimmung neuronaler Strukturen (aus dem was das rechte und aus dem was das linke Auge ins Hirn bringt) zu spüren. Das Maß der Querdisparität, verglichen mit den gemachten Erfahrungen gibt mir die Entfernung, gibt mir das räumliche Abbild der Welt und nicht eine unbewußt ausgeführte Parallaxenberechnung.

 

 

Erst in der “agent technology” ([5] etwa Seite 4: “...Beziehungen zwischen der anordnenden Partei “Principal” und der ausführenden Partei “Agent”...”) fließen in die Konstruktion von Steuerelementen auch Vergangenheitswerte und -vorgänge ein. Und diese entsprechen den gespeicherten Vorstellungen; sie sind Teile unseres Weltbildes.

 

Die klassische Kybernetik als ein Bild der mehrstufigen Hierarchie nahm ja Informationen über den Zustand des Systems auf, um ihn gewissermaßen in Echtzeit einem Wunsch- oder Sollzustand anzunähern. Der Wunschzustand oder dessen Parameter sind der Funktionsweise nach ein Weltbild-in-nuce oder der Filter, der vom Bedarf aktiviert, an die Welt gehalten wird. Er wird mit den von außen eintreffenden “Sinnes-“ Daten verglichen und löst bei Resonanz (zB “Drehzahl xy erreicht Grenzwert”) eine Aktion (“Energiezufuhr drosseln”) aus. Die agent technology speichert darüber hinaus nicht nur den Sollzustand im agent, sondern ganze mögliche und/oder vergangene Panoramen, also (Vor-) Formen von möglichen alternativen Weltbildern. Damit wird sie instand gesetzt, auf Veränderungen von System und Umwelt zu reagieren. Der Agent verleugnet nicht seine Herkunft aus dem Umkreis der Wissensgesellschaft: er ist mit dem nötigen Funktionswissen ausgestattet, nicht jedoch, wie sein Name richtig wiedergibt, mit der Vollmacht zur (Ressourcen-) Steuerung. Er ist, wenn wir zwei Arten von Information unterscheiden, mehr Lenkung als Steuerung, mehr Lenkrad als Gaspedal, mehr Wissen als Wollen, mehr Beamter als Unternehmer, mehr Kanalisierung als Antrieb. Er ist die Nebeninformation, die der Rezipient braucht, um nicht von der Antriebsinformation ins Verderben geschickt zu werden.

 

 

 


 

4.2    Weltbild und Gedankenstrom

Vor den Versuchungen, die die Rede vom “Gedankenstrom” beinhaltet, muß gewarnt werden, wenn man die Funktion und die sozial wirkende Macht des Weltbildes verstehen will. Der Gedankenstrom, als der willentliche oder unwillkürliche Vorgang des Denkens ist nicht das freie Fließen beliebiger Gegenstände/Vorstellungen durch den Gedankenraum oder durch die Vorstellungswelt, sondern - ganz anders - das Durchschreiten des vorhandenen festen Weltbildes auf den durch es gebahnten Wegen. Ausgangspunkt sind die Vorstellungen, die durch Emotionen oder andere Ursachen wachgerufen werden (Durst –> Wasser) und uns von der Suche über das Finden zur Förderung führen.

 

Über die Kategorie der Kausalität gelange ich von der Wahrnehmung des Blitzes zur Erwartung des Donners, von der Ursache zur Folge. Das wiederholte Weltgeschehen, dem ich diesen Teil des Weltbildes verdanke, hat die Verbindung zwischen den beiden Vorstellungen implementiert. Es hat sie durch Bestätigung verfestigt und ihr mit der Zeit Gesetzescharakter verliehen.

 

Die gemachten und derart festgehaltenen Erfahrungen gestatten mir darüberhinaus, Raum und Zeit zu überwinden. Durch Extrapolation im Kopf erwarte ich die Folgen, sehe die mögliche Zukunft, die Vergangenheit und die erinnerte Gegend hinter den Bergen.

 

Die Vorstellungen und Begriffe werden auf diesen Wegen - nämlich längs der Kategorien - erreicht / aktiviert / ins Bewußtsein gerufen und wieder verlassen. Aktiv und deutlich ist immer nur eine Vorstellung - die anderen nahen verbleiben im Halbschatten, die fernen sind außerhalb des Bewußtseins (aber auf Abruf im Gedächtnis vorhanden).

 

 


 

Wir erhalten den anschaulichen Nachweis der skizzierten Denkbewegung, wenn wir das Galtonsche Experiment Fu▀note ) vor dem Verlust der Kontrolle abbrechen und nur die Assoziationen werten, die im Zustand der Wachheit und auf dem Wege der Logik, des Konsenses bzw. geltender Moralvorstellungen gewonnen wurden. Dann sagen wir nicht, von Emotionen, Träumen, Fieber oder Poesie gelenkt : “Wolke - Klang”, “Kuh - Dreieck”, “Mutter - Eros” oder “Ehre - Mond”, sondern “Blitz - Donner”, “tun - lassen”, “Blatt - Baum”, “Mutter - Kind”.

 

D.h. wir benutzen dauerhafte, erfahrungsbegründete, gelernte und jederzeit wieder aktivierbare Verbindungen zwischen den Vorstellungen, nämlich die Kategorien, um von einer zur anderen zu schreiten. Über die Kategorie der Zusammengehörigkeit gelangen wir von der Mutter zum Vater; über die Kategorie der Kausalität gelangen wir vom Anlaß zur Folge, über die der Genese gelangen wir von den Vorgängern zu den Nachkommen, über die des Zweckes von der Liebe zur Vermehrung, vom Fenster zum Licht usw. Galton hatte bekanntlich das Experiment so gestaltet, daß durch seine zeitliche Ausdehnung Ermüdung und schließlich ein Verlust der Kontrolle eintrat, der jetzt die Verbindung zwischen den Begriffen nicht mehr durch Logik, Vernunft und Gewohnheit, sondern durch Wünsche, Ähnlichkeiten und verborgene Präferenzen herstellte.

 

Beim normalen, logischen, gewohnten Gang durch das Weltbild lernen wir nichts über verborgene psychische Eigenheiten, aber wir lernen etwas über die mit der Ordnung der Welt korrespondierenden Verbindungen zwischen unseren Vorstellungen und Begriffen.

 

Ob wir das aristotelische oder das kantische Kategorienschema betrachten - wir lernen, daß nur etwa ein bis drei Dutzend verschiedener Kategorien in unzählbarer Menge die Vorstellungen und Begriffe unseres Weltbildes miteinander verbinden.

 

 

 

 

 

Erst im Traum lösen sich die Bindungen im Weltbild auf. Assoziationenen verdrängen die Logik. Man geht von Vorstellung zu Vorstellung, aber nicht längs der vorgeschriebenen Wege. Die Logik verläßt einen zugunsten von Ähnlichkeit, Wortklang, individuellen Erlebnissen, Befürchtungen.... Man ist noch an die Elemente gebunden, nicht aber an die Kategorien. Der unkontrollierte Gedankenstrom, nein Gedankengang, verläßt die Struktur und hangelt sich die Inhalte oder deren emotionale Begleitzustände entlang.

 

 

 

 


 

 

 

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4.3             Bildung der Vorstellungen

 

         Die Zeckenlarve bringt ihre einzige Vorstellung bereits mit auf die Welt. Der Vorgang des Lernens erstreckte sich bei ihr über die Phylogenese. Die Evolution war ihr Lehrer, besser, ihre Lernmethode. Es ging darum, einen Warmblüter zu diagnostizieren bzw. zu selektieren, an dem man sich festhalten und vollsaugen konnte. Mit geringstem Aufwand vollbrachten dies zwei gleichzeitige Sinnesreize. Die Vorstellung der Zeckenlarve, nämlich der Geruch von Buttersäure verbunden mit der Temperatur von 37 Grad Celsius selektierte aus allem, was sie wahrnehmen konnte mit größter Wahrscheinlichkeit einen Hund. Diese Vorstellung “Hund” hat keine Verbindung zu anderen Vorstellungen oder gar zu einem Begriff. Dazu reichen ihre wenigen Ganglien nicht aus. Aber die Zeckenlarve hat eine direkte Verbindung (eine Kategorie?) zur Motorik, zum Bewegungsapparat. Die Resonanz zwischen Wahrnehmung und Vorstellung, verursacht durch die Nähe eines Hundes, wird über sie (diese Verbindung) als Impuls an die Muskeln geleitet und bewirkt das Loslassen und den Fall in dessen Fell.

 

         Die Evolution kann auch anders. Sie stellt zunächst kein Bild zur Verfügung, schafft aber das ganze Umfeld. Ein Bewegungsapparat, ja ein ganzes Lebewesen ist vorhanden, darin auch noch der Platz, nämlich das neuronale Netz für die Speicherung einer Struktur und nicht zuletzt die Verbindung in die Motorik für die vorgesehene Reaktion. Für die Implementierung des Bildes / der Vorstellung gibt es sogar einen ganz bestimmten Zeitraum, in dem alles akzeptiert und dauerhaft gespeichert wird, was die Sinne aufnehmen - die Prägephase. Und wenn diese Zeit gekommen ist, nimmt das Wesen das Bild der Eltern in sich auf - es wird auf sie geprägt - und tut bei ihrem Anblick alles was Kinder in ihrer Nähe machen. Und hat der Verhaltensforscher den Augenblick abgepaßt und sich selbst im Jungtier prägen lassen, dann folgt ihm der Schwarm der eigelben Entlein.

 

Die dritte Art des Vorstellungserwerbs ist das Lernen. Einige Vorstellungen / Prägungen, vorwiegend mit dem Geruchssinn verbunden, bringt das Lebewesen mit. Die anderen werden von diesen aus erschlossen oder durch Gewöhnung, Wiederholung, Erfolgserlebnisse, Mißerfolg und schließlich die Unterweisung durch Artgenosse und das Pauken in der Schule.

 

 

4.4    Anm. über den Geist

 

        Es gibt eine Stelle in der Entwicklung des Lebens, an der die Notwendigkeit besteht, die bloße selbsterhaltende Reaktion durch ein inneres Bild, also eine Vorstellung zu unterstützen, ja zu ermöglichen. Reize und Reizkombinationen aus bewegten Zielen oder Randbedingungen der Eigenbewegung (also bedingter, zB kanalisierter Bewegung) bedürfen eines inneren Bildes zu Abgleich, Auswertung und Weiterbearbeitung. Fallen und Hindernisse auf dem Weg zur Beute oder gar die Bewegung selbst können beispielsweise nicht (oder nur sehr umständlich) als eine Unzahl von fertigen Möglichkeiten gespeichert werden, um per Resonanz mit ebensoviel realen Situationen abgerufen zu werden. Ein in Echtzeit veränderliches, situationsgerechtes Bild dagegen läßt sofort die Beziehung von Ziel, Hindernis und Umweg vor dem inneren Auge entstehen.

 

        Betrachten wir die Fledermaus mit ihrer Ultraschalldetektion. Sie ermittelt bekanntlich den Abstand, mehr noch, den Ort und die voraussichtliche Flugbahn einer Beute aus Richtung und Laufzeit reflektierter Ultraschallwellen. Die Frage ist jetzt: kann die Fledermaus, ohne ein inneres Bild, das aus den Sinnesdaten konstruiert wird, die Beute fangen? Oder: wann reichen die durch bloße Reizleitung und Resonanz möglichen Erkenntnisse nicht mehr aus, um die angemessene Reaktion zu generieren?

 

        Vorab: Was geht ohne inneres Bild? Eine Qualle oder ein Wurm beispielsweise nehmen Beute bzw. Nahrung durch Berührung wahr, erhalten dadurch das Signal zur Einverleibung und führen sie aus. Voraussetzung ist lediglich ein permanentes Muster, das mit dem Signal Resonanz findet und dadurch die Reaktion initiiert. Das Permanentmuster ist der gelernte oder vererbte (einstige) Reiz “Nahrung vorhanden”, der dem Wesen erlaubt, Nahrung von Nicht-Nahrung zu unterscheiden. Die Reaktion “Fressen” kann sozusagen direkt, d.h. durch physische Verbindung zwischen Rezeptor und Reaktor, zwischen Sinnesorgan und Muskel, veranlaßt werden. Allgemein: die verschiedenen von den Sinnen gemeldeten Reize, wie “Feind”, “Futter”, “Partner” werden von den entsprechenden Filtern ausgewählt und per Resonanz an die zugehörigen Programme “Flucht”, “Fressen”, “Kopulieren” weitergeleitet. Eine weitere Verarbeitung, eine Zwischenspeicherung, ein zusätzlicher Abgleich, ein inneres Abbild sind nicht nötig. Die Information kann von Zelle zu Zelle rein materiell weitergeleitet werden.

 

        Anders bei einem Beutegreifer wie der Fledermaus. Hier wird zwischenzeitlich das Reich der Materie verlassen und das Reich des Geistes betreten, indem ein nichtmaterielles Abbild erzeugt wird. Dieses Abbild, also besagte Vorstellung vom Ort der Beute, bestimmt nun, bei der Rückkehr des Reiz-Reaktionsverlaufs vom Geist ins Reich der Materie durch Reizung motorischer Nerven die angemessene Handlung. Um ans Futter zu kommen, ist es für sie unverzichtbar, sich ein Bild von Ort und Bewegung ihrer selbst und der Beute zu machen. Aus den punktweise nach Richtung und Laufzeit gewonnenen Ultraschallsignalen muß sie ein Abbild der Realität aufbauen - in ihrer Vorstellung. Sie muß eine Flugbahn generieren und extrapolieren. Wo? Vor dem inneren Auge. Ohne diese Vorstellung könnte die Fledermaus ihre Beute weder lokalisieren noch anfliegen. Mit dieser Vorstellung hat sie allerdings die Schwelle von der Materie, sagen wir von den elektrochemischen Vorgängen der Nervenleitung zum Geist überschritten. Mit der Vorstellung ist etwas entstanden, das zwar von der Materie hervorgebracht wurde, aber von gänzlich anderer Qualität ist. Geistige Gebilde kennen zB keine Erhaltungssätze. Sie können als Modell erprobt und im Mißerfolgsfall wieder vernichtet / abgewählt werden.

 

        Vielleicht sollten wir Vorstellungen erst als Vorstufe des Geistigen betrachten. Denn das Denken, das wir als Gebrauch des Geistes ansehen, ist die Manipulation von Vorstellungen. Denken ist Vergleichen, Verändern, Abfragen, Komponieren und vor allem Verketten von Vorstellungen. Eine weitere Stufe der Entwicklung ist das Kommunizieren dieser Manipulationen und ihrer Ergebnisse. Dabei bildet die Sprache, wie wir merken, den Denkverlauf, nämlich das Schreiten von Vorstellung / Begriff zu Vorstellung... längs der Kategorien ab.

 

         Sollte der Computer eines Tages tatsächlich Geist haben, so müßte dieser definitionsgemäß außerhalb seiner materiellen Bestandteile existieren und wäre damit automatisch unserer Kontrolle entzogen. (Aber das gilt ja schon für manches Programm oder Betriebssystem.) Der Computer kann allerdings die Aufgabe der Fledermaus noch lösen, ohne die Welt der Materie zu verlassen. Eine Rakete braucht kein inneres Bild um eine andere Rakete zu treffen. Sie erhebt die gleichen Daten wie die Fledermaus (nur mit Radar gemessen anstatt mit Ultraschall), wandelt diese jedoch nicht in innere Bilder, sondern in dreidimensionale Bahnkurven. Die ganze dazugehörige Metrik und vor allem das exzessive number-crunching sind aber nichts für eine neuronales Netzwerk.

 

Im Ansehen der Menschen steht der Geist so hoch über der Materie, daß er nichts mehr mit ihr zu tun haben will. Sein Verhalten wird aber ständig durch die Materie bestimmt oder nachvollzogen. Es existieren starke Beziehungen zwischen Geist und Materie. Momentan kennen wir nur organische neuronale Netze als Träger des Geistes. Sie spiegeln die Veränderungen des Geistes oder bewirken sie, sagen wir, sie begleiten sie. Der Zustand des Netzes ändert sich mit der Denktätigkeit und mit den Gefühlslagen. Für Erkenntnis und Handeln gilt jedenfalls: Resonanz ist fast durchweg mit einem Gefühl der Befriedigung, Dissonanz mit unangenehmen Gefühlen verbunden; beides im Sinne des Überlebens. Angst oder Hunger entscheiden über Flucht oder Annäherung und der in der Vorstellung abgebildete Ort der Beute bestimmt die Flugbahn des Jägers.

 

Warum also der Geist gebraucht wird, nämlich als Moderator zwischen Reiz und Reaktion, ist insofern ziemlich klar. Nur das Wie bleibt verborgen. Will sagen, es gab genug Gründe, den Geist auf der Materie reiten zu lassen, aber wie wird er gerufen? Wie bringt die Materie ihn hervor? Oder: wie muß Materie konfiguriert werden, damit aus ihr der Geist hervorgeht? Könnte er beispielsweise aus einem Großrechner emanieren, aus einer Bakterienkultur auf den Meeresböden, aus dem Universum?

 

         4.41  Das Ich

 

Das innere Bild des eigenen Körpers und das Bewußtsein seiner selbst erwächst sicher aus dem Wechselspiel von Motorik und Sensorik. Dies wird gespürt und das Gefühl davon hat eine Reichweite, die (außer beim Phantomschmerz) begrenzt wird von der Außengrenze unseres Körpers. In diesem Sinne mag ein Körperbewußtsein entstehen, das sich aber noch nicht als Individualität von der Welt oder der Gemeinschaft gelöst haben muß. Zur Konstituierung des Ich gehört außerdem der Überlebenswille, der die verschiedenen Momente des Körpergefühls von innen her zusammenhält und der nach außen aus der Vielfalt der möglichen Reaktionen immer die erhaltenden wählt. Auch sein Antipode, die Angst, kann Konstituente, Verstärker und Ergebnis der Selbst-Bewußtwerdung eines Bereichs sein.

 

4.5             Bildung der Kategorien

 

Die Kategorien erweisen sich als ein Produkt unbewußten Lernens, das allerdings erst nach der Bildung der Vorstellungen möglich ist. Nur wenn ich weiß, was Donner und was Blitz ist, kann die Realität durch wiederholte Einwirkung auf meine Sinne zwischen ihnen die Kategorie der Folge oder gar der Kausalität etablieren. Und ganz so, wie der reale Blitz Passung mit dem Gelernten findet, da er bei Gewitter erwartet wird, so tritt mit dem Moment der Passung entlang der etablierten Kausalkategorie die Erwartung des Donners auf. Philosophisch blieb die Herkunft der Kategorien so lange im Dunkel, weil ihre Entstehung bereits beim Embryo durch das Wechselspiel zwischen motorischem und sensiblem System (zB mit dem Strampeln, das eine Kausalverbindung zwischen Tun und Fühlen etabliert) beginnt. Ihr Aufbau erfolgt so langsam und allmählich, daß sie im Moment ihrer Bewußtwerdung (sogar für Immanuel Kant) dastehen wie ein Geschenk des Himmels - jedenfalls nicht gelernt, sondern als Voraussetzung des Lernens.

 

Die Kategorien sind aber tatsächlich beides: Gelernt und Voraussetzung des Lernens. Sie entstehen manchmal im Lauf der Phylogenese und gewinnen deutliche Gestalt durch Lernen und Gewöhnung bei der Ontogenese des Gehirns. Sie werden empfunden als Zusammenhang und materiell etabliert als Synapseneinstellungen. Ihre Entstehung klärt sich nach dem Schema von Henne und Ei. Fragt man, was zuerst da war, so muß man hinab in den Brunnen der Evolution, so tief, daß Henne und Ei verschwinden und nur noch der Vorgang der Zellteilung von Einzellern bleibt. Dort aber gibt es Henne und Ei nicht mehr.

 

 

 


 

 

 

 

Beispiele für Kategorien

 

 

 

 [griechisch »Aussage«] die, Philosophie: begriffliche Grundform des Seins und/oder des Erkennens. Eigentlicher Begründer der Kategorienlehre ist Aristoteles, der entsprechend den Urteilsarten 10 Kategorien in Bezug auf alles Seiende annahm: Substanz, Quantität, Qualität, Relation, Ort, Zeit, Lage, Haben, Wirken und Leiden.

 

 u.a. Hist. WB d. Philosophie, Bd. 4

WBG Darmstadt, 1976, S. 727 ff

 

 

                                             Die Kategorientafel nach Kant


 Quantität

Qualität

Relation

Modalität

----

----

----

----

Einheit

Realität

Substanz und Akzidenz

Möglichkeit

Vielheit

Negation

Ursache und Wirkung

Existenz

Allheit

Limitation

Wechselwirkung

Notwendigkeit




 

4.6    Bildung der Begriffe


Das Gleiche gilt für die Begriffe, die im Gegensatz zu den Kategorien nicht einzelne Vorstellungen miteinander verbinden, sondern ganze Gruppen von ihnen zusammenfassen. Im Bild des Atomiums tun sie dies über eine Kategorie, die man jene der Zugehörigkeit nennen könnte. Diese Kategorie nimmt eine Sonderstellung ein, da es bei ihr weniger auf Abhängigkeit als auf Passung, Kongruenz, Ähnlichkeit ankommt. Der Begriff “Nahrung” hat eine Passung zur Vorstellung “Apfel” durch die Eigenschaft der Eßbarkeit. Diese Eigenschaft macht alle ihre Träger zu Nahrung. Die Zuordnung der Vorstellung zum Begriff erfolgt über das interessierende Merkmal. Die Kategorien i. S. von Aristoteles oder Kant dagegen bezeichnen jeden beliebigen Zusammenhang. Die Vorstellung “Apfel” ist mit der Vorstellung “Baum” über die Kategorie der Genese verbunden. Sie (letztere) nimmt keinen Bezug auf eine Eigenschaft, sondern zeigt die Abhängigkeit zwischen den beiden Vorstellungen. Daher ist “Baum” nicht der Begriff des Apfels, obwohl er viele Äpfel physisch miteinander verbindet.

 

Die Entstehung der Begriffe kann bereits auf der Ebene der neuronalen Netzwerke erklärt werden (s. Kapitel “Generalisierung” in [10] bei Spitzer). Sie begann in der Evolution wie gerade bemerkt an Hand interessierender Merkmale verschiedener Erscheinungen. So wurden Gegenstände, die das Merkmal der Eßbarkeit trugen, unter dem Begriff “Nahrung” zusammengefaßt; sie initiierten alle die gleiche Reaktion, nämlich die Einverleibung durch (die Jagd / die Ernte / ) den Verzehr. So wurden Lebewesen, die bestimmte Formen der Brutpflege betreiben, als “Säuger”, Handlungen, die den Gesetzen zuwiderliefen als Vergehen oder Verbrechen, Gegenstände mit einem Tauschwert als Waren zusammengefaßt.

 

S. auch Abb. “Begriffshierarchie”, S. 54

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Wo offene Passungen gesättigt werden sollen, d.h. wo Fragen bestehen, müssen Begriffe eingesetzt werden. Das Merkmal Kugeleigenschaft der Erde beantwortet die sechs obigen Fragen und faßt zugleich die fraglichen Ereignisse als durch den Begriff “Globus” bedingt zusammen. Ausgangspunkt ist hier nicht das Interesse am Merkmal, sondern an einer Antwort oder einem Zusammenhang, also an der Stabilisierung des Weltbildes durch Erkenntnis. Damit faßt der gefundene Begriff die Dinge / Fragen / Vorstellungen nicht unter sich (wie “Nahrung”), sondern setzt ihre Gemeinsamkeit, ihre Ursache, ihre Erklärung.

 

Nur die Erde als Kugel vorgestellt kann die Weltumsegelung erklären. Nur die Kugelform der Erde kann den immer kreisförmigen Schatten auf dem Mond erklären. Nur die Kugeleigenschaft kann die Fehler der (plan gedachten) Landesvermessungsnetze erklären und korrigieren. D.h. daß nur die Vorstellung eines Globus Passung mit den Beobachtungen findet. Die Scheibe, obwohl auf den ersten Blick plausibel, hat bei genauerer und dauerhafter Beobachtung mit der Welt keine Passung. Die Implementierung der Vorstellung “Globus” im Weltbild ist ein Akt der Intuition, da diese Vorstellung nicht ableitbar ist und da man zuvor nicht einmal weiß, welche Fragen sie beantworten wird. Im Nachhinein findet man dann die Weltumsegelung, den immer kreisförmigen Schatten auf dem Mond, die Fehler in den Vermessungsnetzen usw. erklärt, d.h. mit Passung versehen. Eine reale Entsprechung zum Begriff tangiert nicht den Erklärungswert. “Lebenskraft”, “Kristallsphäre”, “Äther” hatten ihren zeitgerechten Platz im Weltbild und trugen damit zu Begründung und Voraussage bei. Im Laufe des Wissensfortschritts wurde sie jedoch abgelöst von “Metabolismus”, “Massenanziehung” und “Raumkrümmung”, die einen größeren Geltungsbereich hatten und damit das Weltbild stabilisierten.

 

 

 

Wo die interessierenden Merkmale, z.B. das der Eßbarkeit, das Primäre sind, werden nach und nach alle Gegenstände, an denen das Merkmal vorgefunden wird, dem Begriff zugeordnet. Anders beim “Globus”. Dort wird die intuitiv gefundene Kugeleigenschaft, die von vornherein ja noch nicht feststeht, versuchsweise einem Gegenstand zugeordnet und für passend befunden. Die Suche nach weiterer Bestätigung bei verschiedenen anderen Erscheinungen / Gegenständen findet dann ebenfalls hier und da Passung und wird als Beweis registriert.

 

Der zusammenfassende Begriff (“Nahrung”) erwächst aus der Suche nach Merkmalen (zB der Bedürfnisbefriedigung), der erklärende Begriff auf der Suche nach Erkenntnis.

 


 

 

4.6.1          Ökonomie der Begriffsbildung

 

Schon früh wurde die Notwendigkeit der Begriffe mit dem begrenzten Fassungsvermögen des Geistes begründet. In dem Zusammenhang wurde auch die Ökonomie der Kommunikation aufgeführt, die durch Begriffe eine endlose Aufzählung von Vorstellungen der Einzeldinge erspart. Der eben beschriebene Aufbau des Weltbildes enthüllt die Begriffe zusätzlich als seine (des Weltbildes) entscheidenden Stablisatoren. Statisch, d.h. im Bild des Atomiums gesehen, vermehrt die Zusammenfassung durch die Begriffe zunächst die Zahl der kategorialen Kopplungen um jene der begrifflichen Zugehörigkeit. Wenn ich aber darauf achte, Begriffe mit möglichst vielen Passungen einzusetzen, dann mindere ich wieder die Anzahl der Knoten und verkürze die Denk- und Suchwege. So verschwanden mit der Einsetzung von “Massenanziehung” in der Astronomie beispielsweise die Kristallkugeln, die Epizykel und die ganzen Besonderheiten der extralunaren Sphäre. Eine wissenschaftlich höchst nützliche (aber mental kalte - nicht wahr, die klingenden Sphären...) Vereinfachung war erzielt worden.

 

Wenn die Komplexität des “besseren” Begriffs, also des Begriffs mit einer größeren Zahl von Passungen, den Aufwand an Handhabung überschreitet, den das Vorhalten eines weiteren aber einfacheren Begriffs verursacht, dann wird in der Praxis jedoch eher der einfache gebraucht. Kurz: ich berücksichtige bei der Gartenarbeit nicht die Kugelgestalt der Erde, sondern begnüge mich mit der Scheibe. Wenn es mir jedoch in ein und demselben Wissensgebiet gelingt, verschiedene und häufige Erscheinungen, z.B. Morgen- und Abendstern auf dieselbe Ursache (“Planet Venus”, [4]) zurückzuführen, dann habe ich das Weltbild stabilisiert. Die Verbindungen treffen sich in einem Knoten, einem Begriff, während sie vorher in zweien oder vielen endeten, die dazu noch untereinander unverbunden waren. Beim Denken, beim Durchschreiten des Weltbildes von Vorstellung zu Vorstellung / Begriff entlang der Kategorien habe ich durch zu viele Begriffe vermehrte Zuordnungsprobleme und wegen fehlender Zusammenhänge häufigere Stops, die dann wieder Umwege erfordern. Das vermeiden gut er- und ge-fundene Begriffe.

 

Ob die Begriffe ein materielles Korrelat haben, ist für die Handhabung der Welt bzw. für die Qualität des Weltbildes unerheblich. Mach hat sogar die Existenz der Atome in Zweifel gezogen. Vielleicht hat er es so gemeint: “Atom” ist ein Begriff, der verschiedene Erscheinungen unserer Sinnenwelt in Zusammenhang bringt, obwohl er selbst ihr nicht angehört. Sein Geltungsbereich ist groß, weder Beobachtungen noch Messungen widersprechen ihm - das genügt, ihn beizubehalten. Daß er ein materielles, wenn auch schwer vorstellbares Korrelat hat, verbessert nicht seinen Erkenntniswert.

 

 


 

 

4.6.2          Unanschauliche Begriffe

 

Schon sehr früh, aber besonders mit dem Aufblühen der modernen Physik, gab es Begriffe, die gute Passung zu vielen Erscheinungen herstellten, aber völlig unanschaulich waren. So haben zB “extralunare Sphäre”, “Heilige Dreieinigkeit”, “Über-Ich”, “Raumkrümmung” oder “Wellenteilchen” keinerlei Anschaulichkeit und keinerlei Wurzel in der Alltagserfahrung mehr. Sie sind Konstrukte, die eine bis dato völlig unbekannte Kombination von Merkmalen aufweisen und daher im Erfahrungsschatz fehlen. Trotzdem ist es gerade die bis dahin völlig ungewohnte, ja unmögliche Kombination von Merkmalen, die am besten alle Gebote, Mythen, Offenbarungen, alle angestellten Versuche und alle an ihnen gewonnenen Messergebnisse erklärt. Der Mechanismus der Erklärung, d.h. die Einsetzung des Begriffes, ist also derselbe wie im klassischen, erfahrungsnahen Bereich; die Schwierigkeit besteht nur darin, daß die erklärenden, die mit den meisten und besten Passungen versehenen Begriffe, nicht vorstellbar sind.

 

So hatte das Licht beobachtete Eigenschaften, die sich sowohl mit der Vorstellung von Teilchen als auch von Wellen vertrugen. Damit wurde das “Wellenteilchen” kreiert, das gut zu den Beobachtungen paßte, aber kein vorstellbares Pendant hatte. Es erweist sich als hilfreicher Begriff, weil es zugleich zwei auffällige Merkmale des Lichts, den Strahlungsdruck und die Interferenzen, erklärt. Es ist aber zuvor durch keine Alltagserfahrung geprägt, veranschaulicht oder hantierbar gemacht worden (wie zB die Kugelform des Globus, die schon in frühester Zeit aus vielfacher Alltagserfahrung [Kegel, Kanonen, Murmeln, Klöße, Perlen....] gebildet wurde).

 

 


 

 

Damit ist eine Form der Begriffsbildung angesprochen, die nicht abgeleitet, sondern nur gefunden oder probiert werden kann. Der (einfachere) Begriff “Nahrung” erwächst aus dem Interesse am Merkmal der Eßbarkeit, unter dem ich alle Träger desselben bezeichnen und zusammenfassen kann. Die Fokussierung besorgt ein einziges Bedürfnis, der Hunger. Analog werden atmosphärische Erscheinungen im Zeichen des Wohlbefindens zum “Wetter” und unbeweisbare Gewißheiten für das seelische Gleichgewicht zum “Glauben”.

 

Ganz anders “Globus”, “Über-Ich und Es”, oder “Raumkrümmung” - sie erwachsen nicht aus einem Bedarf an den Dingen, sondern aus einem Interesse an der Struktur des Weltbildes. Diese Begriffe bezeichnen nicht nur und fassen zusammen, sie sättigen offene Passungen, sie beantworten Fragen, sie bringen nicht nur ähnliche, sondern verschiedenste Erscheinungen auf einen Nenner. “Warum verschwinden die Dinge hinter dem Horizont?”, “Warum kehren Weltumsegler aus der anderen Richtung zurück?”, “Warum muß die Sonne nachts nicht durchs Wasser?” Weil die Erde eine Kugel ist.

 

“Warum tue ich, was ich nicht will?”, “Warum leide ich ohne Ursache?” “Woher kommen innere Bilder, die ich nicht sehen will?” Auch diese Erscheinungen konnten auf eine Ursache, jenes berühmte Es, das Unterbewußte, zurückgeführt werden. Niemand kann es sehen oder anfassen, trotzdem wirkt es in das Leben hinein und hat eine passable Passung zu diesen Wirkungen.

 

 


 

 

4.7             Kanalisierung des Denkens durch das Weltbild

 

Man vermutet kaum, daß ein so statisches Gebilde wie das Weltbild den rein dynamischen Vorgang des Denkens bestimmen kann. Es heißt “Gedankenstrom” oder “die Gedanken sind frei”, womit nicht nur gemeint ist, daß sie nicht von außen eingesehen werden können, sondern daß sie auch praktisch nicht begrenzt sind. Es zeigt sich aber, daß vom Weltbild das Denken mit derselben Konsequenz kanalisiert wird, wie die Bewegung von Gütern und Menschen durch das Netz der Verkehrswege.

 

 

4.7.1          Die Logik

 

Die besprochenen Filter, also die gelernten Vorstellungen und Begriffe werden beim Denken nacheinander entlang der sie verbindenden Kategorien aktiviert, d.h. ins Bewußtsein gerufen. Wenn ich sage, jedes Kind hat eine Mutter, dann schreite ich entlang der Kausalverkoppelung “Seinsursache” (“A (Mutter) ist Seinsursache von B (...des Kindes)”) vom Begriff des Kindes zu dem der Mutter.

 

Verlasse ich die kategorialen Verkoppelungen zugunsten von Wünschen bzw. rein individueller Vorlieben oder emotionalen Erlebnisse oder zugunsten der einfachen Ähnlichkeit von Gegenständen oder gar des Wortklanges, so denke ich assoziativ. Danach könnte ich zwei Menschen zu Zwillingen erklären, ohne auf ihre Abstammung, den logischen, hier: den weltbildkompatiblen Grund von Ähnlichkeit, Rücksicht zu nehmen. Noch eklatanter ereignet sich das Assoziative, Alogische im Traum, wo alle kategorialen Kopplungen, ja sogar die Bindungen von Teilen zum Ganzen verschwunden sind. Hier setzen sich Dinge, Personen, Situationen und ihre Teile nach Belieben, nach Emotionen, nach Ängsten und Wünschen zusammen, weil alles aufgelöst und daher keine logische Verbindung mehr möglich ist. Aber auch der Traum bewegt sich im Rahmen des Weltbildes, da er ihm alle seine Bilder entnimmt - wenn auch oft in eigenartiger Beleuchtung, Zusammensetzung und Stimmungslage. Die entwicklungsgeschichtlich jüngeren Momente des Weltbildes, die Kategorien, fallen dem Schlaf zum Opfer, die älteren aber kanalisieren sogar den Traum.

 

Als normal und zugleich als logisch gilt der Ablauf, wenn in nüchternem, wachen Zustand gedacht wird unter Beachtung aller gewohnten und bewährten Verbindungen. “Der Donner folgt auf den Blitz.” Das Weltbild ist gemäß der Erfahrung aufgebaut; es erlaubt daher Folgerungen und Voraussagen. In ihm werden die Regeln der Welt abgebildet. Der Blitz wird durch Licht, der Donner durch Schall übertragen. “Das Licht ist schneller als der Schall.” Eine logische Folgerung, die Zeitdifferenz in Geschwindigkeit zu übersetzen. Zwei andere Vorstellungen, über die Kategorie der Relation verbunden, liefern hier, da sie dieselbe Aussage implizieren, bezüglich der Reihenfolge eine Begründung oder einen Beweis. Die Zeitpunkte (des Auftauchens) der beiden Erscheinungen können auf Grund der Wahrnehmung nur durch die Kategorie der Relation “größer als” verbunden werden. Sie beziehen sich auf die Geschwindigkeit und sind gerichtet vom Blitz auf den Donner. Ergebnis: ich habe mit Hilfe der Logik eine neue Kategorie (der Relation: “schneller als...”) zwischen Schall- und Lichtgeschwindigkeit in mein Weltbild eingezogen und es dadurch stabilisiert.

 

Oder einfacher: A ist größer als B, B ist größer als C, also ist A größer als C. Der Satz der Logik entspricht der Schließung einer offenen Figur. Vorhanden sind die Verbindungen aus den Prämissen, gefunden wird diejenige der Konklusio. Das Dreieck A - B - C wird geschlossen durch die Kategorie der Relation zwischen A und C.

 

 

Ist die Verbindung zwischen verschiedenen Vorstellungen unsicher, so versuche ich einen Umweg über andere Verbindungen und nenne diese Beweis. Haben die Verbindungen darüber hinaus die Fähigkeit, Wunsch und Welt bzw. Wunsch und Denken zu versöhnen, so wie es „Gotteslohn“, „Endsieg“ oder „Weltrevolution“ tun, dann werden sie zu Bausteinen der Religion bzw. der Weltanschauung. So können auch Wünsche das Weltbild erbauen. Rechtzeitig und in gleicher Weise in vielen Individuen implementiert, bilden sie die eigentlichen Lenkwerkzeuge von Sozietäten. Sie bilden die Norm, das unverzichtbare Pendant der Hierarchie.

 

Eine gewisse Analogie zur Wissenschaft wird sichtbar: wo eine Behauptung nützlich und nicht widerlegbar, aber auch nicht zu begründen ist, lasse ich sie so stehen und nenne sie Axiom. Da dieser Zustand hinnehmbar und praktikabel, aber nicht befriedigend ist, versucht der Mensch sie irgendwo zu befestigen; er versucht dem Weltbild ein Fundament zu geben. Die erste Ursache, der Sinn des Lebens, der Zweck der Welt, die absolute Gewißheit... auch die Wissenschaft sucht nach ihnen, läßt ihre Stelle aber leer, solange sie nicht gefunden sind. Die Religion aber füllt diese Stellen mit den Bildern unserer Wünsche oder Befürchtungen, manchmal mit denen unserer Stammesverantwortlichen. Auch der sog. Klassencharakter der Religion ist keine Chimäre, da diese Fundamente des Weltbildes zweifellos einem Herrschaftszweck bzw. der Steuerung von Gruppen im Sinne des Schichten- oder Bereichserhalts dienen.

 

4.7.2          Der Traum 

 

Im Traum erweisen sich die Vorstellungen stabiler als die Kategorien. Die Kategorien werden gelöst oder verkehrt, Ursache und Wirkung vertauscht, Regeln, Gesetze und Gewohnheiten vergessen, die Logik außer Acht gelassen aber die Vorstellungen im Wesentlichen erhalten. “Im Wesentlichen” heißt, daß sie manchmal in Teile aufgelöst oder emotional umgefärbt werden. Der Eskamoteur “Traum” läßt die Bälle fliegen; sie sind alle voneinander gelöst, sind aber nicht beliebig - sie sind die Trümmer des Weltbildes.

     


 

 

5.0  Stufen der Erkenntnis

 

Das Weltbild ist die Summe unserer Vorurteile. Es ist das Werkzeug der Erkenntnis und der Grund aller Irrtümer. Ja, ohne Weltbild kann nicht von “falsch” und “richtig” gesprochen werden, da dies zweistellige Relationen sind, die die Differenz zwischen Welt und Weltbild werten. An Hand seiner lassen sich mehrere Stufen der Erkenntnis unterscheiden, zum Beispiel:  

 

5.01  erstens die einfache Resonanz: “das kenne ich, das ist ein Apfel, ein Bach, Onkel Fritz usw.”; ich habe die Maske “Apfel” einst gelernt (als dauerhaften elektrochemischen Zustand im neuronalen Netz des Gehirns gespeichert) und spüre nun die Resonanz, die sie mit dem eingehenden Muster “gesehener Apfel” findet –> “Wahrnehmung”.

 

Diese einfache Resonanz ist die Voraussetzung für die mögliche Reaktion. Die Resonanz mit der Erscheinung “Freßfeind” löst die Reaktion “Flucht” aus, “Nahrung” initiiert “Fressen”, “Sexualpartner” - “Annäherung”, “Kindchenschema” - “Brutpflege” usw. So wie von der aktivierten Vorstellung “Apfel” eine Verbindung in die Motorik existiert, die die Reaktion “Essen” zur Folge hat, so kann auch eine Verbindung zu anderen Vorstellungen stattfinden, z.B. von “Schatten” zu “Schutz” oder von “Schilf” zu “Wasser”.

 

5.02  existieren bereits Vorstellungen, kann die nächste Stufe der Erkenntnis erstiegen werden, das “Fassen unter einen Begriff”: “das ist Fiffi; Fiffi gehört zur Rasse der Dackel, die Dackel gehören zur Art der Hunde.”; der wahrgenommene Hund hat Merkmale, die Passung mit den Merkmalen finden, die im Begriff Hund als allen Hunden zukommend vereint sind. Zu der Resonanz zwischen Maske (permanent, gelernt, ohne sinnlichen Anlaß aufruf bar) und Muster (temporär, durch die Sinne generiert) kommen die weiteren Resonanzen zwischen aktivierter Maske und Begriff sowie evtl zwischen Begriff und Oberbegriff. Bei Begriffen kann es sich vor allem um Teilresonanzen handeln, das Merkmal des Interesses betreffend.

 

Auch Begriffe rufen Bilder in uns wach; sagt man “Hund”, so erscheint das Bild eines Hundes vor unseren Augen, jedoch unschärfer als das einer bestimmten Rasse, oder gar das von Fiffi - es müssen alle Hunde mit ihm zur Deckung kommen oder hineinpassen. Im Gegensatz zu “Nahrung”, wo nur das Merkmal der Eßbarkeit interessiert, sind bei “Hund” alle Merkmale interessant, vor allem die, die allen Hunden gemeinsam sind.

 

Über den Begriff sind Eigenschaften und Merkmale des Erkannten zu erschließen, die das Individuum (hier das Beobachtete, noch) nicht gezeigt hat. Ich erkenne etwas auf Grund seiner äußeren Merkmale als Hund und vermute nach dieser begrifflichen Zuordnung einen Fleischfresser vor mir zu haben, auch wenn ich ihn noch nicht fressen sehe. Vielfach bestätigte Eigenschaften des Begriffes können auf das Individuum zurückex(in)trapoliert werden.

 

Entwicklungsgeschichtlich ist es ein Bedarf, der die Erscheinungen auf den Begriff fokussiert. Durst faßt Saft, Milch, Wasser unter dem Begriff des “Trinkbaren” zusammen.

 

 

5.03  Die Bedeutung eines identifizierten Gegenstandes erschließt sich, wenn ich die von ihm ausgehenden oder zu ihm führenden Kategorien beschreite. Ich finde dann seine Seinsursache, ich kann die möglichen Folgen absehen, seine verborgenen Eigenschaften und seine Stellung im Weltbild sowie seine Zusammenhänge mit anderen Vorstellungen erkennen.

 

Auch das Fassen unter einen Begriff geschieht analog, wenn man die Verbindung zwischen den Gegenständen und dem Begriff, der sie zusammenfaßt, als eine “Kategorie der begrifflichen Zugehörigkeit” verstehen will. Entlang derselben findet man dann zu jeder Vorstellung (von einem Gegenstand) “ihren” Begriff. Die Bedeutung “für diesen Zweck geeignet” erschließt sich am häufigsten über den Begriff, da der zuvor über die gemeinsamen Merkmale des Interesses gebildet wurde. (So wie das Interesse “Hunger” alle Gegenstände mit dem Merkmal der Eßbarkeit zum Begriff “Nahrung” zusammenfaßte)

 

Unter welchen Begriff ein Gegenstand / eine Vorstellung fällt, richtet sich nach der Interessenlage. Danach kann eine Vorstellung unter verschiedenste Begriffe fallen. Ein Kraut beispielsweise kann Nahrung, Droge, Spekulationsobjekt, Lippenblütler, Dekorationsmittel, Textilrohstoff, Zündstoff, Dämmstoff, Farbstoff etc. sein und das alles zugleich. Eine Vorstellung hat also nicht “ihren” Begriff, sondern den, der mein Interesse an ihr kennzeichnet. Fiffi als Hund zu bezeichnen, zeigt mein Interesse an seiner Einordnung ins Weltbild, der Händler wird ihn als Wertobjekt sehen, der Tierarzt als Fall und der Polizist als Verkehrsteilnehmer. Damit ist das “Fassen unter einen Begriff” nicht so absolut als Erkenntnis zu sehen; es ist ein Schritt zu ihr.

 

Beim Fortschreiten über die unmittelbar benachbarten Vorstellungen und Begriffe hinaus gelangt man zu immer komplexeren Zusammenhängen und gelegentlich zu überraschenden Erkenntnissen. So erlauben Schriftanalysen, Werkzeugfunde und DNA-Vergleiche Rekonstruktionen von Wanderwegen und Zivilisationsverschiebungen. Beliebig weit läßt sich das Spiel aber nicht treiben, vor allem mit Begriffen die materielle Gegenstände beschreiben. Als Begriffe lassen sich “Busch” und “Baum” sehr genau beschreiben und unterscheiden. In der Realität gibt es aber Gegenstände, die beiden Begriffen zugeordnet werden können. Baue ich jetzt vielstufige Schlußfolgerungen auf einen dieser Begriffe oder auf die Differenz zwischen beiden, kann ich gewaltig auf den Holzweg geraten. Ich muß ja - so der Sinn und das Ziel des Denkens - am Ende zurück in die Wirklichkeit, etwas für die Welt bewirken oder über sie herausfinden. Die Daten, die ich aus der Welt erhalte, signalisieren mir Gegenstände von mehr oder weniger großer Ähnlichkeit aber keiner Gleichheit. Jede Extrapolation vergrößert die Unterschiede, jede Verallgemeinerung verschiebt die Norm. Nur eine Wissenschaft hat Begriffe, die scharf genug gegeneinander abgegrenzt sind, um endlose Schlußfolgerungen ohne Schärfeverlust zu gestatten: die Mathematik.

 

Allenfalls im Reich der Elementarteilchen finden wir eine Annäherung an die Genauigkeit der Mathematik: die Teilchen, beispielsweise die Elektronen, weisen untereinander keine meßbaren Unterschiede auf. Ja, ihre völlige Gleichheit untereinander ist Voraussetzung der ganzen Physik der Elementarteilchen. Man hat das lange vor Planck gewußt, aber einfach hingenommen.

 

Der tiefere Grund für die Genauigkeit der Mathematik ist aber unabhängig von ihrer Ähnlichkeit die Isolierung von Gegenständen zum Zwecke der Zählbarkeit. Mit dem ersten Gegenstand, einem Baum beispielsweise, den ich aus dem Hintergrund schneide, obwohl er physisch mit ihm verbunden bleibt, habe ich die Eins erfunden. Und zwar genau die Eins, nicht 0,9999... und nicht 1,...0001, auch nicht infolge endloser Annäherung, sondern als Geschenk des idealisierenden Schnittes. Gezählte Dinge / beim Zählen kann ich jetzt millionenfach addieren, ohne den geringsten Fehler zu bekommen.

 

 


 

5.04  Einfügen als die Einpassung in kategoriale Zusammenhänge: das Weltbild hat eine Lücke und wir wissen, daß dort ein Gegenstand hineingehört; dieser Gegenstand ist uns aber nicht bekannt. Z.B.: “...der Stoff hat die und die Eigenschaften; es handelt sich um ein chemisches Element, das an die Stelle X ins periodischen System gehört. Es könnte folgende Verbindungen eingehen; es könnte die und die biologischen Wirkungen entfalten und als Legierungsbestandteil da und dort von Nutzen sein...”; oder “...der Mensch dort heißt soundso, er arbeitet bei XY, sein Weg zur Arbeit ist sehr kurz; er hat drei Kinder; ich kann ihn sehen, wenn ich morgens vor dem Haus Nr. Soundso warte usw.” Man sieht, “kennen” heißt nicht nur, für das Wahrgenommene Passung finden, sondern auch eine möglichst große Zahl von (kategorialen) Verbindungen im Weltbild herstellen können.

 

Hier wird die Vorstellung bzw. ihr Erzeuger aus der Realität gesucht, um offene Passungen zu sättigen. Wir haben gleichsam den Detektiv, der mit den lückenhaften Erkenntnissen des Profilers herumläuft und reale Personen damit vergleicht. Oder den Chemiker, der das Element sucht, das die leere Stelle im Periodensystem füllt. Im Gegensatz zu 5.01, wo der Bedarf (“Durst”) eine Maske, bzw. eine permanente Vorstellung (“Wasser”) an die Welt hält und nach Passung sucht, ist hier der Gegenstand unbekannt (nie gesehen) und die zugehörige Vorstellung nur aus den offenen Passungen synthetisiert.

 

 

5.05  Die Einsetzung der Begriffe

ist der bedeutendste, der höchstentwickelte Schritt der Erkenntnis. Er beschreibt die Einpassung einer (möglichst alten bewährten) Vorstellung als ein neuer Begriff, der verbesserte oder vermehrte Passungen herstellt und dabei Fragen beantwortet: zum Beispiel: “zwischen jeder Art von Materie wirkt eine universelle Anziehungskraft, die sowohl die Schwere irdischer Körper als auch den Lauf der Gestirne erklärt.” Oder „... die Tatsache, daß Dinge hinter dem Horizont verschwinden bzw. daß aus dem Osten zurückkehren kann wer lange genug nach Westen segelt, läßt sich nur erklären, wenn man die bekannte Vorstellung der Kugel zu ungeheurer Größe aufbläht und als Globus im Weltbild implementiert.“ Ob dieser Begriff unmittelbar erfahren werden kann, ob er also ein sinnliches Korrelat hat, ist dabei gleichgültig. Sein Wert besteht in der Erklärung, in der Vereinfachung und im Herstellen von Zusammenhängen. So wurde die Erdkugel ja sinnlich erst erfahrbar, als die Photos aus dem Weltraum eintrafen. Und das “Atom”, ein Begriff mit ungeheurem Erklärungswert, ist nur sehr mittelbar wahrzunehmen; seine Existenz wurde von Mach sogar in Abrede gestellt, nun, sagen wir, für unwesentlich erklärt. Ganz recht, denn für das Weltbild und seine Funktionalität kam es nur auf die Stimmigkeit, die Brauchbarkeit des Begriffes an. Dies wird offenbar so bleiben, denn einer sinnlichen Erfahrbarkeit ist der Begriff “Atom” auch 2000 Jahre nach seiner Postulierung nicht näher gekommen. Unabhängig davon, daß er durch zahlreiche weitere verfeinerte und vertiefte Beobachtungen konturiert, bereichert und bestätigt wurde.

 

Diese Form der Erkenntnis erwächst aus keinem materiellen Bedürfnis, sondern aus der Notwendigkeit, das Weltbild zu stabilisieren. Es geht nicht mehr um Hunger und um Liebe, es geht um das Denken, dem bessere Wege gebahnt werden sollen. Es geht nicht um die Passung zwischen Gegenstand und Vorstellung, sondern um die Zahl der Passungen zwischen dem eingesetzten Begriff und den interessierenden Merkmalen (wiederum möglichst vieler) Gegenstände / Vorstellungen. So zeigt Frege [4] sehr hübsch, wie der “Planet Venus” Passung sowohl zur Erscheinung “Morgenstern” als auch zur Erscheinung (und deren Vorstellung, selbstverständlich) “Abendstern” herstellt und sie dadurch in eins zusammenfaßt. Auch Bahn, Lichtstärke, Form usw. jener Gestirne stimmen mit der Hypothese “Planet Venus” überein. Daß diese Hypothese ein anschauliches materielles Korrelat besitzt, unterscheidet sie zwar von der einsteinschen “Raumkrümmung”, ist aber bezüglich ihres Wertes für das Weltbild kein prinzipieller Vorteil.

 

 

5.06  Deduktion, Induktion, Geltung, wahr und falsch

 

Wenn wir versuchen, unser Modell (des “Atomiums”) in die umkämpften Begriffe der Philosophie zu übersetzen, dann ist “Deduktion” und auch “analytisches Urteil” nichts anderes als der Gang durch das fertige Weltbild. Es werden Aussagen (“das Haus ist größer als der Mensch”) gemacht, die durch seinen Auf bau vorgegeben sind. Wird das Weltbild erweitert, und sei es auch nur durch eine logisch erschließbare Verbindung, nähern wir uns den synthetischen Urteilen. Die Aussage

5 + 7 = 12

ist zwar im System enthalten, erfordert aber geregelte Arbeit zu ihrer Gewinnung und wird daher meist zu den synthetischen Urteilen gerechnet. Hier ist das Regelsystem Bestandteil des Weltbildes, die 12 aber als ein (bisher vielleicht unbekannter) Fall hinzugewonnen. Keine große Veränderung, da der Platz für die neue Vorstellung schon vorhanden war.

 

Echte synthetische Urteile verändern das Weltbild. Jeder Erfahrungswert schafft eine neue Vorstellung - synthetisch a posteriori. Diese Vorstellung wird in das Begriffssystem eingeordnet oder erfordert gar einen neuen Begriff, wenn beispielsweise ihre Merkmale in keinen der vorhandenen Begriffe passen. Induktion ist jetzt die Behauptung, bestimmte Erscheinungen würden auch für Situationen gelten, die der Erfahrung noch nicht zugänglich waren. Mit der nötigen Autorität vorgetragen, werden sie zu Gesetzen.

 

Im Ernst, wahr und falsch können allenfalls für die Mathematik beansprucht werden. Behauptungen über die Realität haben einen Geltungsbereich. Für meinen Garten ist die Erde eben eine Scheibe und für die Kegelbahn brauch ich keine relativistischen Korrekturen. Selten sind die Behauptungen völlig falsch, eher wird ihr Geltungsbereich sehr klein. Die Aussage: “Der Himmel ist grün,” scheint zunächst absurd. Betrachtet man aber in der Abendstunde den Horizont, so findet sich tatsächlich am Übergang von Blau nach Gelb ein schmaler grüner Streifen. Nur für diesen kleinen Ausschnitt von Ort und Zeit gilt die Behauptung.

 

Analog sind auch absolute Wahrheiten über die Welt kaum zu formulieren. Das Fallgesetz gilt nur auf der Erdoberfläche, Aber die Proportionalität von Masse und Gewicht? Nun, seit der Einführung der schwarzen Materie, die für galaktische Maßstäbe erforderlich wurde, sind auch dort Fragezeichen aufgetaucht. D.h. auch dieses Gesetz hat einen Geltungsbereich, der uns verbietet, es universell zu nennen.

 

Wahr und falsch im herkömmlichen Sinne bewerten das Verhältnis von Welt zu Weltbild, von verschiedenen Weltbildern untereinander und von Schlußfolgerungen, die auf verschiedenen Wegen durch das Weltbild gewonnen wurden.

 


 

 

5.1                      Stabilität und Stabilisierung des Weltbildes

 

Suchen ist Un-Passung, Finden ist Passung, ist das Heureka. Der Eintritt von Passung ist emotional positiv, ist äußerst befriedigend. Sogar (wie erwähnt) beim Eintritt eines erwarteten Schadens tröstet der Spruch: “Ich habs ja gewußt!”. Das gilt nicht nur für Passungen zwischen Welt und Weltbild, sondern auch innerhalb des Weltbildes. Merke ich beispielsweise, daß zwei verschiedene Überlegungen oder Denkwege zum selben Ergebnis führen, so bin ich nicht nur befriedigt, sondern möglicherweise begeistert über die Auffindung eines Beweises.

 

Der Zustand dieser Art von Befriedigung durch Passung kann auf zwei Wegen erreicht werden: entweder indem man erstens die Realität dem Weltbild (fundamentalistisch) oder dieses der Realität (wissenschaftlich) anpaßt. Der Glaubenskrieger verbreitet sein Weltbild, nein, die diesem entsprechende Welt, durch das Schwert; der Wissenschaftler verbessert seines durch das Fernrohr, durch Berechnungen, durch versuchsweise Passungen an wechselnde Vorstellungen. Zahl und Güte der Passungen, gefunden durch Forschung, Kontemplation (Anpassung des Weltbildes) oder Gewalt (Anpassung der Realität), sind dann ein Maß für Zufriedenheit.

 

Strukturell wird das Weltbild stabilisiert durch Beweise. Sie gewährleisten, daß verschiedene Wege zum gleichen Ergebnis führen und daß dieses Ergebnis dann als Ausgangs- oder Fixpunkt für weitere Folgerungen taugt. Auf gleiche Weise wirken Bestätigungen aus der Realität, also Fälle, die der Hypothese genügen und sie bei wachsender Anzahl allmählich zum Gesetz machen.

 

Eine weitere Stabilisierung bringen Begriffe, die die Vielfalt der Erscheinungen / Vorstellungen zusammenfassen. Die Stabilisierung ist besonders wirksam, wenn die Begriffe sich verändern und zwar dadurch, daß sie von den gemeinsamen Merkmalen des unmittelbaren Interesses zu solchen von Dauer und Verbreitung wechseln. Teile ich beispielsweise die Tiere nach der Farbe des Fells oder dem Geschmack ihres Fleisches ein, dann wird die Einteilung öfter ihre Gültigkeit verlieren, als wenn ich sie nach stammesgeschichtlichen Merkmalen, wie dem Vorhandensein einer Wirbelsäule, vornehme.

 

Noch eklatanter machen sich Stabilisierungseffekte beim Einsetzen von Begriffen nach 5.05 bemerkbar. So hatte das Einsetzen der “allgemeinen Massenanziehung” den Wegfall zahlreicher voneinander unabhängiger Konstrukte wie der Epizykel, der Kristallsphären, der sub- und extralunaren Welten etc. zur Folge. Zahlreiche Erscheinungen wurden auf einen Nenner gebracht, irdische und himmlische Physik den gleichen Gesetzen unterworfen. Werden dagegen Begriffe geschaffen ohne zusammenfassende Kraft, die lediglich neue Felder eröffnen und fehlende Zusammenhänge überbrücken sollen, wird das Weltbild destabilisiert. Es ähnelt dann einem Tragwerk, dessen Elemente voneinander gelöst und an anderer Stelle provisorisch zusammengeknotet und -genagelt worden sind.

 

 


 

 

5.2             Fortschritt der Wissenschaft

 

Allem voran geht der Aufbau von Vorstellungen (“Gesicht der Mutter”,“Kraft”, “Liebe”, “Kreide”, “Teller”, “Feind” usw.), der erst Resonanzen und Verknüpfungen ermöglicht. Er vollzieht sich durch ein Wechselspiel von Bedarf, Wahrnehmung und Befriedigung. Der Bedarf “Durst” gebraucht die Maske “Wasser” zu seiner Befriedigung; aufgebaut wurde sie vielleicht als Zufallsfund oder durch Lernen am Beispiel der Eltern etc. Resonanzen initiieren Reaktionen; Verknüpfungen / wiederholte Zusammenhänge implementieren Kategorien. Gemeinsame Verknüpfungen oder Merkmale fassen zusammen zu Begriffen.

 

Die offensichtlichste Form des Fortschreitens besteht in der Entdeckung und Registrierung neuer Fakten, in der einfachen Wissensvermehrung durch Akkumulation. Eben sie, die Fakten werden als Vorstellungen in das Weltbild integriert. Der zweite Schritt wäre das Verknüpfen der neugewonnenen Vorstellung über Kategorien mit dem vorhandenen Weltbild. Ich stelle Zusammenhänge her. Im dritten Schritt erfolgt die Anordnung dieser Fakten und Gegenstände nach der Ähnlichkeit interessierender Merkmale. Die Ähnlichen werden zusammengefaßt. (Schwarze Pferde —> “Rappen”, Gegenstände mit dem Merkmal der Eßbarkeit —> “Nahrung”) Begriffe geben dieser Zusammenfassung einen Namen.

 

Weil nun das Denken nicht frei im Raum, sondern auf den Bahnen des gelernten Weltbildes erfolgt, ist es sowohl im Verlauf als auch in den Ergebnissen strikt von dessen Architektur abhängig. Es kann nur wenig gedacht werden, was nicht im Weltbild enthalten ist. Wird es doch gedacht, (oder vorsichtiger: wird Vorhandenes in ungewohnte Verknüpfungen gestellt oder neu kombiniert) indem beispielsweise die Gestirne durch die bisher (zwischen ihnen) nicht vorhandene Kategorie der Relation “Anziehungskraft” verbunden werden, so handelte es sich bekanntlich um einen Wissensfortschritt durch eine Revolution. Er bestand darin, daß zwischen zwei vorhandenen Anknüpfungspunkten (“Laufbahn” und “Gestirn” - aus der Welt gewonnen und als Vorstellung implementiert) eine neue Kategorie gespannt, eine Abhängigkeit (“Entfernung - Kraft”) postuliert oder in anderem Zusammenhang eine Vorstellung (“Kugel”) als Begriff (“Globus”) eingesetzt wurde.

 

Sind es zunächst Merkmale des Interesses wie “Brennbarkeit” oder “Jagdbarkeit”, die die Zusammenfassung zum Begriff der Feuerung oder des Wildes ermöglichen, werden die Merkmale des Interesses allmählich durch solche von Dauer und Verbreitung (“Wirbelsäule”, “Abstammung”, “Atom”, “Über-Ich”) ergänzt. Dieser Vorgang hat zur Folge eine Stabilisierung des Weltbildes. Die Zahl der Verbindungen wächst und mit ihr die “Erklärbarkeit”. Ähnlichkeit wird begründbar zB durch Abstammung und damit dem Reich des Zufalls entrissen.

 

Erklärbarkeit ist zunächst die Sättigung der vom Faktum, nein, der von ihm ausgehenden Verbindungen / Kategorien, vor allem derjenigen der Kausalität. “Die Ursache für dies ist der Gott des Feuers, für das der Gott des Regens,für jenes der Gott der Sonne”. Das sind Erklärungen, aber sie sind von geringer Qualität, weil ihnen der Zusammenhang fehlt. Sie ermöglichen weder Folgerungen noch Voraussagen. Besser sind Sättigungen, die für mehrere, wenn möglich für viele Verbindungen, sprich Kategorien geeignet sind. Begründe ich beispielsweise einige astronomische Erscheinungen mit der Kugelform der Erde, dann kann ich sowohl eine Erdumsegelung voraussagen als auch viele andere Zusammenhänge herstellen. D.h. der Begriff “Globus” hat eine hohe Qualität der Sättigung durch Begründung.

 

Zurück zur Begriffsbildung: Die naheliegenden Merkmale hängen von unmittelbaren Interessen ab und unterliegen deren Veränderungen. Damit erfahren die Begriffe ebenfalls häufige Veränderungen und ihre Stabilität ist gering. Die tieferliegenden / phylogenetischen / wiederkehrenden ... Merkmale sind dagegen dauerhafter und stabilisieren das Weltbild.  

Die Zahl der Begriffe sollte dabei eigentlich (allein durch die Aufdeckung von Zusammenhängen) abnehmen, wird aber durch die wachsende Zahl der Fakten wieder vermehrt. Historisch gesehen wendet sich die Wissensvermittlung von der reinen Faktenbeschreibung (“Das Leberblümchen”) und ihrer statischen Anordnung immer mehr hin zur Systematik selbst und zu den sie bestimmenden Vorgängen (Artenbildung und Abstammung, Sternentwicklung, Bevölkerungsverdichtung). Die Gesamtmasse des Wissens wächst scheinbar exponentiell; durch Spezialisierung versucht man sie auf dem Niveau zu halten, das dem Fassungsvermögen eines Kopfes entspricht. Durch Hierarchisierung versucht man den Überblick zu behalten.

 

 

Ob nun “große Vereinigung” oder Monotheismus - die hierarchische Ordnung des Begriffsgebäudes verlangt eine Spitze bzw. möglichst wenige Spitzen, um “die Welt aus einem Grunde zu erklären” - ein psychologisches Grundbedürfnis des Denkapparates, das von der Ökonomie unterstützt und gefordert wird. Die Wissenschaft versucht die Zahl der zusammenfassenden, der Grundbegriffe zu vermindern, um die ständig wachsende Zahl von Beobachtungen in den (Be-) Griff zu bekommen. Das Paradebeispiel ist die mehrfach erwähnte Einführung der allgemeinen Massenanziehung, die einen ganzen Zoo von Hilfsbegriffen obsolet machte.

 

Der Prozeß dieser Art von Reduktion findet keinen Abschluß, weil zugleich eine Wissensvermehrung, ein Zuwachs an Beobachtungen stattfindet, die wiederum Einordnung und Zusammenfassung verlangen. Stellt sich dabei heraus, daß ein Begriff mit besonders vielen Passungen und/oder mit besonders vielen Unterbegriffen, also ein Grundbegriff, geändert werden muß, so steht ein Paradigmenwechsel bevor.

 

 


 

5.3             Weltbild und Hierarchie

 

Soziologisch bedeutsamer ist aber zB die Passung zwischen den Vorstellungen von “Leiden” und “Lohn”, die alle Duldungen belohnt oder die Passung zwischen “Fremd” und “Böse”, die den Haß und die Gewalt rechtfertigt. Beides ermöglicht das Handeln. Will sagen, die im Weltbild vorgegebenen Passungen lenken das Denken auf ganz bestimmte Wege. Oder andersherum: es ist außerordentlich schwer, gegen das Weltbild anzudenken. Es ist schwer, die Straßen nicht zu nutzen, auf denen ich gehen gelernt habe oder auf denen alle gehen, weil sie so breit gebaut sind.

 

Die Gemeinsamkeiten im Weltbild ermöglichen erst gemeinsames Handeln und damit die Hierarchie, die Steuerung. Vielheiten, Mengen, Massen von Individuen können nur auf Grund einer Norm gesteuert werden. Sie müssen Signale in gleicher Weise verstehen, interpretieren und umsetzen können - und nicht nur wollen. Mit zustimmender Einstellung, mit Folgebereitschaft allein ist es nicht getan. Sprache / Kennen, Übung / Können und Anerkennung / Wollen sind zusätzliche Voraussetzungen für die Wandlung von Information in gemeinsame Aktion. Mit dieser Betrachtung erfassen wir nicht den hierarchischen Aufbau des Weltbildes, sondern die Hierarchie seiner Träger. Wir erhalten die Erklärung dafür, daß Gruppen, Mengen, Massen und Gruppen von Gruppen gemeinsame Bewegungen ausführen können.

 

Der hierarchische Aufbau des Weltbildes selbst ist von größter Bedeutung für seine Handhabung und seinen sinnvollen Gebrauch bei der Bewältigung der Welt. Vor allem der Zugriff auf seine Inhalte und die Verständigung über dieselben wird durch die hierarchische Anordnung seiner Elemente gefördert. Zugleich ist er eine Forderung der Ökonomie. Bei großen Mengen wird der Gebrauch durch diese Anordnung erst ermöglicht; man stelle sich nur vor, in der Kommunikation müßten jedesmal so viele Elemente genannt werden, daß der Empfänger das gemeinte Merkmal des Interesses ohne Begriffsgebrauch erschließen könnte.

 

Hier stellt sich der Zusammenhang zwischen dem hierarchischen Aufbau des Weltbildes und der Hierarchie seiner Träger her. Individuelles Handeln kann durch reinen Bedarf gesteuert werden; es benötigt kein kommunikationsgeeignetes Weltbild. Gemeinsames Handeln aber benötigt nicht nur gemeinsame Weltbilder, sondern auch durch Begriffe hierarchisch geordnete. Ich kann weder Krieg noch Ernte veranlassen, ohne die Einzelfälle der Welt zu “Freund”, “Feind” oder “Frucht” zusammenzufassen. Und ich kann die daraus gebildeten Signale nicht zu gemeinsamen Handlungen machen ohne eine hierarchische Anordnung der Individuen.

 

 

5.4                      Religion

 

Beim Durchschreiten des Weltbildes landet man an entscheidender Stelle oft im Leeren, beispielsweise wenn man an Hand der Kategorien der Kausalität (von Vorstellung zu Vorstellung abwärts) eine erste Ursache oder einen letzten Zweck sucht. Oder wenn man dort, wo kein Bedarf und kein Nutzen mehr treibt, ein Kriterium fürs Handeln sucht. Die letzten Fragen finden keine Antwort, das Weltbild hat kein Widerlager, es sei denn im Glauben. Aber in welchem Glauben? Gebraucht wird der eine große Gott. Nur Allmacht und Ewigkeit bilden ein ausreichendes Widerlager gegen unablässige Hinterfragung; alles andere muß ja selbst wieder Halt suchen und sich rechtfertigen.

 

Sehen wir das Weltbild (schon und immer wieder) als ein Bauwerk, in dem die Kategorien die Verbinder und die Vorstellungen und Begriffe die Elemente oder Knoten sind, dann suchen wir irgendwann nach seiner Gründung und seinen Fundamenten. Wir kommen vom Donner zum Blitz, vom Blitz zu den Ladungsträgern, von diesen zu den Luftströmungen und -drücken, ja, und dann sind wir im Reich des Zufalls. Ursachen sind noch da, aber welche? Leibniz meint “unendlich viele”. Auch hier ist keine Gründung möglich. Noch schlimmer, wenn wir die Seinsursachen der Dinge zurückverfolgen: warum ist die Welt? Eine Frage, die die Wissenschaft uns verbietet. Dem Zufall wollen wir sie nicht überlassen - also hilft auch hier nur Gott.

 

Schon die Tatsache, daß für jedes Ereignis aus Gründen der Vorsorge und Voraussicht, sprich: des Überlebens, eine Ursache gefunden werden muß (und häufig gefunden wurde), läßt unseren Geist nicht zur Ruhe kommen. Um des Überlebens willen müssen wir Ursachen finden. Wer nicht nach Zusammenhänge fragt geht unter. Ein starker Selektionsdruck wirkt gegen die Ignoranz. Wir haben ein grundlegendes Bedürfnis, das uns von den Erscheinungen zu den Ursachen und von den Ursachen zu deren Ursachen und immer weiter führt. Nur, ein endloser Regreß, ein unaufhörliches Weitertreiben ist ebenso unbefriedigend wie ein fehlender Grund. Es geht uns da, wo wir den Grund einer Bedrohung nicht finden, wie den Menschen, die als erste mit der Tatsache fertig werden mußten, daß unsere Erde eine frei schwebende Kugel ist. Wie über einem Abgrund suchten sie schaudernd das Gleichgewicht. Und wie Getriebene quälen wir uns mit Widersprüchen und offenen Fragen auch dort, wo sie nur das Weltbild betreffen. Das Weltbild, in dem zB das Regelmaß der Welt-Abläufe in Ursache und Wirkung geteilt wird. Aristoteles machte dem Treiben ein Ende und setzte dort, wo schon aus anderen Gründen der All- und Übervater saß, für uns Zwangsdenker den Unbewegten Beweger hin. Da er sich nicht bewegte, hörte die Suche nach einem Anlaß seiner Bewegung bei ihm auf.

 

Noch gravierender wird das Problem der Gewißheit dort, wo es um gemeinsames Handeln geht. Zu gemeinsamer Tat und Befreiung ist ein stabiles, konsolidiertes und einfaches Weltbild mit möglichst wenigen Varianten und Verbindungen geeignet. Prototyp dessen wäre zB das Ergebnis einer Erziehung zum strikten Gehorsam. Es gäbe dann nur eine Kopplung zwischen Gedanken und Tat, zwischen Information und Aktion: den Befehl. Der allerdings, wie mehrfach erwähnt, ohne das geübte Können und Verstehen ins Leere laufen würde. Was bedeutet, daß auch diese beiden Voraussetzungen gegeben sein, aber ohne überflüssige Alternativen ausgeübt werden müssen. Eine Eigenart der Psyche, nämlich die Möglichkeit der vollständigen Abgrenzung der Welt von der Wunschwelt kommt dem entgegen. Erfahrungsgemäß kann ein und dieselbe Person sich in den letzten gott- und trostlosen Spekulationen der Kosmologie ergehen und gleichzeitig die skurrilsten Rituale einer Religion ausüben und anerkennen. Im Ritual wirkt das Handeln, dessen Voraussetzung eigentlich die Gewißheit ist, zurück auf die Stärkung des Glaubens. Rituelle Waschungen, Kampfgesänge, Sandeimer und Feuerpatsche für die Bombennacht, alle Arten von Opfern vom Stier bis zur Münze im Grundstein, haben keinen direkten wissenschaftlich nachvollziehbaren Einfluß auf die gemeinte Tat, stärken aber trotzdem die Gewißheit mit der sie ausgeführt wird. Das Ritual kanalisiert das Handeln und das kanalisierte Handeln fräst die Spuren, die es jedesmal strikter leiten.

 

Für das Gemeinschaftsgefühl, den Gleichklang der Seelen ist im Gegensatz zur Struktur, (die das Handeln begünstigt) der Inhalt maßgebend. Die Sprache, die Worte der Schrift, die Gleichnisse, die ungeschriebenen Gesetze, die Redewendungen, die Bilder stellen das Verständnis untereinander her und der Glaube des anderen ist die wichtigste Bestätigung für den meinen. Man hat Worte für die Emotionen, die sich dadurch gegenseitig verstärken und findet - jetzt wieder über die Struktur der dynamischen Hierarchie - zu gemeinsamer Tat. Gemeinsamkeiten dienen der Kommunikation, die die Massen bewegt; die Hierarchie bestimmt dann ihre Richtung. Oder: das Inhaltliche, die Norm der Verständigung, unterstützt die Kommunikation, die Struktur bestimmt die Tat.

 

 

Ist dann durch den Glauben das Handeln von Massen, Gruppen, Populationen etc. bestimmt, oder wenigstens menschenwürdig kanalisiert? Nein, die Religion bewirkt durch ihre Grundsätze und Vorschriften von sich aus gar nichts, weder Böses noch Gutes, weder Gesittung noch Aggression. Man kann im Islam eine Friedensbotschaft erkennen und man kann als christliche Institution lebendige Menschen verbrennen. An den Handlungen der Gläubigen (als Vielheit) ändert sich durch die Gebote nichts. Die Religion hat nur die Eigenschaft, aufsteigende Emotionen zu kanalisieren und auszurichten. Ja, die Emotionen, besonders stark z.B. aus der Steigerung der Populationsdichte erwachsend, sind der Treibstoff gesellschaftlicher Entwicklungen - die Religion liefert lediglich die Begründungen und zieht die Gräben. Sie definiert die Parteien und sorgt innerhalb derselben für die Gleichrichtung der Individuen.

 

Ganz im Gegensatz dazu kann das Individuum (jetzt wirklich der Einzelne) aus der Religion Trost, Hoffnung, Glück, Mut und Erkenntnis gewinnen, wenn es nicht versucht sie zu Steuerungszwecken zu gebrauchen. Dazu darf es nicht für andere, sondern nur für sich den Glauben annehmen und ihn nur durch Vorleben weitergeben.

 

Maß und Tempo der Verdichtung, bezogen auf den Organisationsgrad vor allem bestimmen die Ergebnisse. Aus Bedrängnis, aus Haß, aus Hunger oder aus Wohlgefühl erwachsen Kriege, Caritas, Tempel oder Pogrome - nicht weil die Religion es befiehlt, sondern weil sie die Zusammenhänge, die Wege vorgibt, auf denen Emotionen zu gemeinsamen Gedanken und Gedanken zu Taten werden. Auch hier sorgt die Hierarchie dafür, dem Impetus eine Richtung zu geben, eine Richtung, die nichts mit den Absichten der Einzelnen oder den Vorschriften des Glaubens zu tun hat. Er, der Impetus, muß durch zwei Filter bevor er Bewegung bringt: erstens muß seine Richtung mehrheitlich gedacht werden können und zweitens muß er massentauglich sein. Das erste bedeutet, die Idee oder die besagte Richtung der aus ihr resultierenden Bewegung muß im Weltbild der Mehrheit vorhanden sein und das zweite bedeutet, die Bewegung muß in der Realität von der Masse ausgeführt werden können.

 

Hält man sich vor Augen, daß eine Masse, hier eine Menschenmenge, effektiv kein Seil erklettern, keine Skizze zeichnen, kein Flugzeug lenken und nicht gegen ihre Norm denken kann, dann sieht man zugleich, daß individuelles und soziales Handeln sich nicht nur quantitativ, sondern grundsätzlich und qualitativ unterscheiden. Die Bewegung von Massen geschieht nach ganz anderen Regeln als die von Individuen. Kurz, die Idee muß ein Ziel setzen, das von einer Masse, nicht vom Individuum, erreichbar ist.  

 

 

 

5.5             Gewißheit und Handeln

 

Zunächst richtet sich unser Handeln nach den Bedürfnissen des Überlebens, wird aber kanalisiert durch die geschriebenen und ungeschriebenen Gesetze aus Religion und Tradition. Maßgebend sind aber nicht nur die Gebote, sondern die Stringenz, mit der Folgerungen gezogen und Handlungen eingeleitet werden können. Handeln bedarf der Vergewisserung und der Zustimmung. In unserem Bilde sind es starke Kopplungen zwischen Signalen und der Motorik, kurze Wege von der Information zur Aktion, die es begünstigen. Allahs (Gottes, Beelzebubs, Manitous, des Volkes...) Wille ist durchzusetzen, nicht zu bezweifeln. Diese Stringenz, das Fehlen von Wenn und Aber, die Abwesenheit überflüssigen Wissens im Verein mit der Schubkraft der Emotionen gibt dann der Hierarchie freie Hand für die Lenkung gemeinsamen und gerichteten Ausbruchs. Hier haben wir also den Impetus, d.h. den Drang, überhaupt zu handeln, dann die klassische Norm, die die Kommunikation ermöglicht und das Ziel setzt und letztlich die Hierarchie, die den Anstoß gibt und die Richtung bestimmt.

 

Um noch eine Stufe tiefer zu gehen: der Motor all dieses Geschehens ist die Verdichtung, das Wachstum der Population. Aus der Verdichtung erwächst die Bedrängnis und aus der Bedrängnis der Tatendrang. Die Tat, sofern nicht durch den Instinkt vorgeschrieben, sucht Rechtfertigung. Das Individuum findet Rechtfertigung in Gesetz und Gewissen, die Masse findet sie in der gegenseitigen Bestätigung. Sagen wir so: innerhalb eines Sozialverbandes sucht das Individuum vor allem die Bestätigung durch die anderen Mitglieder des Verbandes. Es scheint überhaupt, daß dem Gläubigen der Glaube der anderen wichtiger ist als sein eigener.

 

Ebenso wichtig wie die Stringenz der Kopplungen ist ihre (möglichst minimale) Anzahl. Die Religion sollte zu Lenkungszwecken zwischen den einzelnen Vorstellungen, Grundsätzen, Forderungen so wenige Kopplungen haben wie möglich. Keine Witze, keine Rätsel, keine Konjunktive, kein Wenn und Aber... das ölt nur den Verstand, bringt ab vom graden Wege. Die Stabilität des Weltbildes steht im umgekehrten Verhältnis zu seiner Größe. Nur ja, ja, nein, nein, Du sollst, Du sollst nicht und Schluß. Wenige Begriffe, klare Vorschriften fürs Handeln, keine Alternativen, hier Gut und da Böse machen die Eignung für die Steuerung von Massen aus. Eine eindeutige Verbindung ohne Rücksichten und Alternativen zwischen Situation und Verhalten muß ganz klar ausgesprochen sein, sozusagen das Rezept fürs Leben muß vorliegen - dann kann der Führer die Masse bewegen. Wohin, das bleibt ihm überlassen. Religion ist dann der Transmissionsriemen der Interessenten ) Fu▀note , wiederum unabhängig von ihren (der Religion) Anforderungen. Sie ist, wie ihre unterschiedlichen Auslegungen beweisen, eher das Medium als die Richtlinie.

 

In diesem Punkt stimmen Religion und handelnder Atheismus überein. Nur in der Fundierung des Weltbildes unterscheiden sie sich. Die Religion setzt Fundamente unter die letzten Fragen, sie hat Antworten, während der Atheismus sie, die Fragen, verbietet oder offen läßt. Die Kopplungen, die ins Leere weisen, werden einfach abgeschnitten. Ursache und Zweck der Welt, die in der Religion, in Gott, zusammenfallen, sind für den Atheisten irrelevant. Es lohnt gewissermaßen nicht, darüber nachzudenken.

 

Weder mit Inhalt noch mit der Struktur des Weltbildes hat das religiöse Gefühl, die Erleuchtung, wie sie zB die Seele von Jakob Böhme in Flammen gesetzt hat, zu tun. Dieses Gefühl übergießt und durchtränkt den Geist unabhängig von aller Struktur mit unfaßberer Glückseligkeit. Der jeweilige Glaube liefert nur die Worte, vielleicht die Form dafür. Auch hieraus erwachsen starke Gewißheiten, jedoch nicht für Mord und Totschlag, nicht für Inquisiton und Internierung.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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         Das Steuerungsprinzip der Gesellschaft

 

         

 

5.6             Gemeinsame Bewegung

 

Die soziale Bedeutung des Weltbildes ist nicht zu überschätzen. Es bestimmt, welche Signale gesandt, welche rezipiert und welche Handlungen von den Signalen ausgelöst werden. Vor allem bestimmt es durch seine Ähnlichkeit in verschiedenen Individuen, welche Signale von allen verstanden werden und gemeinsame gerichtete Bewegungen zur Folge haben können.

 

Nun mag mancher einwenden, das komplexe Weltbild der Gebildeten ließe derart einfache Mechanismen nicht zu. Sieht man sich aber Initiatoren und Vollstrecker der Ideologien an, dann widerlegt schon die Praxis diesen Einwand. Die Gleichrichtung ist völlig unabhängig vom Bildungsstand. Es geht eben um Vielheiten und nicht um Individuen. Es heißt entweder “im Gleichschritt!” oder “Jeder wie er will!”, entweder gemeinsame Veränderung oder chaotisches Verharren.

 

Das Verharren unter Druck aber ist unerträglich. Veränderung, Bewegung um jeden Preis muß sein. Voraussetzung dafür ist aber in der Masse die Gleichrichtung. Keiner kommt vom Fleck wenn alles gegeneinander drückt. “Jeder, wohin er will” hat keine sozialen Veränderungen zur Folge, weil es die gemeinsame Tat nicht freisetzt. Es bringt nur Reibungswärme. Bezüglich des Zusammenhanges zwischen Kanalisierung und Weltbild darf daran erinnert werden, daß sowohl Thomas Mann als auch Sigmund Freud hypernationale Phasen hatten, verbunden mit Äußerungen, die nach heutiger political correctnes unverzeihlich waren. Der Mensch unterliegt eben unerachtet seiner intellektuellen Fähigkeiten dem Zwang zur Gleichrichtung, wenn die Situation unerträglich wird oder wenn Veränderung gefordert ist. Ja, der Intellektuelle hat wegen seiner größeren Abhängigkeit vom Weltbild eine besonders starke Tendenz zur Vereinfachung und Bestätigung desselben im anderen.

 

Zu gemeinsamer Tat und Befreiung ist also ein stabiles, konsolidiertes und einfaches Weltbild mit möglichst wenigen Varianten und Verbindungen geeignet. Die Einfachheit ist nicht nur der Schlichtheit der Akteure geschuldet, sondern ergibt sich aus der Notwendigkeit, ein Maximum der Zustimmung im Mittelwert zu finden. Damit müssen gewissermaßen alle überstehenden Verzierungen, Individualitäten und Komplexitäten abgeschnitten werden, wonach nur ein winziger Kern verbleibt. Prototyp dessen wäre zB das Ergebnis einer Erziehung zum strikten Gehorsam. Es gäbe dann nur eine Kopplung zwischen Gedanken und Tat, zwischen Information und Aktion: den Befehl. Der allerdings, wie mehrfach erwähnt, ohne das geübte Können und Verstehen ins Leere laufen würde. Was bedeutet, daß auch diese beiden Fähigkeiten strikt beherrscht, aber ohne überflüssige Alternativen ausgeübt werden müssen. Eine Eigenart der Psyche, nämlich die Möglichkeit der vollständigen Abgrenzung der Welt von der Wunschwelt kommt dem entgegen. Erfahrungsgemäß kann ein und dieselbe Person sich in den letzten gott- und trostlosen Spekulationen der Kosmologie ergehen und gleichzeitig die skurrilsten Rituale einer Religion ausüben und anerkennen.

 

Die mögliche Gemeinsamkeit mehrerer Individuen ist eingeschränkt durch das, was nicht gemeinsam, sondern nur durch das Individuum gemacht werden kann. Eine wütende Meute beilspielsweise erreicht durch den Schlachtruf “baut eine Kirche!” weder Befreiung noch Abfuhr. “Fackelt sie ab!” oder “hängt ihn auf” hat weit bessere Massen-Tat-Eignung. Das bedeutet, daß auch ein gemeinsamer Wille, also eine starke Norm noch nicht die Richtung der Bewegung vorgibt. Die endgültige Wirkungsrichtung kann noch korrigiert werden durch die Massen- und Ausführungs-Kompatibilität. Ergebnis oft: “das haben wir nicht gewollt”.

 

Allem liegt aber der Antrieb zu Grunde, ohne den es keine Notwendigkeit für ein Tun gibt - die Verdichtung. (Wiederum: Verdichtung ist Zuwachs, bezogen auf die Ressourcen. So wird auch ein Ressourcenschwund als Verdichtung empfunden.)

 

 

 

 


 

5.7             Individuelles Weltbild und

                  Gesellschaftliche Struktur

 

Das Wachstum einer Gesellschaft erfordert die Installation vielfältiger Steuerungseinheiten. Bereits die Anfänge arbeitsteiliger Produktion müssen gemeinsam ausgeführt und untereinander abgestimmt sein. Ob sie nun vom ersten unter Gleichen oder von einem der Gemeinschaft völlig enthobenen Gottkönig gesteuert werden, ist für die Funktion gleichgültig. Auch Freiwilligkeit oder Zwang ändert nichts am Wesen der Steuerung. In jedem Fall entsteht Ungleichheit. Und in aller Regel wird diese mit der Zeit institutionalisiert und ritualisiert. Kurz, die Verdichtung erzwingt (zur Aufrechterhaltund des Ressourcenstromes) Steuerung, d.h. Hierarchie. Und die Hierarchie wächst weiter überproportional mit der Verdichtung. Das Zeichen der Hierarchie ist Ungleichheit. Sie reicht von temporär, demokratisch verliehener und schwach ritualisierter Vollmacht bis zu den hochritualisierten Veranstaltungen der Pharaonen, des Sports, der Demokratiebewältigung und des Stalinismus.

 

Der Zusammenhang zwischen absoluter Verdichtung und der Produktion von Ungleichheit ist nicht linear; es gibt Verzögerungen und Beschleunigungen. Über längere Zeiträume beobachtet, hat er sich sogar exponentiell entwickelt. Eine bekannte Agenda spricht es aus: oben braucht man mehr, um konkurrenzfähig zu bleiben, unten erreicht man Wohlstand durch Verzicht. Wohlgemerkt, dahinter stecken zwar mächtige Interessen, aber ausgedrückt wird durch dieses Statement ein noch mächtigeres Gesetz - das der (Steuerung unter den Bedingungen der) Verdichtung. Zwar sind die Interessen Dererdaunten emotional weit stärker und von der Mehrheit getragen, aber sie sind nicht mit der Steuerungsvollmacht ausgestattet, so daß das Akkumulationsgesetz auf Seiten der Oberen bleibt.

 

Durch das Wirken von Konzentration und Akkumulation haben wir ein gewaltiges Emporwachsen der Spitze (unseres Hierarchiekegels) unter gleichzeitiger Verbreiterung der Basis. Graphisch äußert sich dies in einer Einschnürung der Mitte und ökonomisch gesprochen handelt es sich um die simultane Vermehrung von Reichtum und Armut. Ein Prozeß, der auch in reichsten Sozietäten Armut vermehrt. Die Bildung von Ungleichheit wird durch Ursachen erzwungen und durch Zwecke begünstigt, geschoben und gezogen. Die Notwendigkeit der Steuerung selektiert Bereiche mit strikter Verwaltung und Brechts großer Löffel bzw. die Vermehrung des Reichtums zeigen die Akkumulation durch das Akkumulierte. Sie dient dem Erhalt und ist die Folge der Existenz. Im Verlauf des Alterns läßt sie den Bereich erstarren und beendet (revolutionär oder evolutionär) seine Existenz.

 

Empirisch ist lange offenkundig, wie unwiderstehlich der wachsende Bevölkerungsdruck (wie immer: bezogen auf die Ressourcen) die Entwicklung zu kriegerischen, revolutionären, terroristischen Ausbrüchen treibt. Hier grummelt es sogar schon in der Wissenschaft, s. Homer-Dixon, “Mangel und Gewalt...”, Ohlsson etc., wobei aber wiederum der Organisationsgrad ausgelassen wird. Gut zu sehen beim nachlassenden Ressourcenstrom im Zuge fallenden Organisationsgrades, dem negativen Äquivalent der Verdichtung, zB in der Weimarer Republik, im Sahel, in Afghanistan....

 

Den Ausbrüchen geht voran eine Stabilisierung des Weltbildes durch die geschilderte Vereinfachung, durch das Wegbrechen von Verzierungen, von Kultur und Gesittung. Der enorme Handlungsdruck schafft die Struktur zu seiner Befreiung. Hand in Hand verläuft damit die Gleichrichtung der Individuen, der die Hierarchie nur noch übergestülpt werden muß. Der Rest ist die Sache eins Befehls. Und dabei ist eines schon gewiß: daß in den Lagern Palästinas, in Afrika, Pakistan und in den Mondlandschaften Afghanistans spätestens in 20 Jahren bei schwindenden Ressourcen die doppelte Menschenanzahl ver- und entsorgt werden muß. Auch wenn jeder einen Friedensengel zur Seiten hätte - der letztere wird unweigerlich mitsamt seiner Palme im Blut ertränkt.

 

Noch deutlicher aber sehen wir, daß nahe dem größten Elend, ja dem Tode sich die Organisationskegel am steilsten aufrichten. Die absolute Machtausübung terroristischer Organisation findet im Feld der tiefsten Armut statt. Dort zeigt die Abhängigkeit und besonders das Geld seine Macht, die abstrahierten Ressourcen und der Glaube entfalten ihre größte Steuerkraft. Mit geringstem Einsatz sind die größten Wirkungen zu erzielen, mit wenigen Worten die größten Emotionen freizusetzen. Sieht man darüber hinaus, wie die Fauna in der Wüste am wehrhaftesten wird und in der Kargheit die militärische Effektivität wächst, dann enthüllt sich wiederholt jene Verformung der Hierarchie-Spindel / -Pyramide unter Druck als ein allgemeines Phänomen, als starkes Gesetz.

 

Je größer und amorpher die Masse, desto wichtiger wird auch die persönliche Steuerung und ihre Zentralisierung. Das Zusammenwirken von starker einfacher Norm und punktueller Hierarchie muß und kann vielstufige Rechts- und Kontrollsysteme ersetzen. Allgemeines, verbreitetes, ja tödliches Elend muß einem (Be-) Reich nicht schaden, im Gegenteil, es kann ihm auf Grund der besseren Steuerbarkeit zu ungeahnter Schlagkraft, zur Nutzung von Hoch- und Waffentechnologie verhelfen. Tora Bora und Nordkorea sind die deutlichsten Beispiele.

 

Der technische Organisationsgrad ist so eng mit dem Ressourcenstrom korreliert, daß dessen Steigerung temporär die Verdichtung kompensieren kann. Verbessertes Bohrgerät, größere Schiffe, die Infrastruktur der Pipelines und anderen Transportwege hatten mit der ergiebigen und flexiblen Energiequelle Öl einen gewaltigen Schub der Bevölkerungszahlen zur Folge. Die Ölnutzung wäre jedoch besser unterblieben, weil Artensterben und Kontaminierung sich derart beschleunigen, daß eine Revitalisierung nach ihrem Ende kaum möglich ist.

 

Was die neuerdings aufscheinenden Gefahren des Bevölkerungsrückganges betrifft, kann nicht oft genug betont werden, daß es sich um Folgen vorangegangener Beschleunigung bei der Vermehrung handelt. Die Menschheit hat mit dem Eintritt in die geschriebene Geschichte die Schwelle zum Wachstumszwang überschritten. Antike Reiche, Unternehmen, moderne Staaten und vor allem die Weltwirtschaft haben nur die Alternative zu wachsen oder zu fallen. Und je größer sie werden, desto schneller müssen sie wachsen, desto katastrophaler sind die Folgen für den Einzelnen. Der Wachstumszwang ist strukturell bedingt und hat nur wenig mit der Einstellung der Individuen zu tun. Nicht einmal die Führung ist davon ausgenommen. Vorläufig sei nur auf die Tatsache verwiesen, daß es keinen Unterschied in der Wohlfahrt macht, ob ein Staaten- oder Firmenlenker links und ökologisch oder rechts und globalistisch ist: sobald der Wortqualm verraucht, tun beide das gleiche, müssen es tun. Denn Diedaoben vermögen nichts gegen die Norm und Diedaunten nichts gegen die Hierarchie - eingebunden und -gekettet in die Gesetze der Bereichsbewegung. Letztere setzt voraus, worüber seit dem Anfang die Rede ging: das gemeinsame Weltbild.

 

 

 

 


 

 

 

5.8             Information und Ressourcenstrom

 

         Alle von Lebewesen verursachte Veränderung, sei es Bewegung von Menschen, von Menschenmassen, von Materie / Material oder von Energie kann unter dem Terminus Ressourcenstrom subsumiert werden. Dazu zählt nicht nur die Verbrennung fossiler Energien, sondern auch die Kontaminierung unserer Nische, Überweidung, Abholzung und Verwüstung, sowie die vielfache mittelbare Kontaminierung, zB durch das Methan der Weidetiere. Das notwendige Bindeglied zwischen Information und Ressourcenstrom, Befehl und Ausführung, Signal und Reaktion ist die funktionale Hierarchie.

 

         Nur die Hierarchie setzt in Kaskaden sich abwärts von Ebene zu Ebene vermehrende Energie frei. Nur sie erzielt jene durch die Initial-Information beabsichtigte Wirkung. Nur die Hierarchie verwandelt Information in Aktion. Vom Schwung eines Hammers, den die unterste, bis zur Fahrt eines Großtankers, den die oberste Stufe veranlaßt, werden alle Bewegungen in Wirtschaft und Gesellschaft über die Hierarchie gesteuert und aufeinander abgestimmt. Jede Stufe ist auf ihre spezifische Weise an der Umsetzung von Information in Aktion beteiligt. Der Vorstand einer Firma muß die Konjunkturlage verstehen, die Marketingabteilung den Kundenbedarf, die Planung und Entwicklung muß im Lauf fortschreitender Materialisierung und Konkretisierung deren Vorgaben modellhaft Gestalt geben können; die Fertigung muß die Zeichnung deuten können, am Band muß man den Meister verstehen. Die Lehren der Revolution, die Signale des Marktes bzw. die Recherchen der Planungsbehörden werden umgesetzt in Anweisungen, Meetings, Kampagnen, Märsche, diese finden Form in Plänen, Verträgen und Orders und die schließlich setzen Munition, Kräne, Lastwagen, Werkzeugmaschinen, Freiheitskämpfer und Waren in Bewegung.

 

         Wir haben damit die Ebenen, die nach unten mit zunehmender Energie bewegt werden. Das Bild der Energiekaskade vom Knopfdruck zur Lastenbewegung gilt auch in der Gesellschaft; nur ist hier jedesmal noch der Vorgang des verstehenden Umsetzens von der Anweisung in die Aktion, also Information zwischengeschaltet. Kanalisierung, sei es als Konstruktion der Maschine oder als Bewegungsweise der Gesellschaft, macht beide funktionsfähig. (Das “Verständnis” in der Maschine ist die bauliche Anordnung, die den Knopfdruck in genau die Arbeit verwandelt, die von ihm beabsichtigt war. Von der Dysfunktion im System “Mensch-Maschine” lebt der Slapstick.) Und parallel zur zunehmenden Energie, die Ebenen herabsteigend, haben wir die Zunahme der gleichsinnig bewegten Menschenzahl.

 

Es ist offenbar wichtig, darauf hinzuweisen, daß die hierarchische Steuerung nicht abhängig ist vom Moment der Freiwilligkeit. Ein Revolutionsheer bedarf der Disziplinierung und Steuerung genau so wie ein gepreßtes Söldnerheer. Nur ist der Aufwand geringer, weil die starke gemeinsame Überzeugung, also die Norm, einen Großteil der Kontrollen und der Disziplinierungsmaßnahmen verzichtbar macht. Andererseits ersetzt die Kanalisierung einen Großteil der Folgebereitschaft [13] (Weber), d.h. der Wille, verstanden als zustimmende Hinwendung, kann ersetzt werden durch die Disziplin und ihre Durchsetzungswerkzeuge. So haben die meisten Soldaten ihre Vorgesetzten mit weit größerer Feindseligkeit angesehen, als den “Feind”.

 

         Der umgekehrte Weg, die Hierarchieebenen aufwärts, wäre die Wandlung von Aktion in Information. Er findet statt, wenn ein Ereignis (...Unwetter, Eisberg, Revolte...) wahrgenommen und per Boten sozusagen „aufwärts“ den Zuständigen des vermeintlichen Zielorts gemeldet wird. Hier geht es von der Makro-Energie z.B. des Aufmarsches über die mittleren, mit zunehmender Information versetzten Energien der Reitenden bis zur akustischen des letzten Boten, der die Meldung ins Ohr des Potentaten hechelt. Das bedeutet leidiglich, daß die Nebenwirkungen eines Ereignisses, die sich als Licht, Schall, Erschütterung, Kommentar, Abhörprotokoll, Kundschafterbericht usw. bemerkbar machen, rezipiert und zu Information gemacht werden.

 

 

Von oben herab wiederum wandelt sich, die entsprechende Dichte vorausgesetzt, jede Information in einen Ressourcenstrom, d.h. in einen Verbrauch unserer Nische. Was bei geringer Dichte allenfalls die Bevorratung eines Stammes- oder -Kriegszuges erfordert, das verlangt in der Zivilisation ein Kraftwerk, eine Plantage oder ein Heer von Wanderarbeitern. Es destruiert ohne Destruktionsabsicht. Oder, wie an anderer Stelle bereits erwähnt, sind die harmlosen Bestellzettel unserer Wirtschaft letzten Endes eine “Kriegserklärung durch Verbrauch” an das Leben.

 

 


 

         

                                             Literatur 

 

 

                  [1]      Agassi, “Between Micro and Macro”

Mind, Br J Philos Sci.1963; XIV: 26-31

1.

                     [2]      Aristoteles, Kant, Kategorientafel

                                Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, 2006

 

                [3]      Dretske, Fred I. , “Knowledge and the flow

of information”, Oxford, Blackwell 1981

 

                     [4]       Frege, Gottlob, “Funktion - Begriff - Bedeutung”

Sammlung Philosophie, Band 4, Vandenhoek & Ruprecht, 2007

[5]Kiener, Stefan “Die Principal-Agent-Theorie aus informations-

                                ökonomischer Sicht”, Physica-Verlag Heidelberg, Diss 1989,

 

[6]Luhmann, Niklas, “Soziale Systeme”,

Suhrkamp Taschenbuch 666

 

                     [7]       Marr, David ”Vision”

                                Freeman, New York, 1982

 

 

                     [8]      Pattee, Hrsg. Howard H., “Hierarchy Theorie”,

Georg Braziller, New York 1973

 

 

                     [9]      Popper, Karl R. “Die beiden Grundprobleme der Erkenntnistheorie”,

                                Mohr, Gütersloh 1979

 

 


 

 

 

                     [10]    Riedl, Rupert, “Die Ordnung des Lebendigen”

                                Paul Parey

 

 

                     [11]    Spektrum 1/2000,”Sehen und Bewußtsein”, S. 42 mitte

 

 

                     [12]    Spitzer, Manfred, “Geist im Netz”

Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 1997

 

                     [13]    Weber, Max, “Wirtschaft und Gesellschaft”

J.C.B. Mohr, 1972

 

 

                        [14]    Weizsäcker, Ernst v. “Überraschung und Bestätigung gibt Information”, Leitthemen, Information und Ordnung, b. Aulis, Köln 1984

 

 

 

 

 

 

 

                        Abbildungen

 

                        1.      Hantel und Atomium                                S. 7

 

                  2.      Von der Information zur Aktion

                           oder Die Mehrstufige Hierarchie              S. 27 

 

                  3.      Die Begriffshierarchie                              S. 54

 

                  4.      Einsetzung der Begriffe                           S. 64

 

                  5.      Das Steuerungsprinzip

                           der Gesellschaft                                      S. 95

 

 


 

 

Das Weltbild

ein Modell mit Erklärungswert

      Im Folgenden soll aus der Art und dem Verlauf des Denkens ein Modell des Weltbildes entwickelt werden, an Hand dessen einige Elemente der Erkenntnistheorie, des Glaubens und des Handelns sowie des gemeinsamen Handelns veranschaulicht und in einen klaren Zusammenhang gebracht werden können.

 

Das Weltbild gilt allgemein als eine Art Grundeinstellung des Menschen, ohne aber darüberhinaus irgendwelche festen Merkmale zu haben. Man spricht auch von Einstellung und Sichtweise und faßt diese eher atmosphärisch auf als strukturell. Ein Weltbild kann vom Glauben, von Skepsis, von guten oder schlechten Erfahrungen geprägt sein. Es wird dann“Weltanschauung” genannt und gewissermaßen mehr als Farbe denn als Form angesprochen. Auch die sog. Inhalte geben mehr Kontur als Struktur.

 

Dabei läßt schon das bewußte Denken einfachster Aussagen und Zusammenhänge einen Aufbau erkennen, der deutlich zwischen Vorstellungen und Begriffen einerseits und den Verbindungen / Kategorien zwischen ihnen andererseits unterscheidet. Zusammen bilden sie eine klare Struktur, die das Denken leitet.

 

Es ergibt sich ein einfaches graphenähnliches Modell, mit dessen Hilfe Entstehung, Aufbau, Funktionsweise und Eigenschaften des Weltbildes sowie die Wirkung auf Denken und Verhalten seiner Inhaber und auf die Steuerung der Gesellschaft erklärt werden.